Neonatologie am Gesundbrunnen wird eingeweiht

Heilbronn  Ein Großprojekt, das in Rekordzeit und früher als geplant realisiert wurde: Heute wird die neue Neonatologie des SLK-Klinikums offiziell eingeweiht. Die neue Kinderklinik-Station bietet Eltern von Frühchen mehr Komfort beim schwierigen Start ins Leben.

Von Christian Klose
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Bald können Eltern mit ihren Kindern auf der Station C55 nach Herzenslust und in Ruhe kuscheln. So lange sie wollen. Liegend, in einem komfortablen, neuen Bett. Ohne, dass jemand stört. Fast so, wie Eltern es im eigenen Schlafzimmer zu Hause tun können, deren Kind nicht zu früh auf die Welt kam. Und nicht mehr − wie bisher − auf einem wenig bequemen Stuhl, der neben dem Inkubator steht, in dem das Frühchen sonst liegt. Zudem nicht mehr zusammen mit weiteren drei anderen betroffenen Familien in einem Zimmer, in dem es eng und wenig ruhig zugeht. 

Die neue Neonatologie der Kinderklinik am Gesundbrunnen ist fast fertig, die neuen Zwei- und Einbettzimmer so gut wie eingerichtet. Nur noch technisches Equipment fehlt. Ab Anfang August wird der Einzug ins Gebäude nach und nach stattfinden. Am heutigen Dienstag wird die neue Neonatologie des SLK-Klinikums offiziell eingeweiht (ausführlicher Bericht folgt).

Mehr Platz, mehr Komfort, mehr Intimsphäre

Die neuen Räume sind freundlich, mit wertigen Materialien ausgestattet. Und es gibt großzügig Platz. Maximal zwei Babys werden hier betreut, die Eltern haben jetzt Raum und Luft, während der kritischen Phase − wenn sie wollen − rund um die Uhr bei ihren Kleinen zu bleiben. "Bisher hatten wir für die Eltern kaum Platz, wir mussten aus Belegungsgründen vier Inkubatoren in ein Zimmer stellen. Und die Eltern konnten nur in einem Stuhl oder Liegestuhl bei ihren Kindern sein", erklärt Professor Peter Ruef, Ärztlicher Direktor der Kinderklinik am Gesundbrunnen.

"Künftig ist der Raum doppelt so groß, aber nur noch mit zwei Familien drin. Das bietet deutlich mehr Intimsphäre", sagt auch Stiftungsvorsitzender Ralf Klenk von "Große Hilfe für kleine Helden." Auch wird so eher vermieden, dass Pflegepersonal und medizinische Geräte die Kinder durch laute Geräusche erschrecken. Es gibt in den Patientenzimmern der kleinen Helden ein Beleuchtungskonzept, denn die Frühchen sollen es − trotz der unnatürlichen Situation − im Inkubator nahezu so haben wie im Bauch ihrer Mama. Dort ist es dunkel und von den Geräuschen gedämpft.

 

Große Spendenbereitschaft

Auch aufgrund der Berichterstattung in der Heilbronner Stimme haben viele Menschen das Projekt mit Spenden unterstützt. In einer vielschichtigen Artikelserie wurde von Eltern und Frühchen erzählt, deren bange Monate nach der Geburt, die Zweifel und Hoffnungen thematisiert und über die Kinder heute berichtet. >>Hier geht's zum Artikel-Dossier 

 

Die neue Neonatologie bietet jedoch auch weitere Einrichtungen, die das tägliche Betreuen der Kinder über viele Wochen für die Eltern deutlich komfortabler und damit erträglicher machen. Es gibt ein Stillzimmer und einen Aufenthaltsraum mit moderner Küche, Esstisch und Stühlen, in dem die Eltern sich auch etwas zum Essen warm machen können. "Der Raum ist aber auch deshalb wichtig, damit sich betroffene Eltern untereinander austauschen können", sagt der Klinikdirektor. "Denn die Eltern gehen am Anfang durch die Hölle. Es ist ein ständiges Auf und Ab der Gefühle, einhergehend mit der Sorge, ob das frühgeborene Kind überlebt und sich gesund entwickelt".

