Mehr Väter besuchen mit Kindern Vater-Kind-Kuren

Heilbronn  Das Müttergenesungswerk beobachtet ein größeres Interesse von Männern an ihrer Gesundheit: Vater-Kind-Kuren werden beliebter. Unser Autor ist zu so einer Kur gefahren und hat dort entspannte Väter und ihre Kinder getroffen.

Von Adrian Hoffmann
Papa mal ganz für sich haben
Papa mal ganz für sich haben. Fotos: privat

Ronny Meier ist Offizier bei der Bundeswehr. Gestählter Typ, jeden Tag 30 Kilometer Rennrad fahren, Piloten-Sonnenbrille im Gesicht. So, wie man sich so Bundeswehr-Soldaten vorstellt. Jetzt hat er aber gerade mal genug von der der Bundeswehr - und macht für drei Wochen mit seiner Tochter eine "Mutter-Kind-Kur". Immer wieder sagen die Leute versehentlich Mutter-Kind-Kur, so sehr verhaftet ist das bei ihnen im Sprachgebrauch. Ronny Meier macht eine "Vater-Kind-Kur". Damit das klar ist. Kim, zehn Jahre alt, sagt: "Endlich habe ich meinen Papa mal nur für mich."

Papa mal ganz für sich haben
Ronny Meier aus Magdeburg sitzt mit Tochter Kim im Paddelboot.

Sein Vorgesetzter hatte sich zuerst gewundert wegen des Antrags auf eine Vater-Kind-Kur, nach ein paar Tagen Bedenkzeit aber nur noch gemeint: "Mach das." In der Mutter-Kind-Klinik des Deutschen Roten Kreuzes in Arendsee, am nördlichen Zipfel Sachsen-Anhalts, macht man seit wenigen Jahren die Erfahrung, dass das Konzept gut ankommt bei Kindern und Vätern.

"Endlich habe ich meinen Papa mal nur für mich."

Hier, "in the middle of Nüscht", wie ein Buch über die Region Altmark treffender Weise heißt, können Kinder und Väter gemeinsame Zeit verbringen, genießen, zur Ruhe kommen. 200 Meter entfernt vom Klinikgebäude liegt der Arendsee, ein abgeschiedenes Feriengebiet, ein See zum Schwimmen und Paddeln. Und um mit dem Fahrrad um ihn herumzufahren.

Marion Danner, Leiterin der Klinik, nimmt eine gesellschaftliche Entwicklung wahr - und denkt deshalb über eine weitere Ausweitung des Angebots nach, das erst seit drei Jahren besteht. Derzeit gibt es zwei reine Vater-Kind-Kuren im Jahr, also nur Papas und ihre Kinder, ansonsten sind Mütter in der Klinik. Jedes Mal, wenn eine Vater-Kind-Kur im Angebot ist, sei die Anzahl der Plätze schnell weg reserviert. So berichten auch viele Väter in Kur, sie hätten etliche Kliniken angerufen, in denen sie aber keine Chance auf Plätze hatten.

"Wir haben das im Blick, wir lassen das Thema wachsen", sagt Marion Danner und verweist auf den Datenreport des Müttergenesungswerk. Die Zahl der Vater-Kind-Kuren steigt stetig und schnell an. So zum Beispiel im Jahr 2015 gleich um 25 Prozent auf 1600 im Gesamten.

Die 22 Väter, die im Juli in Arendsee zur Kur sind, kommen aus ganz Deutschland und aus ganz unterschiedlichen Familien-Konstellationen. Alleinerziehend, verwitwet, getrennt erziehend, oder Überlastung im Alltag auch in der intakten Familie. Und die meisten Väter sind sich einig: Sie wollen das nochmal machen, so eine Kur, sobald es möglich ist. In der Regel alle vier Jahre, wenn die Krankenkasse zustimmt.

"Mir hat das unglaublich viel gegeben", sagt Kai Zimmermann, alleinerziehender Vater von zwei Mädchen, acht und zehn Jahre alt. Daheim arbeite er sich kaputt, hat sozusagen zwei Jobs. Einen als Immobilienverwalter im öffentlichen Dienst, einen weiteren als privater Immobilienverwalter. "Hier habe ich jetzt einmal richtig Zeit für meine Mädels", sagt er. "Das kennen die so gar nicht. Und ich auch nicht." Klinik-Chefin Marion Danner beobachtet das immer wieder: Viele Väter stellten erst während der Kur fest, wie gut ihnen das tue und wie "dringend" sie das gebraucht haben.

