Mit dem Fahrrad durchs Heilbronner Land

Heilbronn  Zu Besuch in Heilbronn und das ohne Fahrrad! Wie man als Besucher an eins kommt und eine geeignete Strecke findet, versucht Tausch-Reporterin Anett Zimmermann herauszufinden. Und klar, dass sie dann auch losradelt...

Von Anett Zimmermann
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Ein Fahrrad muss ich nicht mitbringen, hatte meine Gastgeberin am Telefon gesagt. Ich könne mir in Heilbronn bestimmt eins leihen. Also telefoniere ich am Freitagnachmittag erst einmal herum. Bei Fahrrad Bruckner würde ich für den Samstag noch ein E-Bike bekommen, bei Bender allerdings nicht mehr, heißt es. Doch das Rad während der Öffnungszeiten holen und wieder abgeben zu müssen, erscheint mir letztlich zu umständlich und zumindest an einem Samstag auch kaum zu schaffen.

Und dann zeigt mir meine Stimme-Kollegin, bei der ich übernachte, ihr Fahrrad: eine Art Holland-Rad der Traditionsmarke Diamant aus der Nähe von Chemnitz. Mir ist sofort klar, dass ich meine Tour damit unternehmen will – mit einem Diamant-Rad bin ich groß geworden.

Mit Raderlebniskarte geht es los

Doch welche Strecke soll ich nehmen? Dafür gehe ich in die Touristinformation am Heilbronner Marktplatz. Die Vorschläge der freundlichen Mitarbeiterin dort gefallen mir allerdings nicht wirklich: ein Stück auf der Burgenstraße oder zum Salzbergwerk nach Kochendorf. Schade, nach einer Rundtour klingt das nicht.

Dafür empfiehlt mir Michael Ebner, Inhaber des Fahrradgeschäfts Cycle-Sport eine Strecke durch das Schozachtal: über Horkheim, Talheim, Ilsfeld und Untergruppenbach zum Jägerhaus in Heilbronn. Bis auf das letzte Stück vor dem Jägerhaus sei diese auch mit einem Holland-Rad gut zu bewältigen, meint er und ärgert sich, dass er keine Karte mehr hat, die er mir mitgeben kann. Aber ich habe mir aus der Tourist-Info ja die „Raderlebniskarte mit 30 beschilderten Radtouren in der Region der Bundesgartenschau Heilbronn 2019“ mitgenommen. Die von Ebner genannten Orte sind schnell gefunden. Also geht es am Sonnabend in aller Frühe am Neckar entlang los.

Bis Horkheim komme ich ohne Probleme. Doch kurz hinter dem Schießstand endet der Weg an einem Wochenendgrundstück. Also wende ich. „Das Schild haben Sie bestimmt nur übersehen“, meint Birgit Szymanski, die mit Tochter Melanie gerade auf Hunderunde ist. Zurück am Spielplatz in der Nussäckerstraße ruft ein mir entgegenkommender Familienvater: „Wir fahren jetzt links nach Talheim.“ Ich müsste der kleinen Gruppe Ausflügler nur folgen, suche aber erst einmal nach dem Wegweiser. Und finde ihn dann auch. War ich zehn Minuten vorher vielleicht abgelenkt? Oder würde das Schild ein paar Meter näher zur Kreuzung doch besser stehen?

In Talheim gönne ich mir in der Genussmeisterei Stoll am Rathausplatz ein zweites Frühstück: ein Stück Erdbeertorte und eine Tasse Kaffee. Eigentlich hatte das Schloss mein Interesse geweckt, doch das sei öffentlich nicht zugänglich, heißt es im Schreibwarenladen, in dem ich gern ein paar Ansichtskarten gekauft hätte. Es gab leider keine.

Radwege-Schilder sind teilweise zugewachsen

So radele ich weiter nach Ilsfeld. Einkehrmöglichkeiten an der Strecke wie das Bahnhöfle Schozach haben meist noch geschlossen. Dafür herrscht im Hofladen und Mühlencafé der Oettinger Mühle bereits reger Betrieb. Den Akku eines E-Bikes hätte ich dort ebenfalls aufladen können. Aber ich radele ja mit Muskelkraft. Das Schild des Alb-Neckar-Radwegs kurz vor der Mühle ist allerdings ziemlich zugewachsen. Bei anderen Schildern ist kaum mehr die die hellgrüne Grundfarbe geschweige denn die Aufschrift zu erkennen. Manche müssten wohl nur mal abgewischt werden.

