Kostenloser Nahverkehr im Advent

Region  An allen vier Adventssamstagen dürfen die Menschen zwischen Künzelsau, Heilbronn und Eppingen kostenlos mit Bus und Bahn durchs Gebiet des Heilbronner-Hohenloher-Haller Nahverkehrs fahren. 160.000 Euro kostet die Aktion, die dann auch statistisch ausgewertet werden soll

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Viermal freie Fahrt zum Weihnachtsmarkt und in die City
An den Adventssamstagen kostenlos Bus und Bahn fahren. Foto: Archiv/Dirks

Erstmalig wird der Heilbronner-Hohenloher-Haller Nahverkehr (HNV) in diesem Jahr Fahrten in Bussen und Stadtbahnen kostenlos anbieten. An den vier Adventssamstagen brauchen Fahrgäste in der Stadt und im Landkreis Heilbronn sowie im Hohenlohekreis kein Ticket zu lösen. Die Kosten der Aktion liegen bei 160.000 Euro, erklärt HNV-Geschäftsführer Gerhard Gross.

Kapazitäten werden erhöht

Wer an den Adventssamstagen also auf den Weihnachtsmarkt oder zum Shoppen nach Öhringen, Künzelsau, Eppingen oder Heilbronn möchte, der kann sein Auto getrost stehen lassen. "Die ganze Familie kann so gemeinsam mit dem ÖPNV fahren", sagt Gross. Weil dadurch das Fahrgastaufkommen steigen wird, würden auch die Beförderungskapazitäten erweitert. "Wir können allerdings keine zusätzlichen Verbindungen anbieten, werden aber große Gelenkbusse einsetzen und bei der Stadtbahn so oft wie möglich einen zweiten Wagen anhängen", so der Geschäftsführer.

Mit der Aktion betritt der HNV Neuland. "Es gibt zwar bereits Städte wie Ulm und Tübingen, die an Samstagen kostenlosen ÖPNV anbieten, aber eben nur in der Stadt", sagt Gross. Ob so etwas in einem Nahverkehrsverbund schon einmal umgesetzt wurde, sei ihm nicht bekannt.

Schlussfolgerungen werden ermöglicht

So wird die Aktion auch zu einem großen Feldversuch. Denn die Frage, wie viele Menschen durch die Aktion umgestiegen sind, lässt sich angesichts fehlender Fahrschein-Zahlen nicht so leicht beantworten. Die Busfahrer, die an diesem Tag keine Fahrkarten verkaufen müssen, werden stattdessen Strichlisten führen. In den Stadtbahnen werden die Fahrgäste vom automatischen Zählsystem erfasst. Eine weitere Zählung vorab im November soll den Vergleich ermöglichen.

Interessant wäre dann noch zu erfahren, wie sich die Aktion auf den Autoverkehr auswirkt. Das ist nach derzeitigem Stand nicht vorgesehen. "Naja, wenn alle zählen, könnte ja keiner mehr fahren", sagt HNV-Sprecher Thomas Tiselj augenzwinkernd. Möglicherweise könnten aber die freien Plätze in den Parkhäusern ausgewertet werden.

In der Stadt Heilbronn sind kostenlose Samstage schon länger in der Diskussion

Keinen Zusammenhang gibt es zwischen der Aktion und dem interfraktionellen Antrag im Heilbronner Gemeinderat, Stadtbusfahrten an Samstagen grundsätzlich kostenlos anzubieten. "Das ist ja bislang noch nicht diskutiert. Vielleicht lassen sich aus unserer Aktion aber Rückschlüsse für dieses Vorhaben ziehen", erläutert Gerhard Gross.

Entschieden hatte der HNV-Aufsichtsrat über die Adventsaktion bereits im Juni. Die voraussichtlichen Kosten von 160 000 Euro werden je zur Hälfte aus dem Marketingbudget des HNV einerseits sowie von den Gesellschaftern Hohenlohekreis, Land- und Stadtkreis Heilbronn und den Verkehrsunternehmen andererseits getragen.

