Kürzere Wege statt Gras und Hecke

Region  Die Architekten Gerd Krummlauf und Marcus Teske über die Zukunft des Wohnens in der Stadt - und wieso es dort keine Hecken geben sollte.

Von Alexander Klug

Verkehrsserie: Kürzere Wege statt Gras und Hecke

Die Bauarbeiten am Heilbronner Neckarbogen-Areal schreiten voran. Die aufmerksame Gestaltung neuer Wohnquartiere kann den Verkehr reduzieren. Foto: Manuel Maier

 

Der Traum vom Häuschen mit Garten. Wirklichkeit wird er oft auf dem Land, in Orten wie Flein, Oedheim oder Bretzfeld. Aber - wie sinnvoll ist das in Zeiten morgens wie abends voller Straßen? Welche Rolle spielt das Wohnen in der Stadt beim Versuch, den Verkehr wieder besser ins Rollen zu bekommen? Darüber haben wir mit Marcus Teske und Gerd Krummlauf gesprochen, sie sind Partner im Architekturbüro BKT Architekten in Heilbronn.

Wie die Zukunft des Wohnens aussieht, hat für die Architekten viel mit Mentalität zu tun. "Für viele ist das Häusle mit Garten drumherum wichtig. Das bauen sie dann in einer Gegend, in der man nur mit dem Auto mobil ist", sagt Gerd Krummlauf. Ein großer Teil der Pendlerströme gehe darauf zurück. "Die Nachfrage nach solchen Einfamilienhäusern ist aber da", ergänzt Kollege Marcus Teske. "So sehr scheinen Pendelei und Stau dann doch nicht zu stören."

Von den Niederlanden und Dänemark lernen

In den Niederlanden oder in Dänemark sei die Vorstellung von Privatheit eine andere, sagt Gerd Krummlauf. "Hierzulande müssen zwischen Hecke und Haus noch gefühlt zehn Meter Wiese sein, um sich privat zu fühlen. In Holland benutzen viele nicht einmal Gardinen." Der Glaube, der Garten ums Haus entscheide über die Wohnqualität, sei aber irreführend. "Die Großstadt ist der falsche Ort dafür. Man kann aber trotzdem Gebäude und Quartiere planen, in denen man hervorragend leben kann."

Als Beispiel, wie verdichtetes Wohnen - freilich im Großformat - aussehen kann, nennt Marcus Teske das Gebäude "8 House" in einem Vorort von Kopenhagen. Benannt wurde es nach seinem Grundriss in Form einer Acht. 476 Wohnungen, Geschäfte, Büros, Kindergarten, Café, Restaurant. Das könne man natürlich nicht eins zu eins übertragen, aber das Projekt zeige, was möglich ist. "Aber auch eine so große Anlage ermöglicht Privatheit. Ohne viel Grünfläche und Hecke", sagt Gerd Krummlauf.

Auf die Mischung achten

Denn sowohl viele junge Menschen als auch Senioren wollen zentral leben. "Darin sehe ich kein Problem, sondern eine Chance. Nicht nur, weil es viel ökologischer ist, sondern, weil es Möglichkeiten bei der städtischen Entwicklung bietet", sagt Marcus Teske. Arbeitsstätte und Wohnort können näher zusammenrücken - "Mischung" laute das Schlüsselwort. "Wenn es sowohl Wohnen als auch Arbeiten in einem Gebiet gibt, senkt das die Anzahl von Menschen, die pendeln", so Teske.

Deswegen sieht er Gewerbegebiete wie das zwischen Charlotten-, Max-Planck- und Stuttgarter Straße im Heilbronner Süden kritisch. "Das wird die Straßen dort ziemlich belasten." Potenzial macht er entlang der Stuttgarter Straße aus. "Dort sind noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, effektiver, höher, großstädtischer zu bauen."

Auch die soziale Mischung müsse man im Auge behalten: Eine Quote an Sozialwohnungen sei notwendig; vor allem, wenn nachverdichtet wird. "Sonst können sich die Leute, die in den verbliebenen Geschäften arbeiten, das Wohnen in der Nähe nicht mehr leisten." Bei den großen Arbeitgebern der Region sei es hingegen mit der Nähe von Wohnort und Arbeitsplatz schwierig. "Es sind einfach zu viele Mitarbeiter", sagt Gerd Krummlauf.

Manches entwickelt sich in richtige Richtung

In Heilbronn sehen sie manches Projekt, das in die richtige Richtung geht. Er höre zwar ab und zu Kritik am Südviertel, sagt Marcus Teske. "Die Arbeiten an dem Areal sind aber noch nicht abgeschlossen, es wird noch grüner. Im Prinzip ist das die Art zu bauen, wie es sie mehr geben müsste." Ähnlich im Neckarbogen. "Dort war zwischenzeitlich sogar ein Parkhaus als Garage für alle Bewohner vorgesehen. Ein spannende Idee, auch wenn sie politisch noch nicht durchsetzbar war."

Die Attraktivität der Wohnanlagen und Quartiere sei entscheidend. "Das Einkaufen als Grund, in die Stadt zu fahren, wird schwächer. Die Städte müssen andere Anziehungskraft aufbauen. Denn klar ist, dass der Bedarf an sozialen Treffpunkten nach wie vor da ist."


Lösungsansätze: Wohnen in der Stadt

Platz nutzen: Die Großstadt ist nicht der richtige Ort für Gärten und Hecken, sondern für kompaktes Wohnen - in höheren Gebäuden und effektiven Wohnanlagen.

Mischung beachten: Die Mischung von Gewerbe und Wohnen kann in einem Gebiet sinnvoll sein. Funktioniert sie, reduziert sie die Anzahl von Menschen, die pendeln. Um auch eine soziale Mischung zu erreichen, ist zudem eine Quote an sozialem Wohnungsbau wichtig.

Mentalitätswandel fördern: Die Art von Nähe und Privatheit des Stadtwohnens eher an Projekten in den Niederlanden oder in Dänemark orientieren.

Aufenthaltsqualität: Das Einkaufen verliert an Bedeutung, deswegen ist es wichtig, die Aufenthaltsqualität von Quartieren und Plätzen zu erhöhen.