Kochtöpfe aus strahlendem Metall?

Region  Atomkraftgegner akzeptieren keine Strahlung: AG Atomerbe und BUND kritisieren den Umgang des Landes mit dem GKN-Rückbau. Unter Umständen wird dabei Material recycelt und in Küchenutensilien wiederverwertet.

Von Christian Gleichauf

Atomkraftgegner akzeptieren keine Strahlung

Herbert Würth (links) und Franz Wagner von der AG Atomerbe. Foto: Gleichauf

 

Seit Montag sind die Unterlagen für die zweite Rückbaugenehmigung des Kernkraftwerks GKN abrufbar. Die Arbeitsgemeinschaft (AG) Atomerbe Neckarwestheim und der Umweltschutzverband BUND reichen dazu an die 700 Einwendungen gegen das Genehmigungsverfahren ein. Sie wollen verhindern, dass Abbruchmaterial aus Neckarwestheim auf der Heilbronner Deponie Vogelsang oder gar beim Verbraucher ankommt.

Das Szenario dürfte vielen nicht gefallen

Gebäude und Metallteile aus Neckarwestheim werden - vorausgesetzt die Strahlung ist schwach genug - zerkleinert und als Recyclingmaterial zu Schotter, Baumaterial oder gar Küchenutensilien. Es gehe um bis zu 770.000 Tonnen, erläutert Franz Wagner von der AG Atomerbe.

Es ist ein einzelner Punkt in einer langen Kette, doch letztlich üben die Atomkraftgegner Kritik an allen Verfahrensschritten. Für die stark strahlenden Brennelemente gebe es kein sicheres Endlager - das werde es auch nie geben. Der für das schwächer strahlende Material vorgesehene Schacht Konrad entspreche nicht den heutigen Ansprüchen an ein Endlager. Zudem versuche der Betreiber des GKN - die EnBW - mit Unterstützung der Aufsichtsbehörde, möglichst viel Material freizumessen oder einfach wiederzuverwerten.

Welche Strahlung ist vernachlässigbar?

"Freimessen" bedeutet dabei, dass Material dann für eine Deponierung freigegeben wird, wenn die zusätzliche Strahlenbelastung als vernachlässigbar gilt. "Den Wert von zehn Mikrosievert, der als Grenze für die Freimessung gilt, können wir nicht akzeptieren", sagt Herbert Würth von der AG Atomerbe. Zumal einige Teile "abklingen" dürften, also so lange gelagert werden, bis sie unter den Zehn-Mikrosievert-Wert kommen. Das sei ein "Trick". Und Würth sagt auch, dass selbst niedrigere Freimess-Grenzen nicht akzeptabel seien.

Noch schlimmer sei es, wenn Material "herausgegeben" werde, weil man - ohne Messung - davon ausgeht, dass es nicht radioaktiv belastet ist. Dieses Material darf ins Recycling. "Man könnte sagen, jeder soll Radioaktivität abbekommen", fasst Wagner zusammen.

Das Verfahren sei ein Blankoscheck für den Betreiber

Atomkraftgegner akzeptieren keine Strahlung

Der Rückbau der ersten Anlagen im Kernkraftwerk GKN in Neckarwestheim hat bereits begonnen. Solche Rohre, die nicht mit radioaktiv belastetem Material in Kontakt gekommen sind, werden einfach recycelt. Daran gibt es Kritik.

Foto: Archiv/Mugler

 

Es gibt weitere Kritikpunkte: Zu früh sei das Genehmigungsverfahren nun gestartet worden. Damit bekomme die EnBW für das GKN 2 einen "Blankoscheck" für Rückbau und Entsorgung. Viele Details seien noch gar nicht geregelt, was später ausgenutzt werden könne. "Wir wissen auch noch nicht, wie verstrahlt das Kernkraftwerk ist, es ist ja noch viereinhalb Jahre in Betrieb", sagt Fritz Mielert vom BUND. Zudem sei das Umweltministerium befangen, weil das Land an der EnBW beteiligt ist, so die AG Atomerbe.

"Umgekehrt" sei es, erklärt Frank Lorho, Sprecher des Umweltministeriums in Stuttgart. Gerade wegen dieser Konstellation sei man als Aufsichtsbehörde bemüht, besonders streng und transparent zu agieren. Die aufwendigen Scoping-Termine etwa, in denen der Umfang der Gutachten öffentlich festgelegt wurde, habe es zuvor in keinem anderen Bundesland gegeben.

Die zwei Meinungen der Ärzte

Auch sind Vorgaben verschärft worden. So kontrolliert ein Sachverständiger die Messungen nun vollständig, während zuvor nur Stichproben vorgesehen waren. Und auch die Deponiebetreiber dürfen jederzeit eigene Sachverständige hinzuziehen, die auch Zugang zu Unterlagen und Bilddokumentation erhalten.

Kritik am Wert von zehn Mikrosievert pro Jahr kam in der Vergangenheit auch aus den Reihen der Ärzteschaft. "Es gibt keine unbedenkliche ionisierende Strahlung", hieß es zuletzt von der Landesärztekammer. Die Gegenposition nimmt der Vorsitzende der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, ein. Mit dem Zehn-Mikrosievert-pro-Jahr-Konzept senke man "das mögliche Risiko der Bevölkerung auf ein vernachlässigbares Niveau", schrieb er in einem Brief an Umweltminister Franz Untersteller (Grüne).


Die Alternativen aus der Sicht der Atomkraftkritiker

Die Arbeitsgemeinschaft Atomerbe Neckarwestheim und der BUND-Landesverband haben bei der Pressekonferenz am Montag auch präsentiert, was sie statt der Entsorgung von GKN-Gebäuden auf Deponien vorschlagen. Dabei orientieren sie sich an einem Gutachten des Physikers und Nuklearmediziners Wolfgang Neumann für die Vereinigung Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW).

Müllbunker: Eine Variante wäre der Bau eines Betonbunkers auf dem Gelände des Atomkraftwerks, in den das gesamte Material kommen soll, das nach bisheriger Vorstellung "freigemessen" werden sollte. Weil hier aber nicht das gesamte Abbruchmaterial Platz finden würde, sollen die "eindeutig nicht künstlich radioaktiven Materialien" nach einem definierten Messprogramm freigegeben werden.

Stehen lassen: Nachdem hoch-, mittel- und schwachradioaktive Teile entfernt wurden, könnten die entkernten Gebäude auf dem Gelände des GKN stehen bleiben. Sie blieben so dauerhaft unter der Kontrolle der Atomaufsicht.

Andere Varianten, etwa das gesamte Material in ein Endlager zu bringen oder einen Sarkophag über das Gelände zu bauen, seien vom Aufwand her nicht vertretbar oder nicht empfehlenswert.