Neuer Wein-Rekord: 400 Tropfen im Weindorf

Heilbronn  Nie gab es auf dem Heilbronner Weindorf so viele Weine wie heute. Experten sprechen von einer Württemberger-Plattform mit Messe-Niveau. Im Kommen sind alkohlfreie Traubenprodukte.

Neuer Wein-Rekord: 400 Tropfen im Weindorf

Regelmäßig stellten die Weindorf-Beschicker ihre Weine auf die Probe. So bildete das Rokoko-Schlösschen Schießhaus einen würdigen Rahmen für eine interne Verkostung von Premium-Tropfen.

Foto: Matthias Heibel

Wunderschöne Blumen, neue Lauben und gute Gespräche. Im Heilbronner Weindorf geht der Gesprächsstoff nicht aus. In aller Munde ist der Wein. Was vielen gar nicht bewusst ist: Noch nie seit 1971 fließen so viele verschiedene Weine, Sekte, Seccos und alkoholfreie Traubenprodukte wie diesmal: genau 400, exakt 22 mehr als 2018.

Der Zuwachs hat einen Namen: der neue Öko-Stand am Rathaus. Zwar schenken vier der fünf Betriebe - Lauffener Weingärtner, Weingärtner Stromberg-Zabergäu sowie die Güter Stutz und Schäfer-Heinrich - bereits seit Jahren an anderen Ständen aus, doch haben sie in dem modernen Wengerthäuschen ihr Sortiment auf zusammen 21 Öko-Weine erweitert. Drei Tropfen steuert als Gast das Schlossgut Hohenbeilstein bei.

Secco und Wein ohne Alkohol

Der Zuwachs ist aber auch auf die neue Vielfalt an alkoholfreien Traubenprodukten (21) zurückzuführen, neben Saft gibt es neuerdings auch alkoholfreien Wein und Secco.

Neuer Öko-Stand auf Höhe der Zeit

Die Zahl der Betriebe war durch die Württemberger Fusionswelle zwischenzeitlich auf unter 30 gesunken. Durch Hohenbeilstein ist sie auf 33 geklettert, nachdem 2017 die drei "Neckarpiraten" am Hafenmarkt ins Dorf vorstießen: Weingärtner Cleebronn & Güglingen, Felsengartenkellerei Besigheim und die Nordheimer Privatkellerei Rolf Willy. Außerdem sind auf dem größten Weinreigen der Region neben Wengertern aus dem Heilbronner Land seit gut zehn Jahren auch solche aus Hohenlohe und dem angrenzenden Neckartal vertreten: von "normalen" Gütern über Prädikatsweingüter und Kellereien bis zu den traditionell tonangebenden Genossenschaften.

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Weißwein und Rosé stark im Kommen

Weil es in Deutschlands viertgrößtem Anbaugebiet - abgesehen von der Wein-Show der Jungwinzer - keine gemeinsame Weinmesse mehr gibt, kann Weindorf-Sprecher Karl Seiter getrost von der "größten Weinpräsentation Württembergs" sprechen. Anders als im Handel beträgt das Rot-Weiß-Rosé-Verhältnis im Dorf nicht 60:30:10 sondern zirka 40:40:20, "was dem Konsumverhalten auf solchen Festen" geschuldet sei. Naturgemäß ist Qualitätswein mit 250 Nennungen - von 34 verschiedenen Rebsorten - am stärksten vertreten. Einstiegspreis: zwei Euro pro Zehntel.

Immerhin ein Drittel liegen im Prädikatsweinbereich - bis hin zu neun Auslesen, zwei Eisweinen sowie zwei Beerenauslesen mit einem Zehntelpreis von bis zu zehn Euro. Nicht zu vergessen: 28 im Holzfass ausgebaute Tropfen, mit denen die heimischen Wengerter nach Angaben von Genossenschaftschef Justin Kircher und Gutsbesitzer Martin Heinrich inzwischen auch überregional, teils sogar international mithalten können.

