Keine Erstattung für Präventionskurse: Rücken gut, Kasse gesund

Region  Die Hürden für eine Zertifizierung von Präventionskursen sind inzwischen so hoch, dass kaum noch einer bezuschusst wird. Die Krankenversicherten haben das Nachsehen.

Von Christian Gleichauf
Email
Keine Erstattung für Präventionskurse: Rücken gut, Kasse gesund

Gesundheits- und Bewegungskurse sind hoch im Kurs. Die Krankenkassen unterstützten es lange Zeit, wenn ihre Versicherten mitmachten. Das hat sich geändert.

Foto: dpa

Es gehört zum Standardrepertoire in der Kommunikation der gesetzlichen Krankenkassen, dass sie beteuern, wie sehr ihnen die Vorsorge am Herzen liegt. Gesundheit erhalten sei viel günstiger als sie wiederherzustellen. Wer etwas für seine Gesundheit tat, wurde und wird deshalb belohnt - etwa durch die Erstattung von Kursgebühren. Seit geraumer Zeit hat sich diese Praxis allerdings verändert. Leidtragende sind die Versicherten.

Beruf forderte Tribut

Die Arbeit als Herrenschneiderin in jungen Jahren war für Gertrud Kümmels Rücken Gift. "Durch das einseitige Sitzen habe ich mir damals das Kreuz kaputt gemacht." Sie gab den Beruf auf, musste mehrere Operationen auf sich nehmen, ging anschließend in den Verkauf.

Viel besser wurde es nicht. Regelmäßig bekam sie Spritzen gegen die Schmerzen. Bis sie Ende der 90er Jahre die Pilates-Kurse entdeckte. "Durch die Übungen kann ich seitdem auf Spritzen verzichten", sagt die 74-Jährige aus Obersulm.

Krankenkassen zahlten jahrelang Zuschüsse

Von ihrer gesetzlichen Krankenkasse bekam sie jahrelang Kurskosten ersetzt. Das hat sich geändert, seitdem die Kassen die "Zentrale Prüfstelle Prävention" ins Leben gerufen haben. Die ZPP zertifiziert Kurse nach strengen Vorgaben. Das Resultat ist: Von den vielen Hundert Kursen im Gesundheitsbereich der Volkshochschulen im Raum Heilbronn ist nur noch ein Bruchteil förderfähig.

Einzig die AOK in Baden-Württemberg hat sich der ZPP noch nicht angeschlossen und erstattet die VHS-Kursgebühren teilweise - noch. Denn das dürfte sich bald ändern. Die AOK habe selbst "ein umfangreiches Präventionsprogramm, das in eigenen Gesundheitsstudios" angeboten werde, heißt es dort.

Ausbildung war bisher entscheidend

Voraussetzung für eine mögliche Erstattung war in der Vergangenheit, dass die Kurse von anerkannten Kursleitern angeboten wurden. So wie Petra Wieder, die auch die VHS-Kurse für Gertrud Kümmel in Obersulm-Sülzbach leitet. Als Physiotherapeutin und studierte Sportpädagogin hat sie sich in vielen Feldern weitergebildet und kann auf die Bedürfnisse ihrer Teilnehmer eingehen.

"Genau das ist jetzt aber nicht mehr möglich, weil ich mich an ein durchgetaktetes Konzept halten muss. Ich habe keinen Spielraum mehr", sagt Petra Wieder. Jede Kursstunde muss nun vorgegebene Inhalte vermitteln, die Konzepte haben minutengenaue Vorgaben. Auch die Zahl der Unterrichtseinheiten ist nun auf zwölf begrenzt. Ein Kurs mit 15 Einheiten - wie bei der VHS üblich - kann nicht gefördert werden. "Mein Eindruck ist: Die ZPP verhindert Prävention."

ZPP beruft sich auf Leitfaden der Kassen

Auf Stimme-Nachfrage heißt es beim Verband der Ersatzkassen (VDEK), der die Geschäfte der ZPP führt: Die Aufgabe der ZPP sei es, zu prüfen, ob ein Kurs die strukturellen und inhaltlichen Voraussetzungen des Leitfadens Prävention erfüllt. Dieser Leitfaden werde vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) in Zusammenarbeit mit den Krankenkassen und deren Verbände auf Bundesebene erstellt. Dass sich Kursleiter an die minutengenauen Angaben in den Konzepten halten müssen, streitet der ZPP-Sprecher allerdings ab. "Wir gängeln die Anbieter nicht."

Das sieht Andrea Hahn, die bei der VHS Unterland die Gesundheitskurse koordiniert, anders: "Mit seiner Unterschrift muss jeder Dozent garantieren, dass er sich an die Vorgaben hält." Als Sportlehrerin ist sie selbst auch als Kursleiterin tätig und kennt das Problem aus eigener Erfahrung. "Zudem wäre es ein Heidenaufwand, für 40 oder 50 Dozenten eine Zertifizierung zu organisieren. Das können wir nicht leisten." Folglich verzichten die Volkshochschulen weitgehend darauf. "Aus pädagogischer Sicht macht das auch keinen Sinn", sagt Carmen Niedenzu von der VHS Heilbronn.

Teilnehmer kommen trotzdem

Die Teilnehmer bleiben den Kursen treu - übrigens ganz im Sinne der Krankenkassen. Im Leitfaden Prävention heißt es: "Eine kontinuierliche Inanspruchnahme von Maßnahmen kann von den Krankenkassen nicht finanziert werden." Für Gertrud Kümmel passt das insofern nicht zusammen, als ihre Krankenkasse ihr einen zertifizierten Kurs in Öhringen weiter erstatten würde. "Der ist ziemlich teuer." Doch mit dem VHS-Angebot sei sie doch zufrieden, deshalb gehe sie auch weiter dorthin.

Online gelten andere Regeln

Die Neckarsulmer Sport-Union (NSU) hatte zuletzt einen Online-Präventionskurs eines privaten Anbieters für 89 Euro im Programm, zertifiziert von der Zentralen Prüfstelle Prävention (ZPP). Während in Präsenzkursen wie dem Aquafitness eine Teilnahme dokumentiert werden muss, gilt für Online-Kurse das Vertrauensprinzip. Eine Erstattung gibt es für den Download. Fragen, wie das zusammenpasst, beantwortet die ZPP nicht. Bei der NSU hat man von dem Angebot wieder Abstand genommen. "Der Kurs war gut, ich habe selbst mitgemacht", sagt Carmen Akkermann von der NSU. Aber: "Die Resonanz war zu gering." 

 

 


Kommentar hinzufügen