Nachhaltiges Leben ist Thema des Jugendgipfels in Heilbronn

Heilbronn  Nachhaltiger Konsum - wie geht das eigentlich? Mehrere Schulen haben im Heilbronner Bildungscampus eine Großveranstaltung organisiert, bei der an zwei Tagen mehr als 1000 Kinder und Jugendliche teilnehmen.

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Im Jahr 2015 haben 192 Nationen die SDG unterzeichnet. Diese Sustainable Development Goals, also die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, waren Inhalt des ersten Jugendgipfels in Heilbronn. Organisiert hat die zweitägige Veranstaltung die Initiative "Future Fashion at school", deren Ursprünge am Bad Friedrichshaller Friedrich-von-Alberti-Gymnasium (FvAG) liegen.

Aus der dortigen Schülerfirma Changemaker, die Kleidungsstücke aus nachhaltiger Produktion vermarktet, entstand die Bewegung, die landesweit nachhaltigen Konsum thematisiert. Mittlerweile haben sich sieben weitere Schulen angeschlossen. Mehr als 1000 Jugendliche haben den Jugendgipfel besucht.

>>> Warum die Schüler sich für das Thema interessieren

Die verschiedenen Aspekte von Nachhaltigkeit

Schüler verkaufen faire Mode beim Jugendgipfel. Foto: Annika Heffter

Nachhaltiges Leben, das wird auf dem Bildungscampus deutlich, hat viele Facetten - aber nicht jeden Schüler interessiert das. Die einen sitzen auf dem Boden und starren auf ihre Handys, während die anderen begeistert und motiviert nur wenige Meter weiter am Stand der Experimenta einen Brennstoffzellen-Energiespeicher nachbauen oder eine hermetisch abgeschlossene Biosphäre schaffen. In einem Einmachglas kann über mehrere Jahre eine Kräuter-Kresse-Mischung wachsen, ohne dass man den Deckel öffnet oder die Pflänzchen gießt.

Eine Gruppe peppt ältere Kleidungsstücke auf. Julie, Elftklässlerin des Theodor-Heuss-Gymnasiums Heilbronn, näht ein kleines Haus auf ein weißes T-Shirt. "Ich kann mir vorstellen, das öfter zu machen", sagt sie. Es sei wichtig, sich mit dem eigenen Konsum auseinanderzusetzen. Viel tun müsse man nicht: "Es ist ganz einfach, nachhaltig zu leben."

Bönnigheimer Gymnasium hinterfragt den regen Konsum von Kleidung

Das fängt mit der Kleidung an - wie der Flashmob des Alfred-Amann-Gymnasiums aus Bönnigheim zeigt. Die Teilnehmer hinterfragen, warum immer wieder neue Hosen und Pullis gekauft werden müssen. Mehr Qualität statt Quantität, dafür werben sie. Viele Schülern würden sich dafür aber nicht interessieren, bedauert der Neuntklässler Noel. Doch wenn aber Schüler selbst den Akzent setzen, kann das etwas bewirken, heißt es aus der Gruppe.

Das Gymnasium ist dafür mit ein gutes Beispiel. Im Bildungscampus stehen Kleiderständer mit getragenen Hosen und Blusen, auf Tischen stapeln sich Pullis. "Kleidertausch statt Kaufrausch", so der Appell des Gymnasiums. Eine solche Aktion gibt es bereits an der Bönnigheimer Schule, und sie kommt an, erzählen die Siebtklässlerinnen Jana und Sophie. Ihnen gefällt der Jugendgipfel. "Ich finde ihn sinnvoll", sagt Jana. "Man macht sich bewusst, womit man sich umgibt." Zum Beispiel mit T-Shirts, bei deren Produktion viel Wasser benutzt wird und die Transportwege lang sind.

Der Organisator ist begeistert

Axel Schütz, Lehrer am FvAG und einer der Initiatoren des Gipfels, ist von der Resonanz begeistert. Mit insgesamt 600 Anmeldungen hätten die Verantwortlichen gerechnet, bis zum Start der ersten Großveranstaltung dieser Art in der Region lagen 1100 vor. Die Jugendlichen sollen inspiriert werden, sagt Schütz. In Seminaren heißt es "Woher kommt mein T-Shirt?", es geht um "Upcycling" oder die konkrete Umsetzung.

