Molotow-Prozess: Statt Beweisen nur Vermutungen

Heilbronn/Lauffen  Alle Verteidiger fordern im Prozess um den Brandanschlag auf eine türkische Gemeinde Freispruch für ihre kurdischen Mandanten und üben deutliche Kritik an den Ermittlern. Fällt die Anklage in sich zusammen? Am 22. Februar will das Gericht ein Urteil fällen.

Von Carsten Friese
Anschlag in Lauffen
Im März 2018 wurden Molotowcocktails gegen die Moschee der Islamischen Gemeinschaft in Lauffen geschleudert. Foto: Archiv/HSt

Auch im dritten Plädoyer der Verteidiger im Prozess um den Brandanschlag auf einen Gebäudekomplex der türkischen Milli-Görüs-Gemeinde in Lauffen hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart Kritik eingesteckt. Keines der Indizien reiche auch nur im Ansatz als Beweis für eine Täterschaft - "es sind nichts als Vermutungen und Thesen", sagte Verteidigerin Sophie Bechdolf-Reif am Mittwoch im Heilbronner Landgericht. Sie forderte wie ihre zwei Kollegen Freispruch für ihren Mandanten - und Entschädigung für die "erlittene Untersuchungshaft".

Bewohner schliefen, als die Brandsätze einschlugen

Es ist ein schwieriger Fall, den das Gericht nun zu entscheiden hat. Reichen die Indizien, um den drei angeklagten Kurden die Attacke mit Molotow-Cocktails im März 2018 nachzuweisen? Die Täter hatten Steine und mit Benzin und T-Shirt-Resten gefüllte Brandsätze auf die Fensterfassade des Gebäudes geworfen - nachts um 1.45 Uhr, als der Imam im Erdgeschoss und viele Bewohner in höheren Wohnungen schliefen. Da im Flur, wo Steine und ein Brandsatz ankamen, nichts Brennbares war, breitete sich das Feuer nicht aus und konnte von einem Bewohner gelöscht werden. Die Staatsanwaltschaft hält die Tat für versuchten Mord - weil die Attacke auch anders hätte enden können und den Tätern bewusst gewesen sei, dass dort Menschen wohnen.

DNA-Spuren am Tatort sind nicht eindeutig

In einem Video im Internet hatten die Täter die Aktion als Vergeltung für einen Militärschlag der türkischen Armee auf die kurdische Stadt Afrin bezeichnet. Personen sind auf dem Video nicht erkennbar. Doch an Steinen, einem Feuerzeug und einem T-Shirt am Tatort fanden Ermittler DNA-Mischspuren mit Genmaterial der Angeklagten - allerdings nicht mit der eindeutigen Aussagekraft, dass nur sie als Verursacher in Frage kommen. Auch bei Bewegungsprofilen ihrer Handys gibt es keinen Beleg für einen Aufenthalt in Lauffen. Die Staatsanwaltschaft habe sich "sehr schnell auf die Verdächtigen festgelegt und Tunnelermittlungen geführt", kritisierte die Verteidigerin.

Staatsanwältin Tomke Beddies sieht dagegen genügend Indizien. Sie hat Haftstrafen zwischen vier und sieben Jahren gefordert. Ein Urteil soll am 22. Februar fallen. 

 


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