Angebot erstreckt sich nicht auf Schwäbisch Hall oder Sinsheim

Diese Finanzierung ist auch der Grund, warum das Angebot nur auf die drei Kreise beschränkt bleibt: Eine Ausweitung auf das erweiterte Tarifgebiet, also auf Orte wie Schwäbisch Hall, Sulzbach an der Murr, Bretten, Sinsheim, Mosbach oder Bad Mergentheim sei nicht möglich, weil dadurch den Nachbarverbünden Einnahmen vorenthalten würden.

Eines ist Gerhard Gross noch wichtig: Solche Aktionen seien nicht "beliebig wiederholbar". Ein komplett kostenloser ÖPNV sei nach derzeitigem Stand nicht finanzierbar. Die Einnahmen aus den Ticketverkäufen liegen pro Jahr bei 50 Millionen Euro. "Darauf können wir nicht verzichten", sagt Gross. Und man müsse bedenken, dass diese Summe Jahr für Jahr zu stemmen sei.

In den nächsten Tagen finden nun noch Gespräche mit Tourismus-Verantwortlichen in der Region statt. Die Aktion soll natürlich beworben und nicht nur rund um Heilbronn genutzt werden.

Positive Entwicklung beim HNV

Die Aktion beschließt ein voraussichtlich sehr erfolgreiches Jahr des Heilbronner Hohenloher Haller Nahverkehrs (HNV). Bilanz kann zwar noch nicht gezogen werden, doch Ticketverkäufe und die Vereinbarungen mit der Buga GmbH lassen erahnen, dass im Jahr 2019 besonders viele Fahrgäste die Busse und Bahnen im HNV genutzt haben. Damit setzt sich ein langfristiger Trend fort. Schon in den vergangenen zehn Jahren haben die Erlöse aus den Fahrscheinverkäufen um zehn Prozent zugelegt - " bei sinkenden Schülerzahlen", wie HNV-Geschäftsführer Gerhard Gross betont. 

 


Kommentar: Gewohnheiten aufbrechen

Ein Kommentar von Christian Gleichauf

Misstrauisch wie man in dieser Welt sein muss, könnte man vermuten, dass hinter der Adventsaktion des HNV etwas ganz anderes steckt. Vielleicht sollen ja nur die Stickoxidwerte in Heilbronn zum Jahresende gedrückt werden, so dass die Stadt auch ganz sicher um die drohende Keule Dieselfahrverbot herumkommt. Aber stopp: Wäre das eigentlich so schlimm? Würde es nicht vielmehr aufzeigen, wie man Luftreinhaltungs- und Klimaschutzziele erreichen kann? Würde es nicht Wege aus dem Verkehrskollaps weisen?

Die Aktion ist natürlich nur ein kleiner Schritt, doch sie befeuert die Hoffnung, dass in der Region auch ein großer Schritt in Richtung echter Verkehrswende möglich ist. Dazu braucht es solche Feldversuche.

Zum einen werden dadurch Erkenntnisse gewonnen, welche Konsequenzen das Drehen an den bekannten Stellschrauben hat. Zum anderen wird den Menschen ein Angebot gemacht, das sie kaum ablehnen können. Gewohnheiten, über die viele nicht mehr nachdenken, werden so aufgebrochen. So sind Veränderungsprozesse möglich.

Es darf nicht alles eine Frage des Geldes sein

Und auch wenn HNV-Geschäftsführer Gross die Euphorie bremst - kostenlose Samstage seien nicht "beliebig wiederholbar" - so darf es nicht bei dem einen Versuch bleiben. Man braucht nicht das ganze Jahr über einen kostenlosen ÖPNV anbieten. Mit neuen Angeboten sollte man aber ausloten, wie möglichst viele Menschen umsteigen.

Was da möglich ist, wird am Ende auch eine Frage des Geldes sein. Doch diese Frage sollte man nicht ganz an den Anfang der Diskussion stellen. Inzwischen ist ja (fast) allen klar, dass ein "Weiter so" nirgendwohin führt.


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Stv. Leiter der Stadtkreis-Redaktion

Über den Raum Heilbronn in all seinen Facetten schreibt Christian Gleichauf seit dem Jahr 2000. Der gebürtige Südbadener kam damals als Volontär zur Heilbronner Stimme. Nach Stationen in der Wirtschaftsredaktion, im Service und im Landkreis steht jetzt die Stadt Heilbronn ganz oben auf der Agenda. 

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