Landwirte machen ihren Sorgen Luft

Region  Existenzsorgen treiben viele Bauern um. Dazu kommt, dass sie von Artenschutz-Volksbegehren und Agrarapaket weitere Einschränkungen befürchten. Die Frage ist aber auch: Zeigt die Branche genügend Veränderungsbereitschaft?

Von Reto Bosch

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Zeichen des Protests: Die grünen Kreuze der Landwirte sind inzwischen häufig zusehen. Foto: Christiana Kunz

Wenn die Scorpions-Ballade "Winds of Change" das akustische Symbol für das Zusammenwachsen von West- und Ostdeutschland ist, steht Traktorenlärm für den tiefer werdenden Graben zwischen Landwirtschaft und Politik, zwischen Landwirtschaft und jenen Verbrauchern, die sich beim Lebensmittelkauf vor allem am Preis orientieren. Allein durch Stuttgart donnerten bei der bundesweiten Protestaktion der Bewegung "Land schafft Verbindung" hunderte Schlepper.

Gesteuert von Bauern, die ihren Sorgen Gehör verschaffen wollten. Längst nicht mehr zu übersehen sind die vielen grünen Kreuze an den Feldrändern. Aufgestellt von Landwirten, die von Volksbegehren und Agrarpaket ihre Existenz gefährdet sehen.

Wie groß ist die Bereitschaft der Landwirte zur Veränderung?

Die Stimmung in der Banche bewegt sich schon seit längerem unterhalb der Grasnarbe, schlägt aber nun um in offenen Protest. Der Frage, die sie sich allerdings selbst stellen lassen müssen, lautet: Wie groß war und ist die Veränderungsbereitschaft der Branche?

Katja und Nikolaus von Mentzingen sind an jenem Tag mit dem Traktor von Neuenstadt nach Stuttgart gefahren - vorbei an vielen grünen Kreuzen. 3,5 Stunden, einfach. "Unsere wirtschaftliche Basis wird immer dünner, deshalb sind wir auf die Straße gegangen. Der Punkt ist erreicht, an dem wir selbst etwas tun müssen", sagt Nikolaus von Mentzingen. Er sitzt in seinem Esszimmer, seine Frau neben ihm. Die beiden erzählen eine Geschichte, wie sie viele Landwirte erzählen.

 

„Wir sollen umweltbewusst produzieren, stehen aber in Konkurrenz zum Weltmarkt.“

von Nikolaus von Mentzingen

 

Diese handelt von einem bevormundeten Berufsstand, der sich durch ein Dickicht von Vorschriften pflügen muss, um am Ende eine wetterabhängige Ernte einzuholen, für die es oft zu wenig Geld gibt. Und als ob das allein nicht reicht, drohen mit Pro-Biene-Volksbegehren und Agrarpaket der Bundesregierung weitere Auflagen. "Wir sollen umweltbewusst produzieren, stehen aber in Konkurrenz zum Weltmarkt", meint von Mentzingen. "Mercosur hat das Fass dann zum Überlaufen gebracht", ergänzt Katja von Mentzingen. Sie meint damit das Handelsabkommen der EU mit Südamerika. Dort, so die vielstimmige Kritik, seien Umwelt- und Sozialstandards weitaus niedriger.

Viele offene Fragen beschäftigen die Landwirte

Der Betrieb der Familie Mentzingen produziert hauptsächlich Spargel. Auch da wird es schwieriger, der Preisdruck ist aber nicht ganz so hoch wie in anderen Bereichen: beim Zucker, beim Schweinefleisch, beim Getreide, phasenweise bei der Milch und natürlich auch beim Wein. Zuweilen gerät die Selbstverständlichkeit, auskömmlich zu wirtschaften, zur Kunst. Die Familie von Erhard Schoch betreibt seit 1721 in Talheim Landwirtschaft. Er sagt: "Die Stimmung ist gedrückt, jeder hat Angst vor der Zukunft." Schoch hat den Betrieb an seinen Sohn übergeben.

 

„Die Stimmung ist gedrückt, jeder hat Angst vor der Zukunft.“

von Erhard Schoch

 

Warum hat der sich trotz all der Widrigkeiten für diesen Weg entschieden? Florian Schoch (34) denkt kurz nach. "Ich bin kein Bürotyp, bin in die Landwirtschaft hineingewachsen." Bei aller Begeisterung für seinen Beruf blickt Florian Schoch "mit gemischten Gefühlen" auf die kommenden Jahre. Bringt das Volksbegehren starke Einschränkungen beim Pflanzenschutz? Welche verschärften Regelungen des Agrarpakets für den Artenschutz setzen sich durch? Wie entwickelt sich der Markt?

