Kipping zeigt viel Sympathie für die Schülerproteste

Heilbronn  Im Stimme-Wahlcheck kämpft Linken-Vorsitzende Katja Kipping für neue politische Mehrheiten und schlägt mitunter radikale Ideen vor. Den Schwerpunkt will sie auf soziale Gerechtigkeit setzen.

Von Heiko Fritze

Katja Kipping im Stimme-Wahlcheck
Katja Kipping, Parteichefin der Linken, im Stimme-Wahlcheck mit Chefredakteur Uwe Ralf Heer. Foto: Mario Berger

Nein, die Linke hat noch nicht jeder gewählt, der an diesem Abend ins Redblue gekommen ist. Katja Kipping sieht es mit Erstaunen − "ganz schön mutig, sich dazu zu bekennen", meint die Vorsitzende der Linkspartei, als die Besucher sich auf die entsprechende Frage von Heilbronner Stimme-Chefredakteur Uwe Ralf Heer melden. In den folgenden 90 Minuten versucht sie auch einiges, die mehr als 200 Zuhörer beim Wahlforum von ihren Ideen zu überzeugen.

Kippings Idee von sozialer Gerechtigkeit

Dabei sind diese doch durchaus mal radikal. Aber dass sie die Berliner Initiative befürwortet, die eine Enteignung großer Wohnungskonzerne vorschlägt − dazu steht die 41-Jährige. "Ich erlebe in den Großstädten doch eher eine Enteignung der mittleren Einkommen", sagt sie mit Blick auf deutlich steigende Mieten. Und die große Anzahl Unterschriften bei der Petition beweise doch, dass dies keine Idee sei, die sich Salonlinke nach ein paar Bier ausgedacht haben.

Soziale Gerechtigkeit ist dementsprechend der Schwerpunkt, den sie im Laufe ihres Besuchs setzen will: für die Besteuerung großer, internationaler Konzerne, für einheitliche Sozialstandards in allen EU-Ländern, gegen Aufrüstung: "Wir haben doch nicht die EU gegründet, um Rabattmarken beim Waffenkauf zu sammeln." Die Linke setze vielmehr auf Konfliktprävention.

 

 

Offen bleibt, wie das Zusammenspiel mit Wagenknecht weitergeht

Die gebürtige Dresdnerin ist andererseits zwar ein Kind des Ostens − der Zeit vor der Wiedervereinigung trauert sie aber nicht nach. "Das letzte, was ich will, ist zurück in die DDR", bekräftigt sie. "Meine Vorstellung von demokratischem Sozialismus ist etwas komplett anderes." Viele Erinnerungen an das Leben im Honecker-Regime hat sie aber nicht. "Ich hatte unglaubliches Glück mit meinem Geburtsjahr", meint sie: Als die Mauer fiel, war sie zwölf Jahre alt, die Wendezeit sei für sie als Jugendliche toll und inspirierend gewesen. Zur Partei, damals noch PDS, stieß sie ohnehin erst 1998, dem Bundestag gehört sie seit 2005 an und Parteivorsitzende ist sie seit 2012.

Wie es weitergeht, mit ihr und auch im Zusammenspiel mit Sahra Wagenknecht, die vor wenigen Wochen ihren Rückzug vom Fraktionsvorsitz verkündete, lässt sie in Heilbronn offen: Darüber werde erst nach der Europawahl geredet. Es gebe ja auch nicht das große Zerwürfnis mit Wagenknecht, betont sie. Sie habe aber eine zeitlang befürchtet, dass deren neue Bewegung "Aufstehen" sich zu einer neuen, konkurrierenden Partei entwickeln könnte, räumt sie ein. Auch so sei dies schon als Zersplitterung wahrgenommen worden.

Begeistert von Fridays for Future

Viel Sympathie für die Schülerproteste

Im Intersport-Veranstaltungszentrum Redblue lauschten mehr als 200 Besucher dem Wahlcheck zur Europawahl mit der Linken-Parteivorsitzenden Katja Kipping.

Fotos: Mario Berger

Für eine Mehrheit links von der Mitte will sich Katja Kipping nach wie vor einsetzen. Dass die SPD sich − "bestimmt auch ein Stück weit aus Verzweiflung" − nun von der Agenda 2010 emanzipiere, enge die Chancen nicht ein: "Da ist noch sehr sehr viel Platz links von der SPD." Gefährlicher sei eher die AfD. Immer wieder, erzählt die Parteichefin, gehe sie vor Jobcenter oder in Plattenbauviertel, rede mit den Leuten und erlebe tiefe Frustration, dass die Menschen keine Aussicht auf Besserung erwarteten. Dadurch seien sie offen auch für rassistische Propaganda. "Du wirst nicht aus jedem Rassisten einen begeisterten Demokraten machen", ist ihr klar. Aber es gehe darum, diesen Menschen eine gesellschaftliche Fantasie zu geben, wohin die Reise gehen könne − "wenn wir eine linke Mehrheit haben".

Nicht in allen Punkten lasse Europa zu wünschen übrig, findet Katja Kipping. Beim Klimaschutz etwa hätten gerade die Grenzwerte und Vorgaben aus Brüssel viel bewirkt − Stichwort Fahrverbote. Nun müsse es darum gehen, die Alternativen zum Auto attraktiver zu machen, insbesondere den öffentlichen Nahverkehr. Dass die Jugendbewegung "Fridays for Future" noch mehr Engagement für das Klima fordert, stößt bei ihr auf mehr als offene Ohren. Die Mutter einer siebenjährigen Tochter ist förmlich begeistert. "Mir geht das Herz über", beginnt sie zu schwärmen. "Die jungen Leute haben sich wirklich Gedanken gemacht. Die lassen sich auch nicht durch warme Worte abspeisen." Aus ihrer Sicht sei dies quasi demokratische Weiterbildung. "Das darf nicht durch Schulverweise sanktioniert werden."

Trotz Grundsätzen sündigen

Immer wieder lässt die Politikerin auch ihr Privatleben durchschimmern. Etwa, dass sie sich mit ihrem Mann einst über das Grundeinkommen stritt − sie dafür, er dagegen. "Es gibt kluge Kritiker − den besten habe ich geheiratet." Oder dass sie als 14-Jährige zur Vegetarierin wurde, als sie ein Punkkonzert einer Dresdner Nachwuchsband besuchte, bei dem im Hintergrund Szenen aus dem Schlachthaus über die Leinwand flimmerten. Heute, gesteht sie, sei eher "flexible Vegetarierin. Wie es bei den Katholiken ist: Man hat Grundsätze und sündigt manchmal − und genießt dann die Sünde umso mehr."


Wahl-Forum mit AKK

Das nächste Wahlforum mit der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer findet am Mittwoch, 3. April, ab 19 Uhr "Unter der Pyramide" in der Kreissparkasse Heilbronn statt. Die Veranstaltung ist ausverkauft.

 

Kommentar hinzufügen