Mergel hofft 2018 auf Durchbruch beim Wollhaus

Interview  In der Innenstadt schließen immer mehr Läden, dort sollten Wohnraum und Praxen entstehen, sagt der Heilbronner Oberbürgermeister Harry Mergel. Im Jahresinterview spricht er außerdem über ein geplantes Hotel auf dem alten Tierheim-Areal.

Von Iris Baars-Werner und Joachim Friedl

Durchbruch beim Wollhaus 2018

Bis Anfang 2020 sieht OB Mergel keine realistische Chance für ein Literatur- und Medienhaus Fotos: Andreas Veigel

 

Der Heilbronner Oberbürgermeister Harry Mergel geht in die zweite Hälfte seiner ersten Amtszeit. Das Literatur- und Medienhaus sieht er nicht vor 2020. Mittelfristig erwartet er einen Rückgang innerstädtischer Handelsflächen zugunsten von seniorengerechten Wohnungen und Praxen.

 

Was bleibt bei einem kritischen Rückblick auf das Jahr 2017?

Harry Mergel: Zentral die Stadtkonzeption 2030, in der wir die Schwerpunkte unserer Arbeit nach der Buga 2019 formuliert haben. Sicherlich ein Jahrhundertprojekt ist die Neugestaltung des Sonnenbrunnens in Böckingen. Ferner möchte ich die Verbreiterung der Karl-Nägele-Brücke und die Schließung der Kali- und Kranenstraße nennen

 

Da fehlt doch was: Nach den AfD-Ergebnissen bei der Bundestagswahl hat Heilbronn bundesweit Schlagzeilen gemacht als "Städtle in Angst".

Mergel: Da gibt es Erklärungen. Die schlüssigste ist für mich, dass wir möglicherweise Teilen der Bevölkerung über Jahre hinweg zu wenig Beachtung geschenkt haben wie zum Beispiel den Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion. Für diese Gruppe − zum Großteil schon Leistungsträger in unserer Gesellschaft − gab es nie eine spezielle Willkommenskultur. Das war ein Fehler.

 

Der Verkehr nimmt zu, die Städte ersticken an dreckiger Luft. Kommt das städtische Mobilitätskonzept 2030 nicht zu spät?

Mergel: Es kommt nicht zu spät, sondern zur rechten Zeit. Wir haben ja nicht mit dem Mobilitätskonzept angefangen, sondern haben den Gesamtverkehrsplan 2005 fortgeschrieben. Damals hat man sich noch auf den Autoverkehr konzentriert, während das Mobilitätskonzept 2030 die Schiene, Radfahrer und Fußgänger ins Visier nimmt. Über die Jahre hat Heilbronn Maßnahmen ergriffen, die gigantisch sind. Es gibt keine Großstadt mit 120?000 Einwohnern, die beispielsweise ein Stadtbahnsystem neu installiert hat. Ohne die S-Bahn wären deutlich mehr Fahrzeuge unterwegs. Auch beim Radwegebau haben wir eine ordentliche Strecke zurückgelegt.

 

Ist die Luft besser geworden?

Mergel: In Heilbronn haben sich die Luftwerte ständig verbessert, aber wir liegen an einer Stelle über den zulässigen Stickoxidwerten. Deshalb war ich beim Klimagipfel in Berlin mit dabei.

 

Heilbronn erhält 180.000 Euro aus dem Bundes-Klimafördertopf. Was passiert mit dem Geld?

Mergel: Mit diesem Geld werden wir einen sogenannten "Green City Plan" mit einem externen Verkehrsinstitut erarbeiten. Dieser Plan ist Bestandteil des Mobilitätsfonds. Wir müssen jetzt beweisen, dass unsere 19 Maßnahmen die richtigen sind und dass sie auf die Reduzierung von Stickoxiden eine Wirkung haben. Berlin wird dann über Zuschussleistungen entscheiden.

 

Welchen finanziellen Kostenrahmen haben die 19 Maßnahmen?

Mergel: Es ist Spekulation und unseriös heute zu sagen, wie viel Geld wir aus dem mit einer Milliarde Euro gefüllten Topf bekommen werden. Ich möchte bei der Finanzierung den Blick jedoch nicht nur nach Berlin richten: Auch die Landesregierung ist gefordert. Sie hat immer gesagt, sie werde sich am Mobilitätsfonds beteiligen. Bislang sind im Doppelhaushalt 2018/2019 jeweils zehn Millionen Euro eingestellt. Das ist wenig, wenn man allein an den Bedarf von Stuttgart denkt. Die einfachste Möglichkeit wäre, die Autoindustrie böte saubere Autos an.

 

Das dürfen wir uns sicher nicht unter einer Patenschaft oder Partnerschaft von Audi für Heilbronn vorstellen.

