Nadia Murad: Nobelpreisträgerin von nebenan

Region/Oslo  Zwei Jahre wohnte Nadia Murad in Heilbronn. Die Friedensnobelpreisträgerin hat hier eine Schule besucht, aber schon während ihrer Zeit in der Region war die Jesidin viel unterwegs. Als Menschenrechtsaktivistin.

Von Jens Dierolf, Heike Kinkopf und dpa

Nobelpreisträgerin von nebenan

Menschenrechtsaktivistin trifft Ministerpräsident: Nadia Murad dankt Winfried Kretschmann im Juli 2016 für die Hilfe des Landes.

Foto: dpa

 

Sie wurde entführt, gefoltert, missbraucht und gedemütigt. So wie Tausende jesidische Frauen im Nordirak. Ein unvorstellbares Martyrium. Der Tod, so berichtete es Nadia Murad nach ihrer Flucht aus der Sklaverei des Islamischen Staates (IS), habe für sie den Schrecken verloren. "Der Tod ist harmlos im Vergleich zu der Hölle, durch die wir alle gehen mussten." Die heute 25-Jährige war gerade 19, ging noch zur Schule, als der Islamische Staat ihr Dorf im Sindschar-Gebiet überfiel. Ihre Mutter und sechs Brüder wurden getötet, Nadia gefangen genommen, benutzt, weiter verkauft. "Blonde, blauäugige und hellhäutige Mädchen waren besonders gefragt", erzählte sie später.

Drei Monate überlebte sie, wo viele längst aufgegeben hätten. Bis die junge Frau beim Kauf einer Burka ihren Peinigern entkam. Ausgerechnet eine muslimische Familie half der jungen Jesidin bei der Flucht ins kurdische Grenzgebiet. Von dort gelangte sie 2015 zusammen mit ihrer Schwester über das Sonderkontingent für Jesidinnen des Landes Baden-Württemberg nach Heilbronn. Sie lebten anonym in einer Gemeinschaftsunterkunft.

Murads Aufenthalt sollte geheim bleiben

In der Stadtverwaltung war dies ein offenes Geheimnis, Flüchtlingshelfer wussten davon, genauso wie die Heilbronner Stimme. Doch Murads Aufenthalt sollte geheim bleiben, auch um die jetzige Friedensnobelpreisträgerin zu schützen. Gerade ihr öffentlicher Kampf gegen die bestialischen Verbrechen der Schergen des Islamischen Staates macht sie zur Zielscheibe der Radikal-Islamisten.

Über das Leben Murads in Heilbronn ist wenig bekannt. Sie lebte abgeschottet, ging zwei Monate auf die Johann-Jakob-Widmann-Schule in eine Vorbereitungsklasse, war extrem dankbar für die Hilfe, die sie und die anderen Jesidinnen hier bekommen hat, berichten Flüchtlingshelfer. Doch die Kontaktaufnahme war schwierig.

Mehrfach bemühte sich unsere Redaktion um ein Interview oder ein Treffen mit Murad in Heilbronn − mit der Zusage, ihren Wohnort nicht preiszugeben − doch stets sagte ihr Team Treffen ab. Auch deshalb, weil Murad schon zu ihrer Zeit in Heilbronn ständig als Menschenrechtsaktivistin unterwegs war rund um den Globus. "Sie war mehr weg als da", sagt eine Ehrenamtliche.

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Dass Murad Anfang 2017 aus der Gemeinschaftsunterkunft in Heilbronn wegzog, hatte auch Sicherheitsgründe, erfuhr unsere Zeitung aus dem Umkreis Murads. Nun hat sie im Großraum Stuttgart ihren festen Wohnsitz. Und dort wird sie als Trägerin des Friedensnobelpreises wohl künftig noch strenger bewacht werden müssen.

Den Schutz der Jesidinnen, die noch immer in Heilbronn leben, hat nach Informationen unserer Zeitung das Bundeskriminalamt (BKA) mit Sitz in Wiesbaden übernommen. Details zum Schutzkonzept werden nicht preisgegeben. "Gerade weil es um die Sicherheit geht, werden wir uns dazu nicht äußern", sagt eine Sprecherin des BKA. "Es kann sein, dass eine Polizeistreife regelmäßig an einem Haus vorbeifährt, es kann sein, dass eine Videoüberwachung angeordnet wird".

Von Stuttgart aus, wo Murad zeitweilig ein eigenes Büro hat, koordiniert sie ihr Engagement gegen den IS-Terror. Weltweit spricht sie über ihre Qualen, klagt an, inzwischen sogar als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen. Mit Menschenrechtsarbeit verarbeitet sie ihre Traumata. "Sie reist unermüdlich rund um die Welt, um über die Unmenschlichkeit der Terroristen zu berichten", sagt Jürgen Tetzel, Sprecher von Jesiden weltweit, der Stimme. "Ihr Mut, vor einem Millionenpublikum über all das zu sprechen, hat mit dieser höchsten Ehrung, die auf Erden dafür vergeben werden kann, ihren gerechten Lohn gefunden." Murad hat sich einen Namen gemacht.

Sorge um ihre Sicherheit

Inzwischen, so heißt es aus ihrem Umkreis, hat sie sich noch weiter aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, auch aus Sorge um ihre Sicherheit. Sie hat ein Team aus Unterstützern um sich geschart, betreibt ein Büro in New York und London und konzentriert sich auf die Arbeit ihrer Nichtregierungsorganisation. Ihr Engagement gilt der Entfernung von Landminen im einstigen Herrschaftsgebiet des IS, der Strafverfolgung von Terroristen, und sie kämpft um Jesidinnen, die von den verbliebenen IS-Kämpfern noch immer als Sklavinnen gehalten werden. Ein wichtiges Ziel ist die sichere Rückkehr der Jesiden in ihre Heimat, aus der sie vertrieben wurden.

Was Frauen durchmachen und wie sie verletzt werden können, wenn sie von einer Gruppe Männer vergewaltigt werden, ist unvorstellbar. Auch der mit Murad mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Denis Mukwege hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, diesen Frauen zu helfen. Der 63-Jährige gilt in seinem Heimatland Kongo als weltweit führender Experte für die Behandlung von Verletzungen durch Gruppenvergewaltigungen − und als Aktivist gegen sexuelle Gewalt

"Die Integration der Jesidinnen in Heilbronn ist eine Erfolgsgeschichte."

Als Pfarrer hat Steven Häusinger von der evangelischen Nikolai-Kirchengemeinde viel mit Flüchtlingen zu tun. Nadia Murad habe er gesehen, aber keinen Kontakt zu ihr gehabt, sagt er. "Die Integration der Jesidinnen in Heilbronn ist eine Erfolgsgeschichte. Vor allem die Kinder sind sehr offen. Viele sprechen schon perfekt Deutsch. Einer hat sogar das Abi geschafft", weiß er. "Und das nach drei Jahren."

Gerade die Mütter hätten eine enorme Bürde. "Das erinnert mich oft an unsere Großelterngeneration", sagt Häusinger. "Sie versuchen, die schrecklichen Erlebnisse nicht an ihre Kinder heranzulassen." Krieg, Terror und Misshandlungen hätten tiefe Narben hinterlassen.

"Es gab die Vereinbarung der Geheimhaltung", sagt Häusinger über die Zeit Murads in Heilbronn. Auch wenn Murad nicht mehr hier lebt, die Integration der anderen Jesidinnen geht weiter. Wie er höre, öffneten sich viele Frauen und vertrauen sich und ihre furchtbaren Erlebnisse den Flüchtlingshelfern an.