Messe Handgewandt: Hier ist jedes Stück ein Unikat

Heilbronn  Angewandte Kunst, die Freude bereitet: Die Messe "Handgewandt" in der Innovationsfabrik war am Wochenende ein Besuchermagnet.

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Lilo Böhringer trägt eine schicke gewalkte Jacke. Der Filz-Rucksack passt perfekt dazu. „Das ist alles von hier“, sagt die Ilsfelderin. Sie und ihre Freundinnen gehören zu den Stammkundinnen der „Handgewandt“-Messe in der Heilbronner Innovationsfabrik. Am Samstag haben sie noch nichts gekauft. „Erstmal umschauen“, meint Margret Mittenmeyer. Die Weidenobjekte von Monika Nickel-Stein am Eingang gefallen der Lauffenerin zwar ausgesprochen gut. Aber es gibt so viel Schönes, Besonderes und Außergewöhnliches an den Ständen der 37 Aussteller, dass wohlüberlegt sein muss, wofür das Geld investiert werden soll.

„Mit den üblichen Kunsthandwerkermärkten kann man das hier gar nicht vergleichen“, weiß Margret Mittenmeyer das Angebot zu schätzen. Textiles, Keramik, Taschen und Kleidung aus Leder oder Pelz, Kunstwerke aus Holz oder Metall, Schmuck, Lichtobjekte, Exklusives aus Papier: „Die richtige Mischung zu finden, ist das allerschwierigste“, sagt Stephan Artus Pierro, einer der drei Organisatoren von Handgewandt. „Die Messe soll für die Aussteller auch ertragreich sein und insgesamt ein harmonisches Bild geben.“

Industrieware wird zum Designobjekt

14. Messe

Die "Handgewandt" besteht seit 2006 und wird vom Werkforum Heilbronn, einer Regionalgruppe des Bundes der Kunsthandwerker Baden-Württemberg, veranstaltet. "Mit dem Ziel, angewandte Kunst bekannter zu machen", erklärt Thomas Gustav Kenngott, der die Messe zusammen mit Stephan Artus Pierro und Bernd Pfister organisiert. Die erste Ausstellung fand noch im Hagenbucher statt.

Pierro selbst ist Tischler, stellt im Alltagsgeschäft vor allem Massivholzmöbel her. In Heilbronn zeigt der Bad Rappenauer Holzschalen, die er und seine Mitarbeiter gemacht haben. Kehlobjekte zum Beispiel. Auf der Kreissäge vorgearbeitet, geben die anschließenden Schleifprozesse ihnen ihre spätere Form. Oder Schalen aus Flugzeugsperrholz, das mit Einschnitten und Farbe zum Kunstwerk wird. „Industrieware zu einem Unikat zu machen ist das, was mich am freien Arbeiten reizt“, so Pierro. Dass das seinen Preis hat, versteht sich von selbst. „Aber nach 14 Jahren Handgewandt merken wir, dass die Besucher gerne Geld für etwas Besonderes ausgeben und sich daheim dann auch daran erfreuen.“

„Wir haben schon viel Geld dagelassen, letztes Jahr für Röcke und Oberbekleidung“, bestätigt Angelika Schneller, die mit Tochter und Mutter zum vierten Mal da ist. „Es gibt hier wahnsinnig schöne Exponate. Überall steckt viel Liebe drin“, ist die Bambergerin begeistert.

„Es ist viel los dieses Jahr. Ich konnte mich kaum ausruhen“, freut sich Stefanie Prießnitz. „Man muss immer auch die Geschichte erzählen zu seinem Schmuck, wie er entsteht“, schätzt sie den persönlichen Kontakt. Die Goldschmiedin aus Pforzheim trifft mit ihren filigranen Schmuckstücken aus Silber, Gold, Perlseide, Süßwasserperlen und Edelsteinen ganz offensichtlich den Geschmack der Besucherinnen. „Die Perle im Kreis ist mein großes Thema“, sagt die 47-Jährige.

Röcke, die kein vorne und kein hinten haben

Sybille Weber ist Handweberin, fertigt vor allem Röcke aus Leinen und Baumwolle, die kein Vorne und kein Hinten haben. „Man kann sie drehen, so dass sie immer anders aussehen.“ Am liebsten macht die Haigerlocherin Maßanfertigungen. „Bei der einen Frau macht es die Streifenbreite aus, bei der anderen die Farbe.“ In der Innovationsfabrik ist sie zum dritten Mal. „Man hat hier sein Publikum, das Gebäude und die Standgestaltung sind etwas ganz Besonderes“, findet Weber.

Für die Hallen-Aufteilung ist Thomas Gustav Kenngott verantwortlich. Die Seilkonstruktion hat der Mitbegründer der Messe eigens für Handgewandt entwickelt. Er ist „Metaller, in der fünften Generation“ und Vorsitzender der Gruppe Heilbronn des Bundes der Kunsthandwerker Baden-Württemberg. An diesem Wochenende zeigt er Stelen aus wetterfestem Baustahl, Corten,  die er auch für Gräber anfertigt. „Dieses Material verarbeite ich so gerne, weil mir die Patina so gut gefällt.“ Seit neuestem stellt der Pfeifenraucher und -sammler eigens designte Pfeifen her. Aus Holz, mit einem Mittelstück aus Metall.

Mit seiner Kopfbedeckung liegt Kenngott voll im Trend. Handgefertigte Hüte und Mützen präsentiert Birgit Sophie Metzger aus Esslingen. Ihre aktuelle Kollektion im Stil der 20er-Jahre ist eine Kombination aus Strick mit Hutrand. Aus Wolle von der Alb, verarbeitet in Zwickau und Franken: „Mein Versuch, die textile Kette in Baden-Württemberg zu halten, gelingt leider nicht.“


Claudia Kostner

Claudia Kostner

Autorin

Claudia Kostner ist seit 1996 Redakteurin der Heilbronner Stimme. Der gebürtigen Heilbronnerin liegt die Region am Herzen. Sie berichtet hauptsächlich aus Zabergäu und Leintal, aber auch über die Volkshochschule Unterland.

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