Kein Kampf um Obst und Gemüse bei der Heilbronner Tafel

Region  Wegen Drängeleien entschied sich die Essener Tafel vor ein paar Tagen für einen Aufnahmestopp für Ausländer. Die Heilbronner Tafeln haben kaum Probleme mit Gewalt oder Drängeleien. Außerdem kaufen immer weniger Flüchtlinge in den Tafelläden ein.

Von Christoph Donauer und Christian Gleichauf

Kein Kampf um Obst und Gemüse bei der Tafel

Die Einrichtung in der Cäcilienstraße 28 in Heilbronn ist jeden Tag gut besucht.

 

Kurz vor halb neun. Während die Ersten vor den Türen des Tafelladens in der Heilbronner Cäcilienstraße warten, wird drinnen noch Brot in Kisten verstaut und der Boden gefegt. "Eigentlich wären wir froh, wenn es uns nicht mehr geben müsste", sagt Matthias Weiler, Abteilungsleiter für die Tafeln bei der Diakonie.

Doch der kleine Laden wird dringend benötigt. 180 Kunden kommen jeden Tag, um günstige Lebensmittel und Haushaltswaren zu kaufen. Hinter den Theken arbeiten 15 Ehrenamtliche und Festangestellte, sechs Tage die Woche.

Essener Maßnahme stößt auf Verwunderung

Ein Aufnahmestopp für Ausländer, so wie ihn die Essener Tafel vor kurzem eingeführt hatte, stößt beim Träger, dem Diakonischen Werk Heilbronn, auf Verwunderung.

"Das Problem, dass starke Männer sich gegen schwächere Personen durchsetzen, haben wir auch", sagt Diakonie-Geschäftsführer Karl Friedrich Bretz. "Das gab es aber schon vor der Flüchtlingskrise. Und wir sind anders damit umgegangen." So seien in der Regel immer Männer in den Tafelläden, die gegebenenfalls dazwischengehen und auch mal ein Hausverbot aussprechen.

Weiterlesen: Wer bei Tafelläden einkaufen darf und wer nicht

So ein Mann ist Andreas Carl, der den Tafelladen seit neun Jahren leitet. Dränglern und Pöblern macht er klare Ansagen: "Wer sich daneben benimmt, fliegt raus. Egal, wo er herkommt." Zuletzt sei das in Weinsberg nötig gewesen, erzählt Weiler. Dort wurden kürzlich zwei Hausverbote erteilt.

Wer sich nicht benimmt, verliert seinen Ausweis

Kein Kampf um Obst und Gemüse bei der Tafel

Andreas Carl (2.v.l.) leitet den Laden seit neun Jahren und kennt viele seiner Kunden gut.

 

Eine weitere Möglichkeit ist es, den Kunden ihren Tafelausweis für eine kurze Zeit zu entziehen. Ohne Ausweis dürfen sie ein, zwei oder vier Wochen lang nicht mehr im Tafelladen einkaufen. "Das trifft die meisten sehr. Wir halten es für eine probate Maßnahme", so Weiler.

Vor allem wundert sich Bretz, dass die Essener Tafel jetzt reagiert, wo doch die Flüchtlingszahlen zurückgehen. Durch die Flüchtlingskrise sind die Kundenzahlen bei den Tafelläden in und um Heilbronn vor drei Jahren angestiegen, auf 230 bis 250 Kunden täglich. Probleme gab es damals in Brackenheim, Güglingen oder Beilstein. "Dort haben sich die Kundenzahlen fast über Nacht verdoppelt", berichtet Weiler.

In Heilbronn wurden andere Maßnahmen ergriffen

Doch auch darauf haben die Verantwortlichen hier anders reagiert. Öffnungszeiten wurden verlängert, ein zweites Kassen-Laufband und Barcodes an den Produkten halfen dabei, die Menschen schneller bedienen zu können. Um dem Andrang Herr zu werden, wurden zudem Menschen aus umliegenden Gemeinden nach Heilbronn geschickt.

Nicht infrage kam eine Option, die andernorts genutzt wurde: einzelne Tage für bestimmte Gruppen zu reservieren. "Das hätte alles zur Folge, dass die Leute nicht mehr das Gefühl haben, in einem ganz normalen Laden einkaufen zu gehen", sagt Bretz. Sonderregeln hinterlassen den Eindruck, dass Menschen hier nur geduldet sind. Diesen Eindruck will auch Matthias Weiler vermeiden: "Bedürftigkeit ist für uns das einzige Kriterium." Eine Regelung wie in Essen komme für ihn nicht infrage.

Weniger Flüchtlinge kaufen bei der Tafel ein

Trotz regen Betriebs erinnert der Laden an diesem Vormittag an einen gewöhnlichen Supermarkt. Obst und Gemüse werden in Tüten verpackt, die Kasse piept im Sekundentakt. "Im Supermarkt zahle ich das Dreifache", sagt Linaria T. Sonst geht sie zur Neckarsulmer Tafel, heute will sie nur einen Kürbis und Tomaten kaufen. "Mal sehen, wie teuer das ist."

Die Zahl der Flüchtlinge, die in den Laden kommen, hat mittlerweile nachgelassen. "Seit einem halben Jahr ist es weniger geworden", schätzt Ladenleiter Carl. Einige Kunden hätten der Tafel seitdem aber den Rücken gekehrt, so Weiler: "Ich müsste lügen, wenn ich sage, dass uns das keine Kunden gekostet hat." Carl hat das ebenfalls bemerkt: "Ich kenne meine Kunden. Das merkt man, wenn die weg sind." Der Verlust macht beide unglücklich, denn bedürftig seien die ehemaligen Kunden immer noch: "Wir wissen, dass sie die Lebensmittel brauchen."

Am Warenangebot gibt es nichts auszusetzen

An Waren mangelt es den Heilbronnern nicht. Das Gros der Spenden kommt von den Discountern, erklärt Weiler. Und so stehen 45.000 Artikel bei Andreas Carl in den Regalen. Die Heilbronner Tafel profitiert dabei von einigen Sonderfaktoren. Zum einen würden in den Musterläden von Lidl und Kaufland teilweise Waren ausgestellt, die anschließend gespendet werden. Zum anderen gibt es das ehemalige Spar-Lager, heute Edeka, in Ellhofen.

Statt im Müll landen Produkte mit Fehlern in den Händen der Tafelkunden. Zum Beispiel bei Uwe L., der für seine Frau und sechs Kinder einkauft. "Das Gute ist, dass manchmal Leckerlis für die Kinder rausspringen." Diesmal ist es ein teures Müsli, dessen Verpackung zerbeult ist. "Ohne die Tafeln würde kein Mensch verhungern", sagt Weiler. "Aber zum Leben gehört mehr, als satt zu werden."