„Können wir Ihnen helfen?“, rufen mir Hildegard und Günter Schwarz aus Benningen über die Bahnhofstraße in Ilsfeld zu. Mit Blick auf den Wegweiser und in meine Karte kann ich nicht abschätzen, ob ich über Auenstein auch nach Untergruppenbach komme. Doch die beiden routinierten E-Bike-Fahrer raten mir zu und haben recht. Sicherheitshalber frage ich fortan häufiger nach. Umwege sollte ich mir angesichts des hochsommerlichen Wetters und der noch vor mir liegenden Strecke ersparen. Vor allem brauche ich aber die nächste Stärkung. Die gönne ich mir in der Besenwirtschaft des Weinguts Härle in Abstatt: Spargel mit Kartoffeln und Schinken, dazu ein Viertele vom Riesling des Hauses.

Eine Belohnung zum Abschluss gibt es im Jägerhaus

In Untergruppenbach empfiehlt mir Werner Wien, der sich selbst als Ureinwohner bezeichnet, wenigstens am „schönsten Freibad des Unterlandes“ vorbeizufahren. Kurz darauf schickt mich das nächste Schild statt gen Donnbronn in die entgegengesetzte Richtung. Zwar nur wenige 100 Meter, aber ich bin schon bei Kilometer 35 und habe mindestens noch zehn vor mir. Dank eines Landwirts, zweier weiterer Hundebesitzer und meiner Karte komme ich meinem Ziel näher. Und endlich taucht der Hinweis „Jägerhaus“ auch auf einem Wegweiser auf. 0,7 Kilometer sind es noch bis dorthin. Ich nehme den letzten Schluck aus meiner Wasserflasche. Im Ausflugslokal bestelle ich mir dann erst einmal eine große Apfelschorle. Zur Belohnung gleich noch eine Pannacotta und einen doppelten Espresso dazu. Danach geht es bergab zurück ins Heilbronner Zentrum.

Der krönende Abschluss: Am Abend gibt es Schozacher Forelle mit Pesto und Kräutern, Kartoffeln und Salat in der Gaststätte „Fischerheim“. Da habe ich keine andere Wahl ...

 

 


 

Nachgefragt: „Die Probleme sind mitunter ziemlich banal“

Wie sieht der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) das Thema Radtourismus in und um Heilbronn? Vier Fragen an ADFC-Landesgeschäftsführerin Kathleen Lumma.

 

Frau Lumma, was sagen Sie zu meinen Erlebnissen?

Kathleen Lumma: Das mit fehlenden Rundstrecke in der Touristinformation verwundert mich, denn gerade diese Region setzt stark auf den Radtourismus. Das Heilbronner Land hat außerdem zahlreiche Rundrouten entwickelt. Das Angebot ist also da. Es gibt ja auch eine Freizeitkarte mit den schönsten Touren.

 

Die Freizeitkarte habe ich selbst entdeckt, auf der Strecke dann aber trotzdem Schwierigkeiten, mich zu orientieren...

Lumma: Solche Probleme gibt es leider überall. Bei der Beschilderung gibt es in Baden-Württemberg zum Beispiel keine einheitlichen Vorgaben, haben Kommunen und Landkreise oft eigene Systeme. Das Heilbronner Land versucht jedoch, sich an den Empfehlungen der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen zu orientieren.

 

Werden die Schilder denn nicht überprüft?

Lumma: Die Frage ist, wer die Qualitätsprüfung macht. Mit dem Aufstellen von Schildern allein ist es nicht getan. Regelmäßige Kontrollen bedeuten natürlich Aufwand und Kosten. Aber: Was beim Straßenverkehr funktioniert, sollte auch im Freizeitbereich funktionieren. Die Probleme sind mitunter banal. Zum Beispiel gehen rund zehn Prozent der Schilder pro Jahr verloren. Oder die Beschilderung ist generell nicht ausreichend. Da wären dann Zwischenwegweiser angebracht.

 

Gibt es dafür Wegewarte?

Lumma: Im Heilbronner Land gibt es Wegepaten. Allerdings nicht für alle Strecken.

 

 

Reporter im Tausch

Der fremde Blick auf das Bekannte tut dem Lokaljournalismus gut. Anett Zimmermann von der „Märkischen Oderzeitung“ unterstützt eine Woche lang die Redaktion der Heilbronner Stimme. Die 44-Jährige beteiligt sich an der Aktion Reporter-Tausch des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger. 55 Redakteure von 29 Medienhäuser aus ganz Deutschland wechseln für fünf Tage ihre Stellen. Stimme-Reporterin Heike Kinkopf geht für die Zeit zur „Neuen Osnabrücker Zeitung“. 

 

 


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