Mergel: Alles was wir machen ist gut und wichtig, aber den Hebel in der Hand hat die Automobilindustrie, indem sie durch eine Nachrüstung in der Hard- oder Software saubere Autos auf die Straße bringt.

 

Ist es tatsächlich sicher, dass die Bahn die Bundesgartenschau mit schnellen Zügen anfährt?

Mergel: Bahnvorstand Roland Pofalla hat Thomas Strobl und mir gegenüber das Versprechen abgegeben, dass der IC während der Buga ein Mal am Morgen und ein Mal am Abend in Heilbronn hält. Ich habe keinen Anlass, an seinem Wort zu zweifeln.

 

Ansonsten aber hängt die Deutsche Bahn die Buga-Stadt ab.

Mergel: Das sehe ich nicht so. Für die beiden Baustellen haben wir vernünftige Lösungen gefunden. Ich denke, es gibt Menschen, die sagen, ein Busshuttle aus Würzburg nach Heilbronn ist im Zweifel attraktiver als die Bahnstrecke. Verträge mit Fernbusunternehmen werden derzeit ausgearbeitet.

 

Seitdem die Kranenstraße zu ist, kann man allabendlich und an Samstagen das Verkehrschaos in der Gerberstraße beobachten: eine Großstadt, die über das kleinste Wohnsträßle erschlossen wird.

Mergel: Das wird nicht so bleiben. Man kann später über die Paula-Fuchs-Allee und die Hafenstraße in die Bahnhofsvorstadt fahren.

 

Wird die Kranenstraße nach der Buga wieder geöffnet?

Mergel: Das könnte sein. Aber es gibt auch die Möglichkeit, die Straße westlich am Experimenta-Parkhauses vorbei zu verlegen, aber nicht vor 2020. Das wollten wir schon einmal. Dass es aus finanziellen Gründen damals nicht so kam, war aus heutiger Sicht ein Fehler. Es geht ja auch darum, die beiden Parkhäuser optimal an der Verkehr anzubinden.

 

Wird die Brücke über den Hauptbahnhof in den Neckarbogen je gebaut?

Mergel: Zurzeit gibt es die Beschlusslage, dass nach der Buga eine Brücke von der Bahnhofsvorstadt in den Neckarbogen gebaut wird. Wenn jemand bis dahin gute Gründe für eine bessere Verbindung hat, dann wird man sich damit ausgiebig beschäftigen.

 

Welche Akzeptanz erfährt die Buga bereits jetzt bei den Menschen?

Mergel: Wir haben in Heilbronn und in der Region die Einmaligkeit dieses Ereignisses bislang gut rübergebracht. 2018 wird das Jahr, in dem wir die Bundesgartenschau über die Region hinaus bundesweit platzieren müssen.

 

Sind Sie schon zufrieden mit den Ideen, die bisher von möglichen Partnern wie Landkreis, anderen Städten oder Firmen geäußert wurden?

Mergel: Da haben wir schon im letzten Jahr den Durchbruch geschafft, den Mehrwert der Buga darzustellen. Wir sammeln die Brillanten für unser Gesamtkunstwerk Bundesgartenschau. Da gehört auch das Engagement des Landes dazu.

 

Was sich in der Stadt mit Blick auf die Bundesgartenschau tut, ist manchen Kritikern nicht genug. Sie sagen, es müsste noch viel mehr laufen, etwa in der City.

Mergel: Es ist legitim, wenn die Heilbronner Gastronomie und der Einzelhandel reklamieren, dass sie einen größeren Teil des Kuchens abhaben möchten. Aber auch da muss man die Kirche im Dorf lassen. Handel und Gastronomie werden vom Mehrwert der Bundesgartenschau profitieren.

 

Hotel, Weinpavillon − muss alles noch vor der Buga fertig werden?

Mergel: Nicht alles, was machbar ist, muss jetzt gemacht werden. Es gibt auch natürliche Grenzen einer Stadtentwicklung.

 

Das Wohnbauprogramm hinkt hinter dem Bedarf her, vor allem was bezahlbare Wohnungen angeht. Kommt 2018 die Quote?

Mergel: Wir sind in der glücklichen Lage, eine eigene Wohnbaugesellschaft zu haben. Das ermöglicht uns, geförderten Wohnraum in "Eigenproduktion" zur Verfügung zu stellen. Deshalb brauchen wir eine Quote nicht ganz so dringend wie andere Städte. Und: Nicht jedes Baugebiet bedarf der gleichen Quote. In größeren Baugebieten mit unterschiedlichen Investoren halte ich sie jedoch für sinnvoll.

 

Das ehemalige Tierheimareal soll verkauft sein. An wen? Und was soll auf der Fläche entstehen?

