Lämmer in Unterkessach von Wolf gerissen

Widdern  Das Untersuchungsergebnis liegt vor: Erstmals seit mehr als 150 Jahren hat ein Wolf im Südwesten Nutztiere getötet. Schafhalter sind verunsichert.

Von Christian Gleichauf und Reto Bosch
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Ein Wolf hat am 7. Oktober drei Lämmer bei Unterkessach auf einer Weide gerissen.

 

Erstmals seit mehr als 150 Jahren hat ein Wolf in Baden-Württemberg wieder Schafe gerissen. Am 7. Oktober waren drei tote Lämmer in Unterkessach bei Widdern gefunden worden. Ein weiteres musste notgeschlachtet werden. Die DNA-Untersuchung der Überreste hat nun zweifelsfrei ergeben, dass hier ein Wolf am Werk war. Die Diskussion über den Umgang mit dem Raubtier hat derweil schon begonnen.

Der Landesschafzuchtverband fordert Vergrämungsmaßnahmen und ein „wolffreies Gebiet“. Der BUND-Regionalgeschäftsführer Gottfried May-Stürmer rät dagegen zur Gelassenheit. Viele Jahrhunderte sei Weidehaltung trotz Wolfsbeständen möglich gewesen. Landesumweltminister Franz Untersteller (Grüne) betont, dass es auf den Schutz der Herden ankommt.

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„Unsere Schäfer sind geschockt. Wir hätten uns gewünscht, noch etwas mehr Zeit zu haben, um uns vorzubereiten“, erklärt Anette Wohlfarth, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands. Doch Maßnahmen wie mehr als 90 Zentimeter hohe Elektrozäune – wie sie vom Umweltministerium empfohlen werden – seien kein hinreichender Schutz, weil Wölfe solche Höhen überwinden könnten. 

Dazu kommt, dass Baden-Württemberg im Vergleich häufig steil, touristisch erschlossen, dicht besiedelt, in Teilen verbuscht und klein parzelliert sei. "Das sind alles Faktoren, die ein funktionierendes Nebeneinander von Nutztierhaltung und Wolf erschweren."

Vergrämung gewünscht

Wohlfarth fordert die Einrichtung von wolffreien Gebieten, von denen die Tiere durch Vergrämungsmaßnahmen ferngehalten werden. Baden-Württemberg komme für so ein Gebiet infrage. "Wir haben hier eine Kulturlandschaft, keine Naturlandschaft." Wenn sich das ändern sollte und alles wieder zugewachsen sei, "dann kann sich hier natürlich auch der Wolf wieder niederlassen."

Landwirte stehen dem Wolf skeptisch gegenüber. Eine Koexistenz zwischen Wolf und Weidetierhaltung könne in der deutschen Kulturlandschaft nur dann funktionieren, wenn die Bestände des Wolfes reguliert und seiner unbeschränkten Ausbreitung in Deutschland Grenzen gesetzt würden, erklärt der Deutsche Bauernverband. Nicht nur die Weidetierhalter, sondern immer mehr Menschen im ländlichen Raum akzeptierten nicht länger, dass der Naturschutz ihnen allein die Folgen der Ausbreitung des Wolfes auflaste.

 

Michael Straußberger und seine Schafe in Unterkessach. Foto: Christian Gleichauf

 

Schafhalter verunsichert

Helmut Eberle, Vize-Chef des Kreisbauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg, hält die Region für keinen geeigneten Lebensraum für Wölfe. "Als der Wolf noch bei uns heimisch war, war die Welt noch eine andere." Er habe kein Verständnis dafür, dass das Rad "mit aller Gewalt" zurückgedreht werden soll. Eberle glaubt, dass viele Schafhalter aufgeben werden.

Diese Gedanken hat sich auch der betroffene Schafhalter Michael Straußberger aus Unterkessach gemacht. Vorerst möchte er mit seinem Hobby aber noch weitermachen. "Ich habe vier Hektar Wiesen zu bewirtschaften, ein großer Teil davon in Hanglage, das geht anders kaum." Wenn nur alle paar Jahre mal ein Tier gerissen werde, dann könne man wohl damit leben. Ganz anders würde das aber aussehen, sollten Wölfe häufiger vorbeischauen.

Im September war ein Wolf im Odenwald gesichtet worden. Unbestätigte Beobachtungen gab es unter anderem in Widdern und Neuenstadt-Stein. Woher der Unterkessacher Wolf kam, versuchen Wissenschaftler des Senckenberg-Instituts für Wildtiergenetik noch herauszufinden. Im Sommer hatte ein Wolf aus Niedersachsen Schlagzeilen gemacht, der immer wieder in Baden-Württemberg aufgetaucht war und dann erschossen im Schluchsee gefunden worden ist.

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Bei Unterkessach (Grafik) riss der Wolf die Schafe.

 

 

 

 

 


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