Kaminzimmer und mal Gespräche 

Papa mal ganz für sich haben
Maris und sein Vater Peter Gerade aus Rostock genießen die Zeit zusammen.

Der Rundbau der Klinik ist geschickt für die soziale Interaktion. Die Väter besiedeln den ersten Stock des dreigeschossigen Gebäudes und die Kinder rennen durch die Flure, um sich gegenseitig zu besuchen. Es gibt ein "Kaminzimmer", das für die Väter reserviert ist. Hier wird aber nicht Zigarre geraucht und Whiskey getrunken, sondern über Erziehung und Familie und Männerprobleme gesprochen.

Naja, die Wahrheit ist: Männer treffen sich ungern für lange, tiefgehende Gespräch - und deshalb sieht die Kur-Realität eher so aus, dass Mann sich "zufällig" in den Sofaecken trifft. Alkohol gibt es während der drei Wochen tatsächlich keinen, höchstens mal ein alkoholfreies Hefeweizen. "Ist sowieso das Beste nach dem Sport", sagt Papa Ronny Meier. Die Kinder wollen auch mal probieren.

Igor Fischer, alleinerziehender Vater von der siebenjährigen Amy, kocht jeden Tag den Kaffee für alle. Er leitet ein Metallbau-Unternehmen bei Hamburg und es fällt ihm schwer, die Arbeit für drei Wochen sein zu lassen. Mit dieser neuen Situation muss er erstmal zurechtkommen. Amy gefällt es bestens und auch ihr Vater gewöhnt sich daran. Unvergessen bleibt der Abenteuer-Spaziergang durch ein früheres DDR-Familienhotel, das sich einen Kilometer entfernt in der Nachbarschaft des Kur-Klinikums findet, versteckt im Wald, neben dem Schleichweg hin zum See. "Betreten verboten", steht da. "Einsturzgefahr."

Nach dem Abendessen klettern die Kinder auf einem Baum neben den Tischen

Er habe die drei Wochen über sehr darauf geachtet, ob es Erziehungsunterschiede zwischen Müttern und Vätern gäbe, sagt Bundeswehr-Papa Ronny Meier. Und am Ende sei er zu der Erkenntnis gekommen: Ja! Bestes Beispiel: Beim Abendessen draußen sind die Kinder schon früher fertig als die Väter und klettern auf einem Baum neben den Tischen. "Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass einer von uns aufsteht und das beendet", sagt Ronny Meier. Es sei dann tatsächlicher einer aufgestanden - und habe die Szenerie fotografiert, die Kletterei habe er kommentarlos weiterlaufen lassen. Soviel zum Thema Grenzen setzen.

Auch Klinik-Leiterin Marion Danner fällt es auf, dass es geschlechterspezifische Erziehungsunterschiede gibt. Väter förderten mehr die Bewegung ihrer Kinder. "Dass es Unterschiede gibt, ist ja auch gut so", sagt Danner. "Das ist sogar das Optimum." Das Personal der Klinik freut sich immer sehr auf die Männer-"Durchgänge". Es sei alles so entspannt, sagt eine Arzthelferin.

Zwei Wochen nach der Vater-Kind-Kur meldet sich Vater Benjamin Stern, ein Betriebsrat aus Wolfsburg, mit Wehmut aus dem Alltag. "Alea ist heute noch stolz wie Oskar, dass wir Fahrrad fahren und Schwimmen gelernt haben", sagt er. Das Tolle an der Altmark und dem Arendsee sei gewesen, dass es so viel Natur gebe - und so wenig Internet.

"Einfach mal entschleunigen", blickt Benjamin Stern zurück. "Die Fahrradausflüge fand ich super. Und dass wir an den vielen Badebuchten spontan ins Wasser springen konnten." Mit seinen Töchtern habe er sich in den drei Wochen über Gott und die Welt unterhalten und ihm sei wieder einmal bewusst geworden, wie schnell die beiden erwachsen würden. "Ich sage nur", so Benjamin Stern: "Nach der Kur ist vor der Kur."

 

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