Mutmaßliche Autoknackerbande steht in Heilbronn vor Gericht

Region  Vor dem Landgericht Heilbronn sind zehn Personen angeklagt, die 15 Nobelkarossen gestohlen und in Litauen verkauft haben sollen. Auch in Talheim und Flein liegen Tatorte. Der Schaden beträgt eine Million Euro.

Mutmaßliche litauische Autoknackerbande steht in Heilbronn vor Gericht

Landgericht Heilbronn: Der größte Gerichtssaal ist fast zu klein für das Mammutverfahren, das auf mehr als 40 Verhandlungstage terminiert ist.

Foto: Archiv/Berger

Große Enge herrscht am Dienstagmorgen im Großen Strafkammersaal des Landgerichts Heilbronn. Im größten Gerichtssaal des Justizgebäudes finden die zehn Angeklagten, ihre Anwälte plus rund 20 Wachtmeister kaum Platz. Beim Prozessauftakt gegen eine mutmaßliche Autoknackerbande aus Litauen wird schnell klar, dass die Raumnot zum Dauerzustand wird.

Das Mammutverfahren wird wohl ein zäher Indizienprozess. Mehr als 40 Verhandlungstage sind bis März 2020 terminiert, zwei pro Woche. Mit einer Ausnahme haben die Angeklagten und ihre Anwälte angekündigt, dass sie keine Angaben machen wollen - weder zu ihrer Person noch zur Sache.

Teuerstes Auto war ein Mercedes-Benz Maybach für 175.000 Euro

Laut Staatsanwaltschaft hatte es die Bande vor allem auf Nobelkarossen der Marke Mercedes-Benz und BMW abgesehen. Bei einem Porsche Cayenne machten sie wohl eine Ausnahme. Der Tatzeitraum liegt zwischen November 2017 und September 2018. Angeklagt sind 15 Autodiebstähle, die Tatorte liegen in Talheim, Flein, Pforzheim, Mannheim, Dinslaken, Hamminkeln, Bad Vilbel, Bochum, Ratingen, Münster und Moers.

Das teuerste Auto war ein Mercedes-Benz Maybach im Wert von 175.000 Euro, am unteren Ende der Skala liegt ein BMW 520d im Wert von 31.000 Euro. Die Wagen wurden entweder auf Lkw verladen und nach Litauen gebracht und verkauft. Ein weiteres Ziel für die Hehlerware waren die Niederlande.

Fast schon beeindruckend ist das professionelle Know-How, mit dem die Bande nach den Erkenntnissen der Polizei vorging. Die Täter sollen Sicherheitslücken im schlüssellosen Zugangssystem genutzt haben, der sogenannten Keyless-Go-Technik. Während das Auto vor dem Haus der Eigner stand, verlängerten die Diebe mit einem Spezialgerät das Funksignal des Autoschlüssels und starteten so das Fahrzeug, ohne dass die Alarmanlage anschlug. Danach bauten sie die Ortungssysteme der exklusiven Gefährte aus, so dass niemand mehr wusste, wo die Pkw sich befinden.

Die Bande eröffnete sogar ein Konto in Deutschland

Die Bande sei hierarchisch organisiert, heißt es in der Anklageschrift. Die Chefetage habe von Litauen aus agiert. Hier saßen die Führungskräfte, die zum Beispiel Personen in dem baltischen Staat anwarben, die die gestohlenen Autos ins Zielland transportierten. Diese Bosse waren auch für Sanktionen bei Fehlverhalten und für die Buchführung über Einnahmen und Ausgaben zuständig.

Dann gab es Mitglieder, die die Tatorte ausspähten und geeignete Fahrzeuge suchten. Angeklagt sind auch zwei Frauen, die ihre Wohnungen in Stuttgart und Mannheim als Unterschlupf zur Verfügung gestellt haben sollen.

Die Bande habe Kontakte genutzt, um in Deutschland ein Konto zu eröffnen und unauffällige Autos mit deutschen Kennzeichen anzumelden, mit denen sie ein möglichst geringes Entdeckungsrisiko eingingen. Zum Fuhrpark der Diebe habe ein VW T4 gehört, der auch als mobiler Schlafplatz genutzt wurde. Die Täter sollen sogar einen Tiefgaragenstellplatz in Stuttgart zur Verfügung gehabt haben.

 


Helmut Buchholz

Helmut Buchholz

Autor

Helmut Buchholz arbeitet seit 1999 bei der Heilbronner Stimme. Er kümmert sich im Stadtkreisressort um die Themen Gericht, Polizei und Soziales. Er leitet außerdem das Thementeam Migration.

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