Mergel: Das Gründstück ist nicht verkauft, sondern verbindlich bis Ende 2018 für einen Investor reserviert. Wir wollen dort ein Hotel. Weil wir hohe architektonische Ansprüche haben, bestehen wir auf einem Wettbewerb beziehungsweise einer Mehrfachbeauftragung. Dies hat uns der Investor zugesagt.

 

Wer ist der Investor?

Mergel: Der Investor arbeitet mit mehreren Betreibern wie Hampton by Hilton, Holiday Inn Express und Star Inn Hotel zusammen. Es soll ein Hotel der Kategorie Drei-Sterne oder Drei-Sterne plus werden.

 

Dazu passt das Thema Barthel. Im Gespräch ist unter anderem auch hier ein Hotel. Eine Heilbronner Investorenfamilie hat bis Ende 2018 die Option, das Objekt zu kaufen.

Mergel: Die Überlegungen bei Barthel passen für mich in die Entwicklung, dass attraktive Zentrumsflächen verstärkt in Wohnraum, Praxen oder seniorengerechte Wohnungen umgewandelt werden. Das erste markante Beispiel war für mich C&A. Bei Barthel sehe ich einen ähnlichen Trend: Das heißt, Handelsflächen im Zentrum werden reduziert. Vielleicht ist das ja ein Gesundungsprozess. Die City muss sich auf Qualität und anspruchsvolle Angebote konzentrieren.

 

Beim Wollhaus hört man, dass die Investoren bei den Handelsflächen deutlich zurückgehen und mehr Büro- und Wohnraum anstreben.

Mergel: Ich sage voraus, dass es auch beim Wollhaus eine ähnliche Entwicklung geben wird wie bei Barthel und C&A. Ich habe die Hoffnung, dass wir dort 2018 den langersehnten Durchbruch erreichen werden.

 

Wird es eine Großveranstaltungshalle auf der Theresienwiese oder eine Sporthalle auf dem Campus-Park beim Europaplatz geben?

Mergel: Beide Fragen kann ich für einen überschaubaren Zeitraum, mindestens für fünf Jahre, mit einem ganz klaren Nein beantworten.

 

Wann wird die Römerhalle erweitert?

Mergel: Die Erweiterung der Römerhalle ist Teil eines Gesamtpakets, mit dem wir den SV Heilbronn zukunftsfähig machen wollen. Unser Paket ist dem Verein bekannt und es liegt jetzt am Verein, den Ball an uns zurückzuspielen. Es gibt aber immer neue Wünsche seitens des SV wie die Erweiterung der Leintalhalle Frankenbach. Das passt nicht mehr, das Paket ist begrenzt. Ich wäre froh, wenn wir 2018 zu einem vernünftigen Abschluss kämen.

 

2018 ist Halbzeit Ihrer OB-Amtszeit. Was ist von Ihren Wahlversprechen noch nicht umgesetzt?

Mergel: Viele Dinge sind abgearbeitet oder in Arbeit. Nur das Literatur- und Medienhaus gibt es noch nicht. Für 2018 gibt es die gute Nachricht, dass wir die Stadtbibliothek deutlich erweitern und modernisieren werden. Das Literatur- und Medienhaus bleibt für mich ein Herzensanliegen. Eine stolze Stadt wie Heilbronn muss ein Zeichen setzen im Hinblick auf Lesen und Medien. Aber bis Anfang 2020 sehe ich keine realistische Chance für die Umsetzung.

 

Ist das Literatur- und Medienhaus dann der Auftrag für Ihre zweite Amtszeit?

Mergel: Bleiben wir doch im Jahr 2018 und den Dingen, die da anstehen. Unter anderem wird Heilbronn dann Universitätsstadt.

 

Nochmals: Blicken Sie nicht schon deutlich auf eine zweite Amtsperiode?

Mergel: Diese Frage steht bei mir nicht auf der Tagesordnung.

 

Zur Person

Harry Mergel (61) ist seit 1. Mai 2014 Oberbürgermeister der Stadt Heilbronn. In der Kommunalpolitik ist der gebürtige Heilbronner − er wuchs im Südviertel auf − seit 1989 aktiv. Zunächst als Stadtrat, dann als Vorsitzender der SPD-Gemeinderatsfraktion. 1999 unterlag er Helmut Himmelsbach bei der Oberbürgermeisterwahl. Ab 2005 war Mergel bis zu seiner Wahl zum OB Dezernent für Soziales, Kultur und Sport. Der Mitbegründer des Gaffenberg-Festivals ist mit Beate Bindereif-Mergel verheiratet. Dass Paar hat eine Tochter und einen Sohn. Die Familie lebt in Sontheim.

Durchbruch beim Wollhaus 2018

Oberbürgermeister Mergel: Für einen überschaubaren Zeitraum wird es keine Großveranstaltungshalle geben.