Mitternachtsmission kümmert sich um Zwangsprostituierte

Heilbronn  Die Mitternachtsmission berät Frauen, die von Menschenhändlern zur Prostitution gezwungen werden. Darunter sind immer mehr Geflüchtete, deren verzweifelte Situation die Täter ausnutzen.

Von Carsten Friese
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Ein Zeichen gegen Menschenhandel setzte die weltweite Aktion "Walk for Freedom" − hier in Stuttgart im Oktober 2018.

Fotos: dpa

Es ist eine extreme Zunahme, die nicht nur bei der Mitternachtsmission Heilbronn große Sorgen auslöst. Die Zahl der Opfer von Menschenhandel, die in die vom Land beauftragte Heilbronner Fachberatungsstelle kommen, hat sich schlagartig erhöht - von 46 im Jahr 2014 auf 108 im Vorjahr. Vor allem allein geflüchtete Frauen, die zur Prostitution gezwungen wurden, sind unter den vielen neuen Fällen.

Auf der Flucht vergewaltigt

"Die Frauen werden auf der Flucht von angeblichen Beschützern angesprochen, dann von ihnen vergewaltigt und noch auf dem Fluchtweg zur Prostitution gezwungen", erklärt Gutmann. In Deutschland lebten sie in Asylbewerberheimen, würden von den Tätern regelmäßig abgeholt und an entlegene Orte gebracht. Dort müssten sie in Wohnwagen, abgewrackten Wohnungen oder Hinterzimmern von Gaststätten die Freier bedienen.

Ein Alptraum. Alle seien traumatisiert, wenn sie in die Beratungsstelle kommen, berichtet Gutmann, sie seien in körperlich schlechter Verfassung, litten unter Schlaf- und Essstörungen, einige seien schwanger. "Viele haben den Glauben an die Menschheit verloren." Die Mitternachtsmission versorgt die Frauen mit Lebensmitteln, Kleidung, Hygieneartikeln, bringt sie bei andauernder Gefahr durch die Peiniger in Schutzwohnungen unter, vermittelt den Kontakt zu Ärzten und Therapeuten und bietet Angebote, die den Alltag strukturieren.

Viele Opfer kommen aus westafrikanischen Ländern

Ein Großteil der Frauen kommt aus westafrikanischen Ländern wie Gambia, Nigeria oder Kamerun. Länder, in denen Zwangsheirat oder Genitalverstümmelungen keine Seltenheit sind - wovor die Frauen in ihrer Not auch alleine fliehen. Oder sie haben auf der Flucht den Mann oder Bruder verloren.

Die Täter sind oft ebenfalls Afrikaner als Anwerber, in Deutschland vor allem Europäer, die die Frauen mit Gewalt zu den Freiern bringen. Warum sie sich nicht früh Behörden oder Mitarbeitern in Asylheimen anvertrauen? "Sie kennen das Asylsystem nicht", sagt Gutmann. Und: Die Peiniger würden massive Drohungen aussprechen, ihnen mit dem Tod drohen. Verbreitet seien spezielle Ju-ju-Schwüre oder gebastelte Puppen, denen mit der Drohung Nadeln in den Kopf gesteckt würden. Kulturelle Eigenheiten aus der Heimat, die offenbar wirken.

Vertrauensverhältnis ist wichtig

Erst wenn die Frauen Vertrauen aufbauen zu einem Flüchtlingshelfer, Arzt oder Sozialarbeiter, "offenbaren sie sich irgendwann".

Gutmann sieht ein großes Dilemma, den Frauen effektiv helfen zu können. Trotz der stark erhöhten Fallzahlen gebe es bisher dieselbe Zuschusssumme vom Land - 60.000 Euro. Bis zum 21. August wandten sich dieses Jahr 110 Frauen aus Baden-Württemberg in ihrer Not an die Heilbronner Fachstelle. Das sind jetzt schon mehr Hilferufe als im gesamten Jahr 2018.

Mitternachtsmission fordert Aufstockung

Drei Stellen gibt es bei der Mitternachtsmission. Mehr seien notwendig, um die viele Mehrarbeit zu stemmen und die Frauen gut betreuen zu können, mahnt Gutmann. "Wir können das Personal nicht halten, wenn man das Geld nicht aufstockt." Weitere 60.000 Euro seien mindestens nötig, überschlägt sie.

Auch Sabine Wölfle, frauenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag, fordert angesichts der "dramatischen Situation" Verbesserungen. Sie hat durch eine Anfrage die stark gestiegenen Fallzahlen in den Beratungsstellen recherchiert. Wölfle fordert, endlich einen runden Tisch zum Thema Prostitution einzurichten und Ausstiegsprogramme aufzulegen. Und: Die Förderung müsse dringend an die gestiegenen Fallzahlen angepasst werden. Zudem regt Wölfle an, über ein Sexkaufverbot nach schwedischem Vorbild nachzudenken. Dort werde der Freier bestraft, nicht eine illegal arbeitende Prostituierte.

Runder Tisch geplant

Das Sozialministerium antwortete auf Wölfles Anfrage, es sei vorgesehen, noch in diesem Jahr den runden Tisch "zu etablieren" - um die Frauen vor Ausbeutung zu schützen und ihre Situation zu verbessern.


Notfalltelefon

Seit 2001 gibt es die Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel in Heilbronn. Die Adresse ist nichtöffentlich, Telefon 07131/3901491. Notfalltelefon (rund um die Uhr): 07131/84531. Einige Fälle machen Leiterin Alexandra Gutmann besonders betroffen. Etwa als eine Frau, die in Europa studieren wollte und dann vor den Unruhen im Heimatland floh, auch zum Opfer der Menschenhändler wurde. Oder der Fall einer 14-Jährigen, die auf der Flucht schon anschaffen musste. Als sie mit 18 in die Beratung kam, war sie schwanger.

 


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