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UN-Mitarbeiter Julian Caletti lobt das Engagement der Jugendlichen und bietet seine Unterstützung an. Foto: Tanja Ochs

Die Jugendlichen sollen durch den Kontakt mit UN-Mitarbeiter Julian Caletti oder dem Umweltpolitiker Ernst Ulrich von Weizsäcker dazu animiert werden, selbst Themen anzupacken. Am sogenannten Markt der Möglichkeiten informieren Organisationen und Gruppen über ihre Leistungen. Mit dabei sind die Lokale Agenda aus Heilbronn und die Aktion Hoffnung, die Kleidung in Containern sammelt, weiterverkauft oder wiederverwertet. "Jugendliche sollen bewusster einkaufen", betont Bereichsleiterin Regina Hagmann-Kutruff. Sie hofft, den Nachwuchs zum Nachdenken anzuregen: "Wenn ich billig einkaufe, muss die Kleidung weggeworfen werden." Sie setzt stattdessen auf bessere Qualität: "Dann kann man der Kleidung auch eine zweite Chance geben."

"Der Anfang für etwas Großes"

Die Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit (SEZ) Baden-Württemberg unterstützt Future Fashion at school. Bei der Eröffnung des Jugendgipfels sagt Geschäftsführer Philipp Keil, er hoffe, dass die Veranstaltung "der Anfang für etwas Großes" ist. "Wir müssen jetzt starten, es ist kurz nach 12", betont Keil. Deutlich macht der SEZ-Chef das an einem plakativen Beispiel. Jedes in Baden-Württemberg geborene Kind sei 30 Mal belastender für die Umwelt als eins aus Afrika. Unser großes Maß an Lebensqualität gehe zu Lasten des Planeten. "Wir müssen uns entwickeln", fordert Keil deshalb. Das gesellschaftliche und das ökologische System müsse sich ändern - und "wir sind alle Teil davon".

Jeder müsse bei sich selbst anfangen, die Nachhaltigkeitsziele umzusetzen. Hoffnung gebe ihm die Tatsache, dass sich so viele Schüler dafür engagieren.


Warum die Schüler sich für das Thema interessieren:

Lucas Popp, 16, Hermann-Greiner-Realschule Neckarsulm

Ich interessiere mich sehr für das Klima und die Umwelt. Besonders nachhaltige Mode finde ich spannend. Deshalb ist der Workshop Modedesign ganz besonders interessant für mich. Wir haben freiwillig in der Klasse entscheiden dürfen, ob wir heute zum Jugendgipfel kommen. Die Mehrheit hat sich dafür entschieden, deshalb bin ich mit meiner ganzen Klasse 10d hier.

Meine Kleider habe ich in einem Second Hand Shop gekauft. Ein Mädchen aus der Schule hat mich inspiriert, also habe ich sie auf Instagram angeschrieben und sie hat mir einen Second Hand Laden in Stuttgart empfohlen, VinoKilo. Da habe ich nicht lange überlegt und bin mit Freunden hingefahren. Für etwa 80 Euro habe ich dort fünf Jacken bekommen. In einer von den Jacken habe ich eine alte portugiesische Münze gefunden, der Vorbesitzer muss also Portugiese gewesen sein. Die Münze bewahre ich jetzt als Glücksbringer auf.

Ich wünsche mir, dass zum Beispiel Baumwollarbeiter eine bessere Bezahlung bekommen. Es wäre schön, wenn wir Produkte nachhaltiger geliefert bekommen und zum Beispiel alte Kleider weitergeben statt wegschmeißen.

Mia Hoffsümmer, 17, Alfred-Amann-Gynasium Bönnigheim

Bei uns an der Schule gibt es eine Projektgruppe „Future Fashion“ und wir betreiben hier beim Jugendgipfel den Kleidertausch. Wir haben auch in der Schule schon eine Tauschparty organisiert. Ansonsten sind zum Beispiel die Einnahmen von unserem Weihnachtsmarkt an der Schule an unsere Partnerschule in Nepal gegangen.

Wichtig ist, dass man nicht nur darüber nachdenkt, was man verändern kann, sondern es dann auch wirklich macht. Bei vielen ist leider im Kopf drin, dass zum Beispiel Second Hand Kleidung ja schon einmal jemand anhatte, was aber gar nicht schlimm ist, wenn man einmal darüber nachdenkt. Wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt, merkt man sowieso schnell, dass man konkret etwas verändern kann.

Ich selbst bin seit fast vier Jahren vegan und achte zum Beispiel auf das Energiesparen und darauf, meinen Konsum zu verringern. Allgemein kann jeder etwa bei der Ernährung darauf achten, weniger tierische Produkte zu verwenden und öfter mit den Öffentlichen oder dem Fahrrad zu fahren. Wenn es nur 400 Meter bis zum Bäcker sind, muss man nicht mit dem Auto fahren. Außerdem kann man untereinander Kleider tauschen. Wenn man zu Hause Kleider aussortiert, kann man zum Beispiel Freunde fragen, ob sie etwas davon gerne hätten.

