Nach der Trennung Kinder erziehen

Heilbronn  Besser gemeinsam getrennt erziehen als allein, ist Tenor einer Veranstaltung der FDP in Heilbronn zum Thema "Elternschaft nach Trennung". Die bevorstehende Reform des Familienrechts sei überfällig.

Von Adrian Hoffmann
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Zwei sind mehr als einer

Für Kinder ist die Trennung der Eltern immer schmerzhaft − doch die Frage ist: Wie geht es bestmöglich weiter? Das Thema "Elternschaft auf Augenhöhe" wurde jetzt bei einer Veranstaltung der FDP Heilbronn diskutiert.

Foto: Adobe/Stock Photographee.eu

In einem Punkt sind sich die Diskussionsteilnehmer einer Veranstaltung des Stadt- und Kreisverbands der FDP Heilbronn zum Thema "Elternschaft auf Augenhöhe auch nach Trennung" im Therapeutikum in Sontheim einig: Es gibt Verbesserungsbedarf im deutschen Familienrecht. Kontrovers wird allerdings die Frage besprochen, ob der Gesetzgeber ein Leitbild vorgeben sollte für Nachtrennungs-Konstellationen.

Für Judith Skudelny, FDP-Bundestagsabgeordnete aus Stuttgart und ehemaliges Mitglied der Kinderkommission des Bundesfamilienministeriums, stellt sich vor allem eine Frage: "Was wollen wir für unsere Kinder und was wollen wir als Gesellschaft?"

Freiheit und Verantwortung

Das Elterngeld sei eingeführt worden, damit Frauen wieder schneller in die Erwerbstätigkeit kommen könnten. Es gäbe nach wie vor eine große Diskussion über die Einkommenslücke zwischen Frauen und Männer. Es sei also wichtig, dass Männer mehr in die Familienverantwortung gingen. Es gehe um Freiheit und Verantwortung für Mutter und Vater gleichermaßen. "Verantwortung nicht nur im Geld zahlen", sagt Skudelny in Bezug auf Unterhalt zahlende Väter. Wenn man das sogenannte Wechselmodell - also die Betreuung der Kinder von Mutter und Vater in annähernd gleichem Zeitverhältnis - als Regelfall etabliere, profitierten davon alle Beteiligten, und vor allem die Kinder.

Die Heilbronner Mediatorin Dagmar Lägler ist der Ansicht, man vertue sich eine Chance, wenn man das Wechselmodell zum Regelfall für Trennungssituationen mache. Die beste Lösung für das Kind sollte individuell getroffen werden, ist sie überzeugt. Als Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Familienmediation vertritt sie die Meinung: "Nicht der Gesetzgeber sollte Eltern ein Wechselmodell überstülpen. Sondern Eltern sollten die Freiheit haben zu entscheiden, was das Richtige ist für ihre Kinder in der jetzigen Situation."

Kindeswohl im Mittelpunkt

Die gesellschaftliche Debatte zur Verbesserung des Familienrechts ist mitten im Gange. Im Februar wird auf Antrag der FDP die Thematik "Wechselmodell als Regelfall" erneut im Bundestag beraten, wie bereits im März 2018. Das Wohl des Kindes soll im Mittelpunkt stehen, sind sich alle Parteien einig. Nur haben sie unterschiedliche Vorstellungen davon, was dem "Kindeswohl" am besten entspricht.

Reinhard Rode, Vorsitzender des Vereins für Trennungskinder "Papa Mama Auch", stimmt Mediatorin Dagmar Lägler zu: Es sollte Entscheidung der Eltern sein, wie die Kinderbetreuung nach der Trennung ausgestaltet werden kann - diese Entscheidung sollte seiner Ansicht nach aber auf der Basis von elterlicher Augenhöhe auch vor dem Gesetz getroffen werde. Insofern sei das Wechselmodell als Leitbild die richtige Wahl, um das auch vom Bundesfamilienministerium angestrebte "Gemeinsam getrennt erziehen" zu stärken. "Das Kind hat ein Recht auf beide Eltern und bei einer Trennung bleibt das bestehen", sagt Rode. Wenn Eltern nicht vernünftig miteinander reden könnten, sei im Zweifel eine "parallele Elternschaft" im Wechsel besser für das Kind, als ein Elternteil aus dem Leben entschwinden zu sehen.

Signal an Eltern

Viele Trennungsväter treibe die Sorge um, aus dem Leben ihrer Kinder gestrichen zu werden, sieht auch Charlotte Michel-Biegel, Vorsitzender des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter Baden-Württemberg. Bestrebungen, ein "gemeinsames Getrennterziehen" zu gewährleisten, begrüßt sie. "Dafür müssen wir uns ins Zeug legen." Sei stört sich an dem Begriff Wechselmodell. Kinder brauchten "Liebe, Zuneigung und Fürsorge" - und dies selbstverständlich auch nach einer Trennung der Eltern.

Bundestagsabgeordnete Judith Skudelny stellt klar: "Wechselmodell klingt so nach 50/50." Es gehe aber darum, dass Eltern weiterhin im Leben ihrer Kinder deutlich präsent seien. "Kinder brauchen 100 Prozent Eltern", so Skudelny, und zwar Mama und Papa. "Ich glaube nicht, dass ein Richter neutral in der Lage dazu ist, zu beurteilen, was das Beste ist für ein Kind." Das sei letztlich immer eine Interpretation. Das Grundprinzip sollte deshalb sein: weiterhin gemeinsam. Alles, nicht nur die Rosinen, auch der Besuch beim Kieferorthopäden. Deshalb finde sie es so charmant, wenn Trennungskinder viel Zeit mit beiden Eltern verbringen können. Es sei das gesellschaftliche Signal an Eltern: "Ihr seid beide in der Verantwortung."

Es sei wichtig, flexibel zu bleiben in der Frage der Betreuungszeit, sagt Mediatorin Dagmar Lägler. "Es geht nicht darum, mit der Stoppuhr zu messen", so Lägler. "Es geht um Teilhabe." Väter sollten das Gefühl haben, dass sie weiterhin Teil des Lebens ihrer Kinder seien.

"Die Väter, die zu mir in Beratung kommen, betteln förmlich darum, dass sie am Leben ihrer Kinder weiterhin ganz normal teilhaben können", beschreibt Reinhard Rode. "Sie haben es ja auch vor der Trennung wunderbar hingekriegt."

Angst als Motiv?

Die Ursache dafür, warum ein Elternteil dem jeweils anderen nach einer Trennung das Kind vorenthält, entspringt nach Ansicht von Charlotte Michel-Biegel vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter aus einer Angst. "Das ist der Kern, an dem wir arbeiten müssen", sagt sie bei Veranstaltung zum Thema "Elternschaft auf Augenhöhe". Es gehe um eine Antwort auf die Frage, wie Eltern - zumeist Müttern - diese tiefe Unsicherheit, möglicherweise das Kind zu verlieren, genommen werden kann.

Michel-Biegel: "Die Angst führt dazu, dass sich Eltern ans Kind klammern." Die Problematik könne leider über Generationen weitergegeben werden. Die Professionen wie Jugendämter und Familiengerichte könnten die Situation nicht so belassen wie sie derzeit sei, ist die Erziehungswissenschaftlerin überzeugt. Der gesellschaftliche Wandel sei gut und notwendig. Michel-Biegel hat ein Buch zum Thema geschrieben: "Die Luft brennt - Kinder im Trennungskrieg".

 


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