Kaufland-Brandstifter muss für siebeneinhalb Jahre in Haft

Heilbronn  Das Heilbronner Landgericht stuft die Brandstiftung im Kaufland als versuchten Mord ein und verurteilt den 50-jährigen Mann zu einer Gefängnisstrafe. Nach zig Vorstrafen und Rückfällen in die Drogensucht erhält der Brandstifter eine letzte Therapiechance.

Von Carsten Friese
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Das Heilbronner Landgericht hat im Prozess um die zweifache Brandstiftung im Neckarsulmer Kaufland am Donnerstag das Urteil gesprochen. Foto: Dennis Mugler

Siebeneinhalb Jahre Haft: Als der Vorsitzende Richter Roland Kleinschroth gestern im Heilbronner Landgericht diese Strafe für den zweifachen Brandstifter im Neckarsulmer Kaufland verkündet, reagiert der auffallend ruhig. Er blickt nur kurz in die Weite, hört dann den kritisch-belehrenden Worten des Richters aufmerksam zu.

Dass er mit dem planvollen Feuerlegen an einem Regal mit Babykleidern im Markt und außen an einem Palettenstapel aus Frust das Leben Unschuldiger aufs Spiel gesetzt habe, sei nicht zu akzeptieren. Das Urteil solle auch ein Signal sein, dass jeder, der derart mit Feuer spiele, lange Zeit hinter Gitter muss, betont der Richter. Das Gericht stuft die Tat im Kaufland-Markt ohne Wenn und Aber als versuchten Mord ein. Wer sich keine Gedanken über Folgen oder Fluchtwege mache, nehme den Tod anderer „billigend in Kauf“. 

Zum Motiv seiner Zündelei in einem Markt, in dem sich am Tattag im Dezember 2018 rund 700 Menschen befanden, hatte der geständige Angeklagte nichts gesagt. Die Kammer sieht in der Tat, mit Grillanzünder die Kleider und die Paletten zu bespritzen und dann anzuzünden, eine Art Frustabbau aus Wut über das eigene verpfuschte Leben. Immer wieder war Bernd S. (50) durch seine Alkohol- und Drogensucht zwischen Freiheit und Gefängnis gependelt. Fünf Wochen vor der Tat war er aus dem Gefängnis entlassen worden. Sein Plan, sich Job und Wohnung zu suchen, scheiterte – auch, weil er neben dem verordneten Substitutionsstoff Alkohol trank und weitere Drogen nahm.

Das Leben komplett gegen die Wand fahren?

Er habe es mit der zweifachen Brandstiftung „der Gesellschaft mal zeigen wollen“, sagt der Richter. Da er immer „die anderen“ für sein perspektivloses Leben verantwortlich mache. „Das ist Quatsch“, so Kleinschroth. „Sie haben Ihr Leben verpfuscht und müssen sich die Frage stellen, ob Sie es nun komplett gegen die Wand fahren.“ Der Beschluss, in der Haftzeit in einer Einrichtung eine zweijährige Drogentherapie zu machen, sei nach einigen gescheiterten Therapien „die allerletzte Chance“. Wenn er nicht aktiv mitmache und den Willen zeige, seine Sucht zu bekämpfen, werde er die lange Haftstrafe bis zum Ende absitzen, skizziert der Richter die düstere Alternative für den gelernten Metzger. Der hatte zwar versichert, jetzt endlich von den Drogen wegkommen zu wollen. Ob den Worten auch Taten folgen, ist nach dem langen Vorstrafenregister mit 26 Einträgen jedoch ungewiss.

Rund 80.000 Euro Sachschaden waren an den zwei Brandorten entstanden. Weil Kaufland-Kunden und Mitarbeiter geistesgegenwärtig reagierten, war nichts Schlimmeres passiert. Aber: Im Bereich der Palettenstapel schlugen die Flammen rund fünf Meter hoch. Und: Es hätte bei einem etwas anderen Ablauf auch ganz anders ausgehen können, verdeutlicht der Richter dem Angeklagten eindringlich.

Lob für mutigen Einsatz der Helfer, die die Flammen bekämpften

Mutig nennt Kleinschroth die Menschen, die das Feuer bekämpft haben. Ein Ehepaar entdeckte die Flammen im Babykleiderregal, der Mann zog geistesgegenwärtig die brennenden Materialien zu Boden und trat sie mit einem Kaufland-Mitarbeiter aus. Am brennenden Palettenstapel hatte ein Mitglied der Hausfeuerwehr einen Gabelstapler eingesetzt, um brennende von noch intakten Paletten zu trennen. Damit hatte er ein viel intensiveres Feuer verhindert. Die Flammen waren dennoch auf die nahe Stadtbahnhaltestelle übergegriffen, hatten das Dach beschädigt.

Er renne vor der Verantwortung davon, schärft der Richter dem Angeklagten ein. Dass er von Tat und Tathintergründen nichts mehr wissen, „glauben wir Ihnen nicht“. Denn: Kurz nach dem Brandanschlag hat der 50-Jährige zu Hause seine Jacke gewaschen, die er im Kaufland getragen hatte.

Tränen im Gerichtssaal

Ein Sonderlob zollt der Richter im Prozess um die Brandstiftung der Tante des Angeklagten. Sie habe ebenfalls Mut gezeigt und genau das Richtige getan, als sie ihren Neffen auf dem Überwachungsvideo erkannte und ihren Verdacht der Polizei meldete. Sie habe verhindern wollen, „dass noch mehr passiert“, hatte die Tante als Zeugin erklärt. Bemerkenswert war die Reaktion des Angeklagten: Als seine Tante aussagte, flossen bei ihm Tränen. „Vielleicht war es gut so“, hatte er zuvor zur Anzeige aus der eigenen Familie gesagt. 

 

 


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