Neues Experimenta-Schiff passt gerade so in eine Schleuse

Maasbracht/Heilbronn  Eine Werft in Holland baut mit großem Aufwand altes Dieseltransportschiff zu neuem Laborschiff um. Vier Tage wird die Jungfernfahrt vor Weihnachten bis nach Heilbronn dauern. Ab Januar wird die MS Experimenta die Türen zu Labor- und Workshopräumen öffnen.

Von unserem Redakteur Carsten Friese

Der erste Eindruck: ein ganz schöner Koloss. Stattliche 105 Meter Länge und 935 Tonnen Gewicht sind die imposanten Kerndaten der neuen, schwimmenden Besonderheit für Heilbronn. Die MS Experimenta, die auf der Tinnemans-Werft im niederländischen Maasbracht seit April mit viel Arbeitseinsatz zum Labor- und Workshopschiff umgebaut wird, steht kurz vor der Vollendung.

"Bis Weihnachten wird das klappen", blickt Werft-Geschäftsführer Geert Tinnemans auf ein schönes Präsent für die Experimenta voraus. Solch ein Projekt hat die Werft hier noch nicht gehabt. Sie haben schon Schiffe zu Disco- oder Hotelbooten umgebaut. Aber ein Wissenschaftsschiff? Noch dazu eines, das eine Deckenhöhe von 3,50 Meter im Schiffsbauch hat, eine Höhe, die normale Schiffsmaße um 1,50 Meter übersteigt? Es sei kein vergleichbares Schiff in Europa innen "so hoch wie dieses", verdeutlicht Jan Tinnemans.

Beim exklusiven Rundgang auf der Werft mit dem Marketingleiter der Experimenta, Robert Schwan, werden die Besonderheiten des Schiffes deutlich. Mit 105 Meter Länge passt es gerade so in eine Schleusenkammer auf dem Neckar. Die zwei Sonnendecks mit dem rutschfesten Spezialboden, die für Open-Air-Veranstaltungen genutzt werden sollen, wirken wie lange Sportfelder. Das Geländer ist an allen Seiten mit 1,10 Meter höher als die Vorschrift. "Sicherheit steht über allem", verdeutlicht Schwan, dass man mit Blick auf die Nachwuchstüftler besondere Maßstäbe angelegt hat. Auf dem Schiff werkelt ein Schweißer mit großem Schutzhelm gerade an einem Stahlträger, an anderer Stelle wird gehämmert und gemalert. Ein knalliges Rot überzieht den gesamten Schiffskörper - symbolhaft ist der Farbton dem Experimenta-Logo entliehen.

Drei Eingänge

"Sally" hieß das frühere Motortankschiff zuvor, das die Experimenta einem belgischen Kapitän abgekauft hat. Der fuhr in den letzten Jahren damit in großen Tanks Diesel durch Mitteleuropa, wollte das Schiff nach Ablauf der Lizenz für Tankschiffe verkaufen. Eine Schiffstechnikfirma hat die Experimenta beraten. Der Eigner habe das Schiff "liebevoll gepflegt, das hat man gleich beim ersten Besuch gemerkt", erzählt Schwan. Es war seine Idee, während der Baustellenzeit der Experimenta-Gebäude ein Schiff als Übergangslösung für Schüler-Laborkurse umzubauen. Eine außergewöhnliche Lösung sollte es sein. Und was passe zur Experimenta mit der Lage auf der Kraneninsel "besser als ein Schiff?", fragt Schwan.

Jetzt führt er durch einen der drei Eingänge ins Schiffsinnere, wo gleich frischer Farbgeruch auffällt. Modern und luftig ist der Schiffsbauch gestaltet. Laborräume für Grund- und Sekundarschüler sind hier entstanden, durch zusätzlich eingebaute Fenster erhalten die Räume viel Tageslicht. Geräumig wirkt das Innenleben beim Durchlaufen - immerhin 600 Quadratmeter Grundfläche kann die Experimenta bestücken. "Es ist kein Ersatz für die Experimenta", betont Schwan. Aber vor allem Laborangebote für die Schulklassen und freie Workshops am Wochenende und in den Ferien wolle man während der Schließzeit aufrechterhalten. Maximal 150 Personen sollen sich im Innern des Schiffs tummeln. "Das", sagt Schwan, "ist mit der Feuerwehr so abgestimmt."