Vorsicht bei dem Spiel mit Holz

Doch nicht allein durch "das Spiel mit dem Holz", so Kircher und Heinrich, sondern durch "viele Stellschrauben" hätten die Wengerter seit den 1990er Jahren die Qualität ihrer Weine erheblich steigern können: von umweltschonender Arbeit im "Ökosystem Weinberg", die auf weniger, aber gesündere Trauben abziele, über selektive Lese bis zur schonenden Verarbeitung, gesteuerter Gärführung sowie Lagerung in Stahl oder Holz. Hinzu kommen ansprechende Verpackungen und moderne Etiketten.

"Auch die Klimaerwärmung hat uns in die Karten gespielt", erklärt Kircher, zumindest beim Rotwein, wo Traditionssorten besser reifen und mediterrane Reben wie Merlot oder Cabernet Sauvignon selbst im Unterland Fuß fassen. Nicht zu vergessen: Weinsberger Züchtungen, die manchem Württemberger im Cuvée Struktur verleihen.

Experten geben Anstöße für noch mehr Qualität

Vorangetrieben haben das Qualitätsstreben auch die Globalisierung und der Konkurrenzdruck. Wie Motivationsspritzen wirken neben der amtlichen Qualitätsweinprüfung Wettbewerbe, aber auch Projekte, bei denen sich Wengerter gegenseitig befruchten: teils innerhalb von Genossenschaften, aber auch in überbetrieblichen Gruppen wie Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), Junges Schwaben oder Jungwinzer-Initiative Wein.Im.Puls, die zuletzt bei der Weinsommer-Reihe die Massen an die Neckarbühne gezogen hat. Vielleicht stellen die Jungwinzer auch mal im Weindorf einen eigenen Stand? Es wäre nicht die erste Dorferweiterung.

Auch die Weindorf-Veranstalter wollen die Winzer zu noch mehr Qualität anspornen: etwa durch regelmäßige Kontrollgänge, aber auch durch Wettbewerbe wie die Burgunderprobe im Ratskeller oder die Premiumprobe, wie jüngst im Schießhaus-Schlösschen. Unter der Moderation von Simon Bachmann, dem neuen Chefoenologen der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg, kam eine angeregte Diskussion in Gang. Die international bewanderte, aus Heilbronn stammende Beraterin Nicole Retter aus München attestiert den Wengertern "gegenüber den Vorjahren einen weiteren Qualitätssprung". Leider sei außerhalb der Region nicht allen klar: "Wir können mehr als Trollinger-Lemberger." "Wir brauchen uns nicht zu verstecken!", betont die in Mainz aufgewachsene Sylvia Dörr, einst Deutschlands erste Kellermeisterin und bis heute Dozentin. Im Vergleich zu Italienern und Franzosen seien die Württemberger ausgesprochen preisgünstig.

Derweil plädieren Urgesteine wie Martin Haag und Hermann Schneider trotz toller Erfolge mit internationalen Rotweintypen die schwäbischen Eigenheiten nicht zu vergessen: "Wir trinken Wein nicht nur zum Essen, sondern auch in Geselligkeit, da sollte es nicht zu schwer sein." Gerade der Trollinger dürfe nicht "hochkonzentriert daherkommen, sondern Frucht haben und Spaß machen", so Schneider. "Der Köder muss nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch." Selbst kritische Mitglieder der Weinbruderschaft Heilbronn schnalzen mit der Zunge: "Vor 20 Jahren hätte niemand gedacht, dass Württemberg solche Weine hervorbringen kann", meint Bruderschaftsmeister Karl-Ernst Schmitt. Sein streitbarer Kollege Dieter Kießling bedauert nur, dass das Thema Wein in den meisten heimischen Lokalen - und vor allem in der Innenstadt - stiefmütterlich behandelt werde, es sei denn, es ist Weindorf .


So war die Weindorf-Eröffnung

Welche Stimmung zur Weindorf-Eröffnung am Donnerstagabend rund um das Heilbronner Rathaus herrschte, zeigen wir bei Weindorf.live.

 

 

 

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