Nur noch "vereinzelt" durch den Baumarkt

Region  Mit Abstand dürfen Kunden noch Farben und Gartenerde kaufen. Die Mehrheit hält sich inzwischen daran. Mitarbeiter sind dennoch verunsichert.

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Nur noch "vereinzelt" durch den Baumarkt

Mit Schildern werden in den Baumärkten auf die neuen Abstandsregelungen hingewiesen.

Foto: Christian Gleichauf

Baumärkte gehören zu den Branchen, die von der Corona-Krise profitieren können - solange sie geöffnet sind. Viele Heimwerker, die nun zu Hause bleiben müssen, nutzen die Zeit für Reparatur-, Renovierungs- und Gartenarbeiten. Nach einem Ansturm in der vergangenen Woche hat sich die Situation inzwischen wieder etwas entspannt - teilweise.

Zeit für den Sturmschaden

Auf dem Parkplatz des Baywa-Baumarkts Weinsberg lädt Herbert K. (Name geändert) Holz und Kunststoffplatten in sein Auto. Der 52-Jährige aus Oberstenfeld kann derzeit nicht mehr als Service-Techniker arbeiten. "Ich habe gerade den Job gewechselt, da kommt Corona." Wie es beruflich weitergeht, stehe in den Sternen. "Aber nachdem der Sturm Sabine mir das Dach von der Hütte geblasen hat, bleibt mir wenigstens die Zeit, das zu reparieren." Deshalb ist er froh, dass die Baumärkte noch offen sind. Auf seinem "Stückle" sei er allein, ein Ansteckungsrisiko gebe es somit nicht.

Sonntags geschlossen
Unterschiedliche Regelungen in den Bundesländern und teils auch in Kommunen stellen die Firmen vor Herausforderungen. "Wir reagieren oft von einem Tag auf den anderen", sagt ein Bauhaus-Sprecher. So würden etwa in Bayern, Sachsen und Niedersachsen die Schließungs-Regelungen wieder gelockert. Als zuletzt diskutiert wurde, dass Einkaufsmärkte auch am Sonntag öffnen dürfen, signalisierte Bauhaus, dass dies nicht infrage komme. "Umsatzmaximierung" stehe in Zeiten von Corona nicht im Vordergrund.

Im Markt bewegen sich die Kunden spürbar vorsichtig an diesem Montagvormittag. Eine Mitarbeiterin an der Kasse lässt aber durchblicken, dass nicht alle genug Rücksicht nehmen. Und sie räumt ein, dass die Unsicherheit auch bei ihr wächst. "Wenn ältere Leute wegen zwei Stiefmütterchen hierherkommen, dann verstehe ich das nicht. Und genauso wenig, wenn Eltern ihre Kinder mitbringen." Da verliere sie teilweise ihre gute Laune. Es sei jetzt einfach die Zeit, jeden unnötigen Kontakt zu vermeiden.

Endspurt vor der befürchteten Schließung

In der Zentrale der Baywa-Märkte, die von der nordrhein-westfälischen Hellweg-Gruppe betrieben werden, hat man deutschlandweit eine "spürbare Belebung" ab Donnerstag gespürt. Groß war offenbar die Sorge, dass auch die Baumärkte schließen müssen - was in Bayern, Sachsen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern dann auch passierte. Andernorts sind sie geöffnet, um die Grundversorgung der Bevölkerung sicherzustellen.

In den Baywa-Baumärkten gelten erhöhte Mindestabstände von drei Metern, Mitarbeiter an den Eingängen sollen darauf achten, dass nicht zu viele Kunden den Markt betreten. Ähnliche Einschränkungen gibt es in anderen Baumärkten. Obi hat als Hausregel zwei Meter Abstand zu anderen Personen, Bauhaus hält sich mit 1,5 Metern an die Vorgaben der Bundesregierung. Services wie Holzzuschnitt oder Beratung sind nicht mehr möglich. In Neckarsulm dürfen sich zudem nur noch 50 Personen gleichzeitig im Bauhaus-Markt aufhalten. "Das ist Teil unserer Vereinzelungsmaßnahmen", kommentiert ein Unternehmenssprecher.

Überwiegend verständnisvolle Kunden

Marktleiter und Unternehmenssprecher mehrerer Märkte berichten, dass Kunden inzwischen überwiegend verständnisvoll auf die Einlassbeschränkungen und Abstandsregelungen reagierten. Am Dienstagvormittag macht Leserin Livia Bartl aus Ilsfeld eine andere Erfahrung in einem Heilbronner Baumarkt. Zu viele Menschen hätten sich durch die Gänge gedrängt und keine Rücksicht genommen. Sie habe kein Desinfektionsmittel gefunden und Mitarbeiter würden keinen Mundschutz tragen. Als Pflegedienstleiterin sei sie sehr daran interessiert, sich selbst und andere zu schützen.

Der Marktleiter lässt diesen Vorwurf nicht stehen. Gegenüber der Vorwoche seien die Zahlen deutlich zurückgegangen. 150 Kunden dürften maximal gleichzeitig einkaufen - entsprechend der Größe des Marktes. "Am Eingang wird von externer Security gezählt, wie viele Leute den Markt betreten und wie viele ihn verlassen." Auch die Mitarbeiter seien durch zahlreiche Maßnahmen geschützt.

Wie man den persönlichen Kontakt vermeidet

Wer den persönlichen Kontakt vermeiden will, kann weiterhin in den Online-Shops der Baumärkte bestellen. Obi bietet beispielsweise auch die Möglichkeit, sich über eine Smartphone-App beraten zu lassen.

 


Kommentar "Mundschutz!"

Es gibt viele Regeln, an die man sich derzeit halten sollte. Eine entscheidende aber fehlt noch.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Vielen fällt es schwer, anderen nicht zu nahe zu kommen. Manche fassen sich häufig ins Gesicht, ohne darüber nachzudenken. Nur wenigen ist der Corona-Schock von Beginn an so in die Knochen gefahren, dass sie verlässlich Abstand halten. Deshalb sind menschliche Begegnungen derzeit so gefährlich. Man weiß nie, mit wem man es zu tun hat.

Die weiterhin geöffneten Super- und Baumärkte sind deshalb auch gewissermaßen ein Experiment, wie viel Normalität sich in den Corona-Zeiten erhalten lässt. Hinweisschilder und aufgeklebte Markierungen sollen zwar so oft wie möglich daran erinnern, worauf es ankommt. Und viele halten sich an die Regeln. Doch es gibt immer ein paar, die sich aus Unachtsamkeit oder Ignoranz über sie hinwegsetzen. Das gefährdet Leben. Vor allem die Beschäftigten der Märkte, die im Fall der Fälle kaum ausweichen können, sollten deshalb dazu verpflichtet werden, Mundschutz zu tragen. Er ist nicht wirkungslos, wie es vor Wochen so häufig hieß. Vor allem aber erinnert er gut sichtbar daran, dass derzeit nichts normal ist.

 

 


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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