Im Workshopraum fällt eine Art Rohrpostsystem "Ab durch die Luft" mit durchsichtigen Kunststoffröhren ins Auge, durch die per Tastendruck kleine Gegenstände geschleudert werden. Die große Kugelbahn aus Heilbronn steht jetzt hier; ein Hingucker ist zudem eine Klangmaschine, an der mit verschieden großen Nüssen Töne erzeugt werden. An einer Stelle blickt ein Roboterkopf mit großen Augen frech aus einer Vitrine hervor. Wenn er eingeschaltet ist, kann er die Mimik des Betrachters imitieren. Ein 3-D-Raum ist ein weiteres spannendes Angebot.

Schiffstaufe Ende Januar

Vier Tage wird die Fahrt der MS Experimenta von Maasbracht nach Heilbronn dauern. An einer Anlegestelle an der Badstraße soll sie vor Anker gehen. Ein pensionierter Kapitän aus Heilbronn wird das umgebaute Schiff auf der Jungfernfahrt steuern. Der erste Laborkurs ist für 8. Januar bereits gebucht. Ende Januar soll dann die Schiffstaufe mit der Gewinnerklasse aus einem Malwettbewerb und TV-Moderator Ralph Caspers ("Wissen macht Ah") stattfinden.

Für Robert Schwan ist das Mammutprojekt zur Herzenssache geworden. Gut 15 Mal war er inzwischen schon auf der Werft, um Details abzustimmen. Die Schiffsbaufirma lobt er für ihre pragmatischen Lösungen. Der gelernte Maschinenbau-Ingenieur findet es spannend, solch ein komplexes Projekt vom Anfang bis zum Ende zu begleiten. Und: Für die Kinder werde es eine besondere Faszination auf so einem Schiff zu sein, ist er überzeugt.

Von einem Dieseltankschiff merkt und riecht man nichts mehr. Schwan zeigt einen Lüftungsraum, in dem mächtige Röhren, breit wie ein Pizzaboden, zusammenlaufen. Ständig wird Luft aus den Räumen angesaugt, frische Luft von außen ins Innere gepumpt. Im Schnitt würden 30 Kubikmeter Luft pro Stunde und Person ausgetauscht, so Schwan. Auch das liege "weit über den Vorschriften" für ein Schiff.

Kosten bleiben geheim 

Wie viel  Geld der Schiffskauf und der rund achtmonatige Umbau gekostet haben, verrät die Experimenta nicht. Grundsätzlich macht die Dieter-Schwarz-Stiftung, die hinter der besonderen Lern- und Erlebniswelt steht, zu Kosten keine Angaben.

Dass es eine stattliche Summe ist, wird an dem Projektumfang deutlich. Nach Angaben der Werftführung war das Projekt „ein bisschen wie ein Hausbau“. Die Schiffsbauer mussten einen deckenhohen Längsstahlträger, der den Schiffsinnenraum durchzog, entfernen, die alten Dieseltanks kleinschneiden und rausziehen. In kleineren Etappen mussten sie Bodenplattenteile in das Schiff ziehen, da das Dach bis auf eine kleine Luke für das Ablassen von Exponaten komplett erhalten blieb.

Mit Hilfe von Ballasttanks, die mit Wasser befüllt werden, kann 650 Tonnen Zusatzgewicht geschaffen werden, um unter niedrigen Brücken hindurchzukommen. Das Steuerhaus kann zudem mit hydraulischer Hilfe abgesenkt werden. Moderne Technik wird auch Besuchern zugute kommen: Die MS Experimenta besitzt Fußbodenheizung, Klimaanlage sowie einen Behindertenaufzug. Vakuumtoiletten (wie in Flugzeugen) sind eingebaut, deren Tanks von Entsorgerfirmen geleert werden.

 Für die Zeit der Bundesgartenschau wird die MS Experimenta 2019 am Neckar des Buga-Geländes festmachen. Hier soll eine Mitmachausstellung für Kinder und Erwachsene mit Workshops und Laborgeräten für die Besucher entstehen. Ab 2020 soll das Schiff in deutschen Häfen als Werbeplattform für die Experimenta auf Tour gehen.