Land warnt vor Sekten an Schulen

Stuttgart/Heilbronn  In einem internen Bericht über die Aktivitäten von Sekten mahnt das Land zur Vorsicht. Mit besseren Beratungsangeboten und mehr Lehrmaterial an Schulen soll künftig umfassend über Sekten informiert werden. Wie ist die Situation an den Schulen in Heilbronn?

Von Michael Schwarz

Scientology-Gebäude in Stuttgart
In der Heilbronner Straße in Stuttgart betreibt Scientology seit Herbst 2018 eine ihrer großen Zentralen in Deutschland. Foto: dpa

Das Land Baden-Württemberg will den Einfluss von Sekten intensiver bekämpfen. Dies erklärt die zuständige Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) gegenüber der Heilbronner Stimme. "Der Markt religiös-weltanschaulicher Angebote, Verschwörungstheorien sowie in den Bereichen Lebenshilfe und Esoterik ist heute schnelllebiger als früher und wird immer unübersichtlicher", sagt die CDU-Politikerin.

Laut Eisenmann ist es wichtig, "in Zusammenarbeit mit Beratungsstellen die Öffentlichkeit noch stärker zu sensibilisieren und zu informieren". Vor allem Kinder und Jugendliche sollen besser geschützt werden. Eisenmann ist zuständig für Sekten, weil in ihrem Haus die innerministerielle Arbeitsgruppe des Landes für Sekten angesiedelt ist.

Zentrales Internetportal soll kommen

Jetzt wurden die Erkenntnisse über das Vorgehen von Sekten in einem bislang noch unveröffentlichten Bericht zusammengefasst. Das 22-seitige Papier liegt unserer Redaktion vor. Darin hat die zuständige Arbeitsgruppe beschlossen, ein zentrales Internetportal einzurichten. Es soll "Ratsuchenden einen erleichterten Zugang und Überblick über gefährliche weltanschauliche Angebote geben". Vor allem die Scientology-Sekte würde massiv versuchen, in Schulen junge Menschen anzuwerben.

Solche Vorfälle habe es Südwesten zuletzt im württembergischen Allgäu, in Böblingen und in der Bodenseeregion gegeben. "Eine adäquate Sensibilisierung und Schulung von Lehrkräften ist unerlässlich", steht in dem Bericht. Deswegen sollen Pädagogen Lehrmaterial erhalten, um in den Klassen über Sekten aufzuklären.

Soziale Medien besser kontrollieren

Als weitere Maßnahme sollen Sekten künftig stärker im Internet und in sozialen Netzwerken beobachtet werden. "So existieren mittlerweile unzählige Apps und Handyspiele im Themenbereich Esoterik und Lebensberatung. Dabei wird häufig gezielt mit Lockvogelangeboten gearbeitet", heißt es in dem Bericht. Es sei auch immer schwerer, die Hintermänner von Sekten-Internetseiten ausfindig zu machen.

Das Land fördert bislang je eine Beratungsstelle in Freiburg und Stuttgart mit mehr als 170.000 Euro im Jahr. An diese können sich Sektenopfer wenden. Seit der Gründung der Stellen 2013 wurden alleine telefonisch mehr als 16.000 Beratungsgespräche durchgeführt.

Verfassungsschutz beobachtet nur Scientology

Vom Südwest-Verfassungsschutz beobachtet wird aus dem Sekten-Spektrum bislang nur Scientology. "Ihre letzte größere Aktion war die Eröffnung der ,Idealen Org" in Stuttgart", sagt Verfassungsschutzsprecher Georg Spielberg. In der Heilbronner Straße hat Scientology im Herbst 2018 ihre dritte große Deutschland-Zentrale aufgemacht. Aktuell soll Scientology im Südwesten 750 bis 800 Mitglieder haben.

 


Sind Sekten in Heilbronner Schulen auch ein Problem?

Schulleiter und Schulsozialarbeiter der Region können eine zunehmende Relevanz des Themas nicht bestätigen. Weder Sekten an sich noch Übergriffe durch diese seien spürbar, sagt Janet Geltz, die als Fachbereichsleiterin bei der Diakonischen Jugendhilfe Region Heilbronn (DJHN) 38 Schulsozialarbeiter begleitet. Deren präventive Arbeit ziele darauf ab, Kinder und Jugendliche zu starken und selbstbewussten  jungen Menschen zu erziehen, die sich auch gegenüber von Sekten abgrenzen können. Dafür gebe es zahlreiche Angebote  zu Demokratieerziehung, Steigerung des Selbstwertgefühls und sozialer Kompetenzen. 

Darauf setzt auch die Heinrich-von Kleist-Realschule in Heilbronn. Mit Präventionsangeboten werde das soziale Miteinander gestärkt,  die Schüler werden zur „Auseinandersetzung mit sich und ihrer Umwelt“ angehalten, erklärt Rektorin Melanie Haußmann.  Ein Problem mit Sekten gebe es aber nicht, auch am Eppinger Hartmanni-Gymnasium ist ein solches nicht bekannt. 

Diese Tendenz bestätigt Jürgen Kovács, Direktor des Justinus-Kerner-Gymnasium in Weinsberg. Als Weltethosschule habe das JKG die durch verschiedene Religionen im Blick. Im Unterricht und bei außerschulischen Projekten setzen sich die Schüler „offen und respektvoll“  mit der Vielfalt auseinander. So können manche Probleme gar nicht erst entstehen, ist sich der Schulleiter sicher.

„Sekten sind aktuell gar kein Thema“, sagt auch Heidi Günther, Rektorin der Heilbronner Rosenauschule. Soziales Lernen ist an der Grund- und Werkrealschule dennoch ein wichtiges Thema. „Die Schüler müssen in die Lage versetzt werden, ausgrenzende oder  Grundrechte einschränkende Sekten zu identifizieren und auf der Basis eines gesunden Selbstbewusstseins abzulehnen“, sagt der Heilbronner Schulamtsdirektor Markus Wenz. Es sei eine wichtige Aufgabe der Schulen, Kinder und Jugendliche zu mündigen Bürgern zu erziehen. „Informationen der Kultusverwaltung können dabei helfen, problematische Akteure, die möglicherweise unter dem Deckmantel von Helfern daher kommen, rasch zu erkennen und professionell zu handeln“, erklärt Wenz in Bezug auf die Pläne von Kultusministerin Eisenmann. 

 


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