Jan Vajs, 22, Musiker und Angestellter aus Bad Wimpfen

Ich wurde engagiert, um hier für Musik und gute Stimmung zu sorgen. Es ist etwas Besonderes, hier zu spielen, in diesem Rahmen, denn Nachhaltigkeit wird ja mittlerweile großgeschrieben. Mir ist es wichtig, dass wir uns über Nachhaltigkeit nicht nur in Sachen Plastik unterhalten, sondern auch über die Regionalität unserer Produkte nachdenken.

Wo lassen die Unternehmen produzieren, bei denen wir einkaufen, wurde es aus China hierher transportiert oder zum Beispiel in Deutschland, Österreich oder den Niederlanden gefertigt. Regionalität ist ein wichtiger Punkt, der oft vergessen wird. Zum einen sollten wir regional denken, um unsere Gemeinschaft in der EU zu stärken und zum anderen, um durch kleinere Transportwege die Umwelt zu schützen.

Lena Saupp, 12, Friedrich-von-Alberti-Gymnasium Bad Friedrichshall

Lena Saupp. Foto: Annika Heffter

Wir von der 7c haben heute eine Exkursion zum Jugendgipfel gemacht. Ich war schon im Workshop „Upcycling“. Der Workshop war gut aber die Zeit war zu knapp. Ich habe dort ein bisschen Nähen gelernt und erfahren, wie wir Dinge sinnvoll wiederverwerten können. Wir haben Taschen aus alten Planen gemacht und Stoffsäckchen aus alten Klamotten.

An dem Jugendgipfel ist schön, dass man mehr über Nachhaltigkeit lernt und auch Leute da sind, die eine hohe Stellung haben. Man sieht, dass Fridays for Future etwas bringt und dass den Leuten Umweltschutz wichtiger wird. Ich selbst nehme keine kleinen Plastikflaschen mehr und den Käse an der Käsetheke nehmen wir in Tupperdosen mit. Die Leute müssen wissen, dass man jetzt noch etwas tun kann und jeder etwas bewegen kann. 

Ein Kommentar von Tanja Ochs: Deutliches Zeichen

 

Die Jugendlichen, die seit Monaten für ihre Zukunft auf die Straße gehen, haben es geschafft, ihr Thema auf die Agenda der Weltpolitik zu setzen. Aus vielen einzelnen Aktionen ist eine globale Bewegung geworden. Und selbst wer das Engagement noch immer als Gegröle von Schulschwänzern abtut, kann die Fakten kaum ignorieren: Der Meeresspiegel steigt, die Co2-Belastung wächst, der Regen bleibt aus.

In Heilbronn haben hunderte Schüler in den vergangenen beiden Tagen ein deutliches Zeichen gesetzt. Mehr als 1000 von ihnen haben den ersten SDG-Jugendgipfel besucht, der mit Gastrednern wie Ernst Ulrich von Weizsäcker oder UN-Mitarbeiter Julian Caletti weit mehr als eine Schulveranstaltung war. Die Motivation aller war beeindruckend. Es ging um Inhalte, nicht um Floskeln. Die Jugendlichen haben zwei Tage lang diskutiert, organisiert, sich informiert und über Lösungen nachgedacht - für den Alltag und für das große Ganze.

Wer die Aufbruchstimmung erlebt hat, weiß, dass Klimaaktivisten keine Eintagsfliegen sind. Um ihre künftigen Wähler zu überzeugen, müssen deshalb auch Politiker ihren ewigen Absichtserklärungen Taten folgen lassen. Weder Klimapakt noch Nachhaltigkeitsziele können darüber hinwegtäuschen, dass noch immer zu wenig geschieht.


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Tanja Ochs

Tanja Ochs

Autorin

Tanja Ochs arbeitet seit 2000 bei der Heilbronner Stimme, war lange Lokalredakteurin und verantwortlich für den Bereich Bildung. Sie ist Regionalchefin und stellvertretende Chefredakteurin sowie Vorsitzende der Sozialaktion „Menschen in Not“.

Simon Gajer

Simon Gajer

Autor

Simon Gajer kam im Jahr 2000 erstmals zur Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als freier Journalist in den USA ist er seit Herbst 2003 zurück in der Region: Zurzeit sucht er nach spannenden Themen in Neckarsulm, Ilsfeld, Untereisesheim und Weinsberg.

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Annika Heffter

Volontärin

Annika Heffter ist seit Oktober 2018 Volontärin bei der Heilbronner Stimme.

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