Mit dem Internet zum Abitur

Heilbronn  Bei einem Pilotprojekt am Abendgymnasium können Schüler das Abitur mit digitaler Unterstützung machen. Die Digitalklasse erfordert weniger Präsenzzeit und mehr Selbstständigkeit.

Von Tanja Ochs

Mit dem Internet zum Abitur

Lehrerin Julia Stock (links), Schulleiterin Dr. Inka Knittel und der Leiter des Bildungszentrums, Peter Baust, freuen sich auf innovative Möglichkeiten.

Foto: Tanja Ochs

Wer einen Schulabschluss auf dem zweiten Bildungsweg anstrebt, braucht Durchhaltevermögen. Vier Abende pro Woche sitzen die Schüler des Heilbronner Abendgymnasiums normalerweise im Unterricht im alten Bahnhofsgebäude. Um künftig Schule, Beruf und Familie noch besser unter einen Hut bringen zu können, bietet die Einrichtung des Kolping-Bildungszentrums ab September eine Digitalklasse an. Das Pilotprojekt Blended Learning gibt es in Baden-Württemberg außer in Heilbronn nur noch in Stuttgart.

Abi 4.2 heißt für die Teilnehmer, nur noch zwei Abende in Heilbronn zu verbringen. Unterrichtsstoff für zwei weitere Tage wird auf einer digitalen Plattform bereitgestellt. Damit sind die Schüler flexibler, aber nicht weniger gefordert. "Das heißt nicht, dass nur noch die Hälfte gelernt wird", betont Schulleiterin Dr. Inka Knittel. Das Projekt setzt auf Eigenverantwortung und ermöglicht jedem ein eigenes Tempo, eingeführt wird es in der zweiten Klasse des Abendgymnasiums. In dieser Vorbereitungsklasse vor dem Abitur werden ab September acht Schüler das sogenannte Blended Learning umsetzen.

Der Weg zum Abitur bringt Benzinkosten mit sich

Rund 60 Kilometer weit reicht der Einzugsbereich des allgemeinbildenden Gymnasiums, an dem alle Schulabschlüsse möglich sind. Die Absolventen sind im Schnitt Mitte 20 und wollen über den zweiten Bildungsweg die Mittlere Reife oder das Abitur ablegen. Die Anmeldezahlen seien steigend, erklären die Verantwortlichen.

Doch für die meisten Schüler bringt der Weg zum Abitur erhebliche Fahrstrecken, Benzinkosten und einen hohen Zeitaufwand mit sich. Das soll sich ändern: "Die Innovation macht es einfacher und attraktiver", sagt der Leiter des Bildungszentrums, Peter Baust. Das Abendgymnasium reagiere auf die Bedürfnisse der Schüler, erklärt Knittel. Flexibler als an Tagesschulen sei man ohnehin bereits, unter anderem hilft ein Unterstützerprogramm den Schülern beim Durchhalten.

Die Lernphase in der Digitalklasse teilt sich in Präsenzzeit und digitales Lernen. Die Lehrer sind bei Bedarf im Chat anwesend, können Fragen beantworte, korrigieren oder Hinweise geben. "Das setzt Selbstverantwortung voraus", weiß die Schulleiterin. Wer den digitalen Weg wählt, braucht nicht nur Laptop oder Computer, sondern vor allem Disziplin. Die werde man engmaschig verfolgen. "Wir werden permanent überprüfen, ob es funktioniert", betont Baust. Man habe intensiv besprochen, wie die Schüler begleitet werden. Hausaufgaben und Klausuren sind genauso Teil des neuen Lernkonzepts wie Wiederholungen und Vokabeltraining. Parallel gibt es eine weitere Klasse, die an vier Abenden in der Schule anwesend sein muss. Ein Wechsel ist jederzeit möglich.

Plattform wird dauern aktualisiert

Die schulinterne Plattform ist bereits befüllt und wird von den Lehrkräften dauernd aktualisiert. Unterrichtsmaterial, Aufgabenblätter und Lernvideos stehen bereit. "Es gibt sehr viele Möglichkeiten", erklärt Julia Stock, die im Pilotprojekt Biologie und Chemie unterrichtet. Zur Erledigung der Aufgaben wird den Schülern jeweils eine Zeitrahmen gesetzt, in dem sie selbst entscheiden, wann die Lernzeit am besten in ihren Alltag passt.

"Viele Schüler haben in ihrem Umfeld wenig Unterstützung", erklärt Inka Knittel. Sie habe allergrößten Respekt vor der Leistung ihrer rund 100 Schüler. "Der Weg am Abendgymnasium erfordert ohne Zweifel ein hohes Maß an Zielstrebigkeit und Leistungsbereitschaft", sagt die Schulleiterin. Auch bei Abi 4.2 sei der Zeitumfang enorm: Zwei Arbeitsabende am Computer seien Voraussetzung. "Sonst geht das schief", sagt Inka Knittel.


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Kommentar: Erleichterung

Entscheidend ist nicht wo, sondern dass die Aufgabe erledigt wird. Die Erkenntnis, die sich nach und nach in der Arbeitswelt durchsetzt, ist in der Bildung angekommen. Das wurde aber auch Zeit. Vor allem auf dem zweiten Bildungsweg, wo Schüler oft mitten im Leben stehen, einen Job und kleine Kinder mit dem Stundenplan unter einen Hut kriegen müssen, können die Möglichkeiten der virtuellen Welt eine große Erleichterung sein.

Eine digitale Datenbank spart Zeit, Wege, Benzin und Babysitterkosten. Das Heilbronner Pilotprojekt wird manchem bei der Entscheidung für die Schulbank helfen, für die Bildungslandschaft ist es eine Bereicherung.

Wer den zweiten Bildungsweg einschlägt, hat jede Unterstützung verdient und wird die virtuelle Lernwelt zu schätzen wissen. Durchbeißen muss er sich dann allerdings allein. Das neue Projekt verlangt den Schülern einiges ab, vor allem Selbstdisziplin. Das Abendgymnasium tut gut daran, von Anfang an engmaschig zu überprüfen, ob Aufgaben fristgemäß erledigt werden. Das hat nichts mit Kontrolle zu tun, sondern muss Teil der Fürsorge sein, damit keiner den Anschluss verliert. D

Die Gefahr ist beim individuellen Lernen sicher größer als in der Schule, wo feste Zeiten vorgegeben sind, aber man kann den erwachsenen Schülern durchaus Selbstständigkeit zutrauen. Am Ende muss jeder von ihnen die Prüfung bestehen. Der Weg dorthin sollte so effizient wie möglich sein.

 

 

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