Mehr Verkehrsunfälle durch Handys als durch Alkohol

Heilbronn  Fahrer, die ihr Smartphone benutzen, sind laut einer Studie rund viermal häufiger an einem Unfall beteiligt als andere. Die Dunkelziffer bei solchen Vergehen ist hoch, denn das Multitasking am Steuer ist schwer nachzuweisen.

Von Anna-Lena Sieber

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Nur mal eben schnell eine WhatsApp-Nachricht lesen, aus der Wasserflasche trinken oder einen Anruf entgegennehmen - wer gerade Auto fährt sollte das lieber lassen. "Wer am Steuer nicht bei der Sache ist, geht ein hohes Unfallrisiko ein", warnen Unfallforscher der deutschen Prüfgesellschaft Dekra. Die größte Ablenkungsgefahr geht dabei vom Smartphone aus.

Eine Studie aus den USA kommt zu dem Ergebnis, dass Fahrer, die ihr Handy benutzen, rund viermal häufiger an einem Unfall beteiligt sind als andere. Auch in der Region ist die Nutzung des Smartphones ein Problem. Wenn auch ein in weiten Teilen im Dunkeln liegendes. "Ablenkung und Multitasking am Steuer sind schwer festzustellen und somit im Falle eines Unfalls auch schwer nachweisbar", weiß Yannick Zimmermann von der Heilbronner Polizei.

7313 Handyverstöße wurden 2019 in der Region festgestellt

Neun Fälle wurden 2019 in Heilbronn mit der Ursache "Handy" registriert. "Dem gegenüber steht eine Zahl von 7313 festgestellten Handyverstößen, also Anzeigen wegen der Benutzung von Mobiltelefonen während der Fahrt", sagt Zimmermann. Man kann davon ausgehen, dass die Dunkelziffer um einiges höher liegt.

Ablenkung hat den gleichen Effekt, wie die Augen zu schließen

Laut dem Allianz-Zentrum für Technik ist Ablenkung sogar der Auslöser für jeden zehnten Unfall mit Toten. Das heißt: "Durch Ablenkung sterben im Straßenverkehr mehr Menschen als durch Alkohol", heißt es bei der Dekra. "Kein Autofahrer würde freiwillig während der Fahrt sekundenlang die Augen schließen", sagt der Dekra-Unfallforscher Luigi Ancona. "Wenn wir aber beim Fahren aufs Smartphone schauen, hat das genau den gleichen Effekt: Wir legen zig Meter im Blindflug zurück. Bei 50 km/h sind es in zwei Sekunden bereits 28 Meter, bei Tempo 80 schon 44 Meter."

Aber nicht nur das Telefonieren oder das Beantworten und Lesen von Nachrichten und Mails am Smartphone führt zu vermehrten Unfällen. Auch durch andere Nebentätigkeiten kann man sich als Autofahrer schnell auf der falschen Fahrspur oder im Graben wiederfinden - von unvorhergesehenen Ereignissen wie spielenden Kindern, denen ein Ball auf die Straße rollt, einmal ganz abgesehen. Auch wer das Navi programmiert, nach einem Getränk oder der passenden Musik im Radio sucht oder sich nach den Kindern auf der Rückbank umdreht gefährdet sich und andere. "Selbst das Telefonieren mit Freisprecheinrichtung kann bei schwierigeren Gesprächen zu viel Aufmerksamkeit binden", warnt Unfallforscher Ancona. Zwar seien Freisprecheinrichtungen grundsätzlich erlaubt, räumt Yannick Zimmermann von der Heilbronner Polizei ein. Aber der Verkehr gehe vor.

Die Strafen gehen bis zu 200 Euro

Neben den, im schlimmsten Fall tödlichen Unfällen kostet es auch Geld, während des Fahrens das Smartphone oder ein anderes elektronisches Gerät unerlaubt zu benutzen. Die Bußgelder gehen von 100 Euro und einem Punkt im Fahreignungsregister bis zu 200 Euro, zwei Punkten und einem Monat Fahrverbot bei schweren Verstößen. Bei Verkehrsunfällen mit Personenschaden handelt es sich um Straftaten.

Aber da Smartphone, Navi und Co. schon fast so unverzichtbar geworden sind wie Essen und Trinken, gibt es ein paar Tipps, wie man trotzdem sicher durch den Verkehr kommen: Wer vor dem Fahren Navi sowie Musikprogramm festlegt, kommt nicht nur entspannter, sondern auch sicherer ans Ziel. Zum Essen und Trinken sollten Pausen eingelegt werden und wer seine Route auf dem Navi während der Fahrt ändern möchte, sollte ebenfalls kurz anhalten.

Eine ähnliche Studie des ADAC

Bei einer Untersuchung des ADAC fuhren 66 Probanden mit einer Geschwindigkeit von bis zu 50 Stundenkilometern eine Teststrecke ab. Per Funk erhielten sie verschiedene Aufgaben wie beispielsweise eine Adresse in ein Navi einzutippen. Es wurde analysiert, worauf die Blicke der Fahrer gerichtet waren. Am längsten ging der Blick bei der Navigationsaufgabe von der Straße weg, gefolgt vom Telefonieren mit dem Handy. Die Fahrer unterschätzten die Auswirkungen, die die Tätigkeiten auf ihr Fahrverhalten haben. Drei Viertel der Probanden wären beim Eingeben der Adresse ins Navi auf ein plötzlich auftauchendes Hindernis aufgefahren.


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