Erhard Schoch hat ein paar Zahlen zum Gespräch mitgebracht. 1984 hätten 100 Kilogramm Braugerste rund 32 Euro gebracht, bei Düngerkosten von vier bis fünf Euro pro 100 Kilogramm. Heute liege der Erlös bei 20 Euro und der Preis für Dünger bei 28 Euro. "Dazu kommt, dass auch andere Betriebskosten gestiegen sind."

 

 

Entwicklung

1999

2016

Betriebe insgesamt

Durchschnittliche Größe in Hektar

18,5

29,3

2953

1839

Landkreis Heilbronn

242

172

Stadtkreis Heilbronn

19,0

23,9

Hohenlohekreis

1730

1098

24,1

38,1

HSt-Grafik, Quelle: Statistisches Landesamt

Entwicklung

1999

2016

Betriebe insgesamt

Landkreis Heilbronn

2953

1839

242

172

Stadtkreis Heilbronn

Hohenlohekreis

1730

1098

Durchschnittliche Größe

in Hektar

18,5

29,3

Landkreis Heilbronn

Stadtkreis Heilbronn

19,0

23,9

Hohenlohekreis

24,1

38,1

HSt-Grafik, Quelle: Statistisches Landesamt

 

Differenzierte Betrachtung der Fakten wird angemahnt

Markus Gruber betreibt in Obersulm-Eschenau Obst- und Weinbau. Dass die Erlöse häufig zu gering ausfallen, drückt auch bei ihm auf die Stimmung. "Wenn man die Stundenlöhne anschaut, müsste man sofort aufhören." Dazu passt, dass die Landwirte in Baden-Württemberg im bundesweiten Vergleich am wenigsten verdienen. Das liegt auch an der kleinteiligen landwirtschaftlichen Struktur im Südwesten.

 

„Wenn man die Stundenlöhne anschaut, müsste man sofort aufhören.“

von Markus Gruber

 

Wertschätzung kann sich in Zahlen ausdrücken, aber auch in Respekt. "Man kann nicht immer nur auf die Landwirtschaft draufhauen", sagt Gruber. Er vermisst eine differenzierte Betrachtung der Fakten. Wenn es um das Pflanzenschutzmittel Glyphosat geht. Wenn es um Subventionen geht. Beispiel: Er erhalte eine Flächenprämie von 250 Euro pro Hektar. Dagegen stünden beim Wein aber Kosten von 6000 bis 10.000 Euro.

Dies gehe in der Diskussion unter. Davon ganz abgesehen müsse ein enormer bürokratischer Aufwand betrieben werden, um überhaupt an Fördergeld zukommen. Bei all dem Frust versucht Gruber erst gar nicht, seine Kinder in Richtung landwirtschaftliche Laufbahn zu drängen. "Sie sollen eine gute Schulausbildung machen, dann haben sie alle Möglichkeiten."

Bauernverband spricht von einer schwierigen wirtschaftlichen Situation

All dies kommt natürlich auch beim Deutschen Bauernverband an, der ganz unterschiedliche Interessen vertreten soll. Jene von Großbetrieben und jene von kleineren Höfen, wie es sie vor allem in Baden-Württemberg gibt. Ein Spagat, der aus Sicht so manches Bauern nicht immer gelingt. Präsident Joachim Rukwied aus Eberstadt sagt der Stimme: "Die Stimmung in der Landwirtschaft ist so schlecht wie lange nicht mehr, wie die Ergebnisse des aktuellen Konjunkturbarometers Agrar zeigen."

 

„Die Stimmung in der Landwirtschaft ist so schlecht wie lange nicht mehr.“

von Joachim Rukwied

 

Dies sei ein sehr deutlicher Beleg für die schwierige wirtschaftliche Situation und eine hochgradige Verunsicherung. Die deutsche Landwirtschaft befinde sich eindeutig im Abschwung. "Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, damit wieder Zukunftsinvestitionen getätigt werden können." Nötig sei ein klares Signal der Wertschätzung. "Wir fordern beispielsweise eine grundlegende Überarbeitung des Aktionsprogramms Insektenschutz." Kooperativer Naturschutz sei der Weg zum Ziel.

Weiteren Veränderungsbedaf gibt es in vielen Bereichen

Ganz aktuell bestätigt eine Studie der TU München einen enormen Insektenschwund. Dieser ist dort besonders ausgeprägt, wo intensiv genutzte Ackerflächen angrenzen. Detaillierten Aufschluss sollen weitere Untersuchungen bringen. Und natürlich gibt es auch Verbesserungsbedarf in der Tierhaltung, die betäubungslose Kastration von Ferkeln muss aus Sicht vieler Verbraucher genauso ein Ende finden wie die Vernichtung männlicher Küken.

