Lese-Frühstart mit Wildmuskat in Beilstein

Region  Das Heilbronner Weingut Amalienhof kultiviert am Beilstiener Steinberg ein ganz besonderes Früchtchen. Der Wildmuskat macht seinem Namen alle Ehre und ist früher reif als andere Sorten.

Weinjahrgang 2019: Lese-Frühstart mit Wildmuskat

Carmen Zürn hilft das erste Mal mit.

Fotos: Andreas Veigel

Für die 22-jährige Carmen Zürn ist es tatsächlich die erste Traubenlese ihres Lebens. Höchste Zeit. Denn die gebürtige Leingartenerin studiert im 5. Semester Internationales Weinmagagement an der Hochschule Heilbronn und sattelt demnächst auf den neuen Studiengang Wein-Marketing-Management um.

"Eigentlich wollte ich ja nur im Ausschank beim Hoffest und im Wein-Villa-Stand auf der Buga jobben", aber dann habe sie Regine Böhringer, die Chefin des Heilbronner Weinguts Amalienhof, auch für die Lese angeworben. Und so kam es, dass die eloquente Studentin im Jahrgang 2019 noch vor knapp 10.000 anderen "richtigen" Württemberger Wengertern zu Eimer und Schere greift.

Schon um 7.30 Uhr ging's los

Weinjahrgang 2019: Lese-Frühstart mit Wildmuskat
Noch ist der Lesetrupp nicht komplett. So muss selbst Kellermeister Stefan Dietrich (oben) zur Schere greifen.

Auf dem insgesamt 25 Hektar umfassenden Steinberg bei Beilstein begann das renommierte, von Gerhard Strecker gegründete Heilbronner Weingut Amalienhof am Dienstagfrüh um 7.30 Uhr mit der Lese: also zehn bis 14 Tage vor den meisten anderen Betrieben in der Region, die in der Regel mit Traditionssorten aus der Burgunderfamilie, aber auch mit Müller-Thurgau oder Dornfelder beginnen. Stark im Kommen sind hier und da auch etwas früher reife Exoten wie Acolon oder Solaris sowie die neue Modesorte Sauvignon blanc.

Der "absolute Frühstart im Amalienhof", so Kellermeister Stefan Dietrich und Marketingchef Matthias Göhring, sei einem ganz besonderen Früchtchen zu verdanken. Nämlich der Sorte Wildmuskat, die der inzwischen verstorbene Seniorchef selbst gezüchtet habe. Als Eltern der Zufallskreuzung habe eine jüngere DNA-Analyse die Sorten Sulmer und Noir Hatif ermittelt.

Nachdem Strecker in den 1990ern in Anlehnung an den Muskat-Trollinger seinem Kind den Namen Muskat-Lemberger gegeben habe, einigte er sich später mit dem Bundessortenamt auf "Wildmuskat". "Das passt irgendwie perfekt ins Geschmacksprofil", gibt Göhring zu verstehen und beißt demonstrativ in eine tiefblaue, knackige Beere, um von "Aromen wie Holunder, Cassis und Wildrosen" zu sprechen.

Schon Ende September kommt der neue Wildmuskat auf den Markt

Der Wildmuskat steht inzwischen für einen anderen Superlativ: Bereits in drei Wochen soll er als erster Württemberger Wein des aktuellen Jahrgangs 2019 auf den Markt kommen. Die ersten Korken knallen beim Weinfest am Beilsteiner Steinberg vom 27. bis 29. September.

Möglich mache dies eine optimierte Verarbeitung der Trauben im Keller. Direkt nach der Lese, die übrigens um 7.30 Uhr bei nur zehn Grad Celsius begann und bei mehr als 20 Grad am Nachmittag zu Ende ging - chauffierte Außenbetriebsleiter Ulrich Stein die noch von der kalten Nacht gekühlten Traubenbottiche in eine Kühlhalle auf dem Steinberg: anfangs dick vermummt, später mit offenem Hemdkragen.

Abends wurde die gesamte Ausbeute mit Lkw und Hänger in die 16 Kilometer entfernte Heilbronner Südstadt gebracht. In der Kelter des Weinguts Amalienhof wanderten die Trauben durch die Abbeermaschine. Die so gewonnene Maische wurde mit einer besonders aktiven Starterhefe zum Gären gebracht. "Schon nach drei, vier Tagen dürfte alles durchgegoren sein", erklärt Dietrich. "Dann lassen wir alles noch ein paar Tage ziehen, pressen das Ganze ab und schauen, dass der biologische Säureabbau in Gang kommt."

Spätestens am Vorabend des Bergfestes plant Dietrich, rund 10.000 Flaschen abzufüllen. Gleichzeitig betont er, dass die Sorte nicht nur für frische, unkomplizierte Tropfen tauge, sondern auch für Höherwertiges, wobei er für Premium-Wildmuskat bereits mehrere Deutsche Rotweinpreise eingeheimst habe.


Das Leseteam wird bald aufgestockt

All dies - und noch viel mehr - hat Studentin Carmen Zürn an ihrem ersten Lesetag wie ein Schwamm aufgesogen. Auch die teils eigens aus Polen angereisten Lesehelfer waren ganz bei der Sache: allen von Zygmund Fijalkowski, der schon seit Jahren regelmäßig zur Traubenlese anreist. Schon in den nächsten Tagen wird der Lesetrupp durch zusätzliche Gäste aus Polen und Rumänien auf bis zu 20 Helfer aufgestockt. Dietrich, Göhring und Stein rechnen damit, dass die Hauptlese von Trollinger, Riesling und Lemberger erst Ende Oktober ausklingt.

 

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