Im neuen Gebäude gibt es auch Einzelzimmer für Kinder, die aufgrund der Diagnose isoliert werden müssen. "Wir haben alle Möglichkeiten der medizinischen Versorgung und der Diagnostik für diese kleinsten Kinder", sagt Ruef, "da müssen wir uns vor Uni-Kliniken nicht verstecken". Daran war die Stiftung "Große Hilfe für kleine Helden" maßgeblich beteiligt.

Viel Zuwendung und positiv wirkende Reize wichtig

Die meisten Frühgeborenen werden zwar gesund geboren, sind aber wegen ihrer Unreife nicht auf das Leben außerhalb des Mutterleibs vorbereitet. Ziel der medizinischen Betreuung der Frühchen ist daher, die unreifen Funktionen wie Atmung und Wärme zu unterstützen, ohne den Kindern durch die Intensivmedizin körperlich und seelisch zu schaden. Entscheidende Entwicklungsschritte des Gehirns erfolgen beim ungeborenen Kind zwischen 22 und 40 Wochen. Beim extrem unreifen Frühgeborenen erfolgt der größte Teil dieser Entwicklung im Inkubator. Eine normale Entwicklung des Gehirns außerhalb des Mutterleibs ist möglich, wenn das frühgeborene Kind viel Zuwendung und positiv wirkende Reize erfährt, während unangenehme Erfahrungen und Reize vermieden oder minimiert werden.

Aus diesem Grund wurde das Konzept der "Entwicklungsfördernden Pflege" nach Heidelise Als (Boston, USA) 2006 am SLK-Klinikum am Gesundbrunnen eingeführt. Dieses Konzept für Frühgeborene wirkt sich positiv auf die körperliche und seelische Entwicklung des Kindes aus. Ziel ist dabei besonders, die Eltern bei der Pflege einzubeziehen.

Artikel zum Thema: Ohne Millionen-Spende hätte es keinen Neubau gegeben

"Das ist sehr wichtig, weil das Kind die Stimmen kennt. Doch viele Eltern von Frühchen sind extrem ängstlich, ihr Kind zu berühren", sagt Professor Ruef. Auch in der SLK-Kinderklinik wird das "Känguruhen" praktiziert. Dabei liegt das Frühgeborene bis auf eine Windel unbekleidet auf der nackten Brust der Mutter oder des Vaters. Günstige Effekte gehen vom engen Hautkontakt, dem Wiegen auf der Brust und der Gewöhnung an die Brust und das Trinken von Muttermilch aus. Auch die bekannten Gerüche der Eltern sorgen beim Frühchen für ein Gefühl von Geborgenheit.

Die Känguruh-Betten erlauben Eltern und Kind viele Stunden gemeinsam in engstem Kontakt zu verbringen. In der Neonatologie am Gesundbrunnen kann nun in nagelneuen Betten gekuschelt werden.

 


Kommentar: Gutes Gefühl

Von Christian Klose

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Es gibt nichts Schöneres, als ein Kind zu bekommen. Meistens gehen wir davon aus, dass eine Schwangerschaft und die Geburt ohne Komplikationen verlaufen. Schaut man auf seine eigenen gesunden Kinder und auf den Nachwuchs im Freundeskreis, dann scheint sich dieser Eindruck zu manifestieren. Doch es gibt eben auch Babys, deren Start ins Leben nicht reibungslos ist.

Krankheitsbilder und Gründe bei Kindern, die von der ersten Minute an von Spezialisten und Hightech-Geräten unterstützt werden müssen, gibt es einige. Dass Frauen später schwanger werden, trägt dazu bei. Frühchen sind besondere Kinder, die den Eltern viel abverlangen. Neben der guten Betreuung gibt es hier endlich ein modernes Umfeld, das den Familien die schwierige Zeit erträglicher macht. Das ist ein gutes Gefühl für Paare, die einen Kinderwunsch, aber auch Sorge vor Komplikationen haben.

Am Gesundbrunnen ist − auch dank der Spenden der Stimme-Leser − ein Angebot mit höchstem Standard entstanden. Die Neonatologie ist ein Leuchtturm für die Region.

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christian.klose@stimme.de


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