Der Berufsstand wird sich also weiter wandeln müssen. Aber sind die Beharrungskräfte so groß wie immer mal wieder behauptet wird? Ein Gegenbeispiel dafür sind die Mentzingens. Sie haben sich an die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen gewandt. Sie wollten wissen, wie sie ihren - konventionellen - Betrieb nachhaltiger bewirtschaften können.

Forschung der Hochschule könnte weitere Argumente für regionale Ware liefern

Professor Markus Frank verantwortet das Zentrum für Nachhaltige Entwicklung. Er erforscht, wie die Agrarsysteme der Zukunft aussehen sollten. Im Rahmen eines Master-Studiengangs hat er mit dem Neuenstädter Hof ein Projekt gestartet. "Im ersten Schritt machen wir eine Bestandsaufnahme", erklärt Frank. Welche Stärken, welche Schwächen hat der Betrieb? Diese Phase ist abgeschlossen, aber noch nicht ausgewertet. Zum einen steht die Treibhausgas-Immission, zum anderen die Artenvielfalt im Blick der Hochschule.

 

„Unser Ziel ist, Impulse zu setzen, um Produktionsweisen zu hinterfragen.“

von Markus Frank

 

Am Ende soll zum Beispiel ein transparenter Vergleich der Öko-Bilanzen von regionalem und importiertem Spargel stehen. Und dieser könnte weitere Argumente für regionale Ware liefern. "Unser Ziel ist, Impulse zu setzen, um Produktionsweisen zu hinterfragen", ergänzt der Professor. Ganz praktisch: Könnten umweltfreundlichere Folien verwendet werden? "Wir wollen Leuchtturmbetriebe finden, die ausstrahlen", erklärt Frank.

Heute wird Boden schonender bearbeitet als früher

Für den Wissenschaftler ist völlig klar: "Die Landwirtschaft muss sich verändern." Im Brustton der Überzeugung erklärt er aber auch: "Ich kenne keine Berufsgruppe, die so viel Veränderungswillen hat." Auch deshalb, weil sie sich ständig verändernden Vorgaben von Land, Bund und EU anpassen muss."

Bauernpräsident Rukwied sieht das ähnlich. Die deutsche Landwirtschaft sei seit Jahren in einem Veränderungsprozess hin zu mehr Nachhaltigkeit. Die Bauern setzten beispielsweise auf eine schonende Bodenbearbeitung und wassersparende Anbauverfahren, wie etwa Mulchsaat, verschiedene Fruchtfolgen und Zwischenfrüchte. Der Verband habe eine gemeinsame Ackerbaustrategie entwickelt, die auch eine Reduktion von Dünger und Pflanzenschutzmitteln beinhaltet.

 

„Ich kenne keine Berufsgruppe, die so viel Veränderungswillen hat.“

von Markus Frank

 

Bauern müssen sich und ihre Kenntnisse weiterentwickeln. Davon ist auch Markus Gruber überzeugt. Beim Pflanzenschutz etwa habe sich extrem viel verändert. Vor Jahrzehnten gab es den Insektenkiller E605, heute würden im Weinbau von wenigen Ausnahmen abgesehen gar keine Insektizide mehr eingesetzt.

Es werde insgesamt sehr viel zielgerichteter gespritzt. Die Ausbildung der Landwirte habe sich verbessert. "Früher gab es auch nicht so viele Beratungsmöglichkeiten", erinnert sich Erhard Schoch. "Blühwiesen habe ich schon angelegt, bevor es die Diskussion über das Insektensterben gab", berichtet Gruber.

Geteilte Meinungen zum Öko-Landbau

Ist die massive Umstellung auf Bio-Landbau der Weg in die Zukunft, so wie es das Volksbegehren fordert? Ja, meint Werner Lieberherr aus Kirchheim. Seit fast 50 Jahren betreibt er Bio-Landwirtschaft. "Dabei hatten Nachbarn angekündigt, dass bei mir nichts mehr wachsen werde." Das Gegenteil sei der Fall. Man könne sehr wohl auf mineralischen Dünger und chemischen Pflanzenschutz verzichten. Skeptisch zeigt sich Professor Frank: Für Öko-Landbau im geforderten Ausmaß fehlten die Nährstoffe.

Klar ist: Die Digitalisierung bietet viele Chancen, wird die Landwirtschaft in den kommenden Jahren stark verändern. Mehr Automatisierung, punktgenauerer Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, präzise Steuerung von Maschinen und Ställen. Dann wird Traktorlärm zum Symbol der Veränderung.


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