Kaum Reibung bei Podiumsdiskussion der Abgeordneten

Heilbronn  Beim Abgeordneten-Talk der Wirtschaftsjunioren im Heilbronner Bankhaus wurden vor allem bekannte Positionen wiedergegeben. Die Besucher bestimmten die Gesprächsthemen, gestritten wurde kaum.

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Viel geredet, wenig diskutiert

Jessica Tatti (v.l.) , Josip Juratovic, Moderator Daniel Nill, Danyal Bayaz, Alexander Throm, Moderator Wolf Michael Nietzer, Michael Link und Franziska Gminder.

Foto: Paul

Dialoge und Diskussionen leben vom Austausch der Argumente, vom Streit zwischen unterschiedlichen Standpunkten. Das gilt erst recht in der Politik. Insofern konnte man einiges erwarten von den sechs Bundestagsabgeordneten aus der erweiterten Region, die am Montagabend zur Reihe "Berlin im Dialog" im Abraham-Gumbel-Saal im Heilbronner Bankhaus zusammengekommen waren. Eingeladen hatten die Wirtschaftsjunioren Heilbronn-Franken, die das Format zum zehnten Mal veranstalteten.

Bildung, Digitalisierung und Umwelt als Hauptthemen

Um das wuchtige Thema des Abends "Wie viel Staat braucht die Zukunft Deutschlands?" etwas einzugrenzen, hatten die Veranstalter die Idee, die rund 150 Gäste darüber abstimmen zu lassen, über welche Themen geredet werden sollte. Auch Fragen an die Abgeordneten konnten live über das Internet gestellt werden.

Als wichtigste Themen identifizierten die Besucher Bildung, Umwelt und Digitalisierung. Jeder Politiker hatte fünf Minuten Zeit, um seine Position zu den drei Bereichen zu formulieren. Und zwar zukunfts- und lösungsorientiert, was einigen auf dem Podium mitunter schwer fiel. Doch viel mehr litt diese Herangehensweise der Wirtschaftsjunioren daran, dass der versprochene Dialog so gut wie gar nicht stattfand. Widerworte oder gar Streit, das Salz in jeder Talkshow-Suppe, waren so nicht möglich. Ob dieses Manko durch den Vorteil ausgeglichen wurde, dass jeder seine fünf Minuten unbehelligt zur persönlichen Positionierung nutzen konnte, müssen die Besucher beurteilen.

Jeder Abgeordnete hatte fünf Minuten Zeit

Der Heilbronner Bundestagsabgeordnete Alexander Throm (CDU) verweist auf das Bildungspaket der Bundesregierung in Höhe von fünf Milliarden Euro. Im Bereich Umwelt, das für ihn ein zentrales Thema der nächsten Jahre bleiben wird, sieht er Deutschland als "Vorreiter bei der Energiewende in Europa". Nicht nur hinsichtlich des schleppenden Ausbaus des Mobilfunks ärgert Throm, dass überall nach dem Staat gerufen werde, wenn die Wirtschaft etwas nicht selbst hinbekomme.

Für Jessica Tatti, die für die Linke im Wahlkreis Reutlingen im Bundestag sitzt, bringt die Digitalisierung einen Wandel der Arbeitswelt. Man müsse aufpassen, dass die Rechte der Arbeitnehmer nicht durch die großen Internet-Konzerne geschleift werden. Beim Thema Umwelt kritisiert sie das Klimapaket der Bundesregierung, das keine Anreize zur Verhaltensänderung biete. Auch die Fokussierung auf E-Mobilität hält sie für falsch. Im Bildungsbereich fordert Tatti viel mehr Investitionen.

Digitalisierung birgt Sprengstoff

Michael Georg Link von der FDP wünscht sich einen zügigen Ausbau des schnellen Internets sowie weniger Bildungsföderalismus und dafür ein höheres Niveau. Im Umweltschutz setzt der Heilbronner auf technische Lösungen statt auf Verbote. "Mehr Science, weniger Fiction", lautet sein Motto. Josip Juratovic (SPD) sieht in der Digitalisierung und Automatisierung der Arbeitswelt großen Sprengstoff und eine Gefährdung vieler Arbeitsplätze gerade in der Autoindustrie. "Man darf Beschäftigung nicht gegen Umweltschutz ausspielen", sagt der Heilbronner. Im Bildungssektor fordert er mehr Gestaltungsmöglichkeiten des Bundes.

Danyal Bayaz (Grüne), der den Wahlkreis Bruchsal-Schwetzingen vertritt, wünscht sich eine Agenda 2030 mit einem "klaren Rahmen und langfristigen Zielen" beim Umweltschutz. Mit der Förderung der E-Mobilität würden Fakten geschaffen, "nun brauchen wir eine Infrastruktur". Im Bildungssektor setzt er auf einen kritischen Umgang mit den neuen Technologien und auf die Förderung von Kreativität, Empathie und vernetztem Denken. Für die Heilbronner AfD-Abgeordnete Franziska Gminder ist Digitalisierung "ein Hilfsmittel". Sie möchte eine Anhebung des Niveaus in der Schule und fordert den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs als Beitrag zum Umweltschutz.


Jürgen Paul

Jürgen Paul

Stv. Leiter Politikredaktion

Jürgen Paul arbeitet seit 1998 bei der Heilbronner Stimme. Der gebürtige Pfälzer widmet sich der regionalen und überregionalen Wirtschaft, Schwerpunkte sind das Handwerk, die Bankenbranche, der Arbeitsmarkt und die Konjunktur.

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