Korrosion frisst sich in die Rohre von GKN II

Region  Die erneuten Schäden in den sicherheitsrelevanten Dampferzeugern des Atomkraftwerks in Neckarwestheim haben die Diskussion über die Sicherheit der Anlage befeuert. Der Betreiber versichert, das Problem im Griff zu haben. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Email

Die erneuten Schäden in den sicherheitsrelevanten Dampferzeugern von GKN II haben die Diskussion über die Sicherheit der Anlage befeuert. Das wurde auch in der Oktober-Sitzung der GKN-Infokomission deutlich. Betreiber EnBW und die Atomaufsicht sehen keine Gefahr, Kernkraftgegner fordern dagegen, den Reaktor vom Netz zu nehmen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

 

Worum geht es?

In jedem der vier Dampferzeuger von GKN II verlaufen rund 4000 Heizrohre. Sie transportieren unter hohem Druck extrem heißes und radioaktives Wasser aus dem sogenannten Primärkreislauf. Dies ist ein abgeschlossenes System, das die von den Brennelementen produzierte Wärme in die Dampferzeuger bringt. Die Heizrohre müssen absolut dicht sein, um die Ausbreitung von Radioaktivität in diesem Anlagenteil zu verhindern. Reißen die Rohre ab, kann ein ernsthafter Störfall entstehen.

 

Wo liegt das Problem?

Seit 2017 entdeckt die EnBW bei Revisionen Korrosionsschäden an solchen Heizrohren. Verlaufen diese in Umfangsrichtung könnten Rohre im Extremfall abreißen. 2018 betrug die stärkste Wanddickenschwächung 91 Prozent, dieses Jahr wurden 70 Prozent festgestellt. Thomas Wildermann vom Umweltministerium betont allerdings, dass diese Schwächung nur ein kurzes Stück des Rohrumfangs betroffen habe und die Stabilität der Rohre nie in Gefahr gewesen sei.

 

Wie sehen die Befunde genau aus?

In den Jahren 2018 und 2019 hat die EnBW insgesamt 292 rissartige Korrosionsschäden entdeckt. Bei der Revision im August und September dieses Jahres stellte sich heraus, dass von den 191 aktuell betroffenen Rohren schon 95 ein Jahr geschädigt sein mussten.

 

Warum wurde das nicht schon 2018 erkannt?

Das fragen sich die Kernkraftgegner auch. "GKN II ist zehn Monate gelaufen und niemand wusste, wie viele Schäden es tatsächlich gibt", kritisiert Gottfried May-Stürmer, Geschäftsführer des BUND-Regionalverbands Heilbronn-Franken. Die Anti-Atom-Organisation "Ausgestrahlt" wirft der EnBW und den Gutachtern vor, dass 2018 niemand auf den Gedanken gekommen sei, dass Ablagerungen die Messergebnisse der Sonden verfälschen. Tatsächlich treten die Korrosionsschäden am untersten Ende der Heizrohre auf, dort, wo sie in die Unterkonstruktion münden und sich Ablagerungen absetzen. Die EnBW verweist darauf, dass 2019 eine verfeinerte Messtechnik zum Einsatz gekommen sei. Diese habe Schäden offenbart, die 2018 noch gar nicht detektierbar gewesen seien, argumentiert Christoph Heil. Er ist in der EnBW-Geschäftsführung für den Leistungsbetrieb zuständig. Professor Anton Erhard, Präsident der deutschen Gesellschaft für Zerstörungsfreie Prüfung, bestätigte in der Infokommission diese Aussage.

 

Wurden die Rohre in voller Länge geprüft?

Nein. EnBW hat bei der Sonderprüfung zwar alle 16 400 Rohre untersuchen lassen. Allerdings allein das untere Ende bis zum ersten Abstandhalter, weil nur dort die Gefahr der sogenannten Spannungsrisskorrosion bestehe. Auf der gesamten Länge wird nur ein Teil der Rohre turnusmäßig mit Sonden untersucht.

 

Was ist der Grund für die Schäden?

Diese sind entstanden aus einer Kombination mehrerer Faktoren. Zum einen treten die Korrosionen an Stellen auf, die unter Spannung stehen. Zum anderen enthält die Kühlflüssigkeit Eisenoxide und salzhaltige Verunreinigungen aus sehr kleinen Leckagen der Kondensatoren. Dies begünstigt Oxidationen.

 

Welche Gegenmaßnahmen wurden ergriffen?

Die EnBW hat in den Dampferzeugern zum Beispiel umfangreiche Spül- und Reinigungsprogramme gefahren, sie hat salzartige Verunreinigungen beseitigt. Heizrohre, deren Wanddicken zu mehr als 30 Prozent reduziert waren, hat der Kraftwerksbetreiber außer Betrieb nehmen lassen.

 

Hat die EnBW das Problem im Griff?

Da gehen die Meinungen weit auseinander. "Die durchschnittliche Tiefe und Länge der Wanddickenschwächung nimmt ab", erklärt Christoph Heil. "Die 2018 ergriffenen Maßnahmen führen zum Erfolg", versichert der Geschäftsführer. Nicht auszuschließen sei allerdings, dass die Fachleute auch 2020 geschädigte Rohre entdecken. Gottfried May-Stürmer sagt: "Der Höhepunkt der Krise ist noch nicht überschritten."

 

Kann ein Heizrohr plötzlich abreißen?

Ja, sagt May-Stürmer und verweist auf ein Gutachten der Materialprüfungsanstalt der Uni Stuttgart. Diese sei in einem Versuch zum Ergebnis gekommen, dass ein Rohr, das in Umfangsrichtung beschädigt sei, sehr wohl reißen könne. Nein, erklären dagegen EnBW und Atomaufsicht. Sie versichern, dass die Rohre erst undicht würden, bevor sie reißen. Solche Lecks würden sofort entdeckt, der Reaktor könne umgehend abgefahren werden. Davon abgesehen: Die Test der Universität Stuttgart seien mit der Realität im Dampferzeuger nicht vergleichbar, sagt Thomas Wildermann vom Ministerium. Bei den Versuchen sei mit einem Druck gearbeitet worden, der im Leistungsbetrieb von GKN II niemals auftreten könne.

 

Wie geht es weiter?

Die Atomaufsicht ist davon überzeugt, dass GKN II sicher bis zur nächsten Revision 2020 laufen kann. Dann muss die EnBW alle 16 400 Heizrohre erneut untersuchen.

 


Reto Bosch

Reto Bosch

Stv. Regionalchef, Leiter Landkreis

Reto Bosch arbeitet seit 2000 für die Stimme. Gemeinsam mit seinem Team sucht er nach spannenden regionalen Themen. Kommunalpolitik, Agrarthemen, Atomkraft und Umweltschutz hat er besonders im Blick. 

Kommentar hinzufügen