Nachrichten auf allen Kanälen

Heilbronn  Bei der Zisch-Talkshow in Kirchheim haben Achtklässler mit Stimme-Verleger Tilmann Distelbarth und Chefredakteur Uwe Ralf Heer über Zeitungsleser und Medieninhalte diskutiert. Dabei wurde unter anderem deutlich: Guter Journalismus kostet Geld.

Von Tanja Ochs

 

Die Achtklässler der Kirchheimer Gemeinschaftsschule auf dem Laiern sind eigentlich keine Zeitungsleser. Das zeigt eine spontane Umfrage: Nur die Lehrer outen sich bei der Zisch-Talkshow als regelmäßige Printnutzer. "Ich finde es schön, Papier in der Hand zu haben", erklärt Rektorin Simone Brett. Auch ihre Schüler sind vielseitig interessiert, nutzen aber andere Medien.

Bei der Gesprächsrunde wollen die Jugendlichen deshalb von Stimme-Verleger Tilmann Distelbarth und Stimme-Chefredakteur Uwe Ralf Heer wissen: "Wer liest überhaupt noch Zeitung?". Eine Stunde lang fühlen die Moderatoren Steven Schmitt und Jamie Schröpfer den Besuchern auf den Zahn. Das Los hatte entschieden, wer die Fragen auf dem Podium stellen darf. Fake News, Qualitätsjournalismus und Arbeitsbedingungen in der Redaktion werden dabei genauso angesprochen wie ganz private Themen.

Gute Nachrichten sind nicht umsonst

Nachrichten auf allen Kanälen
Die Achtklässler der Gemeinschaftsschule lesen Nachrichten vor.

Warum zahlen, wenn es Informationen auch umsonst gibt? Für Jamie Schröpfer ist klar: Das Hauptargument gegen eine Zeitung ist das kostenlose Angebot im Internet. Ob allerdings relevante Informationen auch künftig immer umsonst zu haben sind, bezweifelt Tilmann Distelbarth. Online-Abos seien keine Seltenheit, auch die Heilbronner Stimme arbeite an einem neuen Premium-Modell fürs Internet. "Wenn ich Musik hören will, zahle ich auch", so der Verleger. Uwe Ralf Heer, als Chefredakteur verantwortlich für alle Medieninhalte des Unternehmens, wird deutlicher: "Unabhängiger Journalismus kostet Geld." Jeder müsse entscheiden, was er wem glauben könne.

Es sei der Kardinalfehler der Zeitungsverlage gewesen, ihre Onlineauftritte ausschließlich über Werbung zu finanzieren. Inzwischen gebe es immer mehr Bezahlmodelle. "Das macht Sinn", sagt Kiara Schoch. Bislang google sie einfach, wenn sie etwas wissen will, gibt die 14-Jährige zu. Aber eigentlich sei doch logisch, dass Nachrichten etwas kosten.

Immer mehr junge Leute informieren sich mit der Stimme

"Jede Zeit hat ihre Art der Information", sagt Heer. Dass Achtklässler keine Zeitungsleser sind, sei nicht überraschend - und auch nicht schlimm. Das Medienunternehmen erreiche trotzdem immer mehr jüngere Leser, nur eben über andere Kanäle. "Wir müssen die Mischung schaffen", betont der Chefredakteur. Als Familienzeitung organisiert die Stimme einerseits Kinder- und Jugendprojekte, andererseits liegt das Durchschnittsalter der Abonnenten bei 60 Jahren. "Wir sind ein Gemischtwarenladen", so Heer. Wichtig sei, mit den Inhalten alle Zielgruppen zu erreichen. Dabei sind regionale Nachrichten nach wie vor der Schwerpunkt. "Wir schreiben über Dinge vor Ort, die alle angehen", sagt der Verleger.

Nachrichten auf allen Kanälen

Die Achtklässler der Gemeinschaftsschule lesen Nachrichten vor. Verleger und Chefredakteur müssen entscheiden, welche wahr und welche erfunden sind.

Seit 22 Jahren arbeitet der dreifache Familienvater in dem Unternehmen, das sein Großvater Paul Distelbarth vor 73 Jahren gegründet hat. Zeitung lese er gedruckt und digital, erzählt der 52-Jährige. "Am liebsten habe ich sie in der Hand." Aber tagsüber informiere er sich im Internet. Auch Uwe Ralf Heer ist den ganzen Tag auf verschiedenen Plattformen unterwegs, um "die Nachrichtenlage zu scannen", wie er sagt. "Ich muss mitkriegen, was passiert." Als Chefredakteur müsse er immer erreichbar sein, trotzdem gebe es einen Feierabend. Auch der Verleger erzählt von dem Gefühl, "nie fertig zu sein". Aber "so funktioniert das Leben nicht", sagt Distelbarth. Man müsse auch mal durchatmen.

Ob seine Kinder einmal in die Zeitungsbranche einsteigen müssen, wollen die Kirchheimer wissen. "Jeder darf machen, was ihm Spaß macht", erklärt Distelbarth. "Die Kinder können tun, was sie wollen." Auch sein Vater habe ihn nicht gedrängt, obwohl er schon im Kindergartenalter unbedingt Zeitung lesen wollte. Zumindest sei Papier bei seinen Kindern nicht sehr gefragt, gibt er zu: "Eher das Tablet."

Redaktionsarbeit hat sich verändert

Den Gemeinschaftsschülern geht es ähnlich und sie fragen sich, was das für eine Zeitungsredaktion bedeutet. Mit den Inhalten habe sich deren Arbeitsweise geändert, erklärt der Chefredakteur. Online-Plattformen werden rund um die Uhr bestückt, Redakteure sitzen längst nicht mehr nur am Schreibtisch. "Mobiles Arbeiten gehört dazu", betont Heer. Die knapp 100 Redakteure seien deshalb technisch so ausgestattet, dass sie auch unterwegs schreiben können.

Trotzdem sei das Internet schneller als die Zeitung, gibt Steven Schmitt zu bedenken. Für die Redaktion bedeute das, den "Journalismus der zwei Geschwindigkeiten" umzusetzen, erklärt Heer. Einerseits schnell und aktuell im Internet, immerhin drei Millionen Zugriffe gibt es pro Monat auf stimme.de. Anderseits mit Hintergrundberichten in der Zeitung, die mit Anfang und Ende andere Möglichkeiten bietet.

Für die Schüler sei der Druck aber auch out, weil ihnen Umweltschutz wichtig ist, sagt Moderator Jamie Schröpfer. Ein Thema, das allerdings auch dem Unternehmen wichtig ist. Verwendet werde recyceltes Papier, die neue Druckmaschine brauche 40 Prozent weniger Strom und auch die früher hoch giftigen Druckplatten seien Geschichte, zählt Distelbarth auf.

 

 

 

 

 
 

Kommentar hinzufügen