Katholiken wollen nicht nur den Zölibat lockern

Region  Nach der Amazonas-Synode in Rom plädieren auch Unterländer Katholiken für Reformen in ihrer Kirche: etwa für die Priesterweihe für verheiratete Männer und für Frauen.

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Katholiken wollen nicht nur den Zölibat lockern

Seit Jahrhunderten dürfen bei Katholiken − hier im Deutschordensmünster − nur zölibatär lebende Priester das Messopfer feiern. Ändert sich das bald?

Foto: Archiv

Und sie bewegt sich scheinbar doch. In der katholischen Kirche zeichnet sich eine Lockerung des Zölibats ab. In naher Zukunft könnten auch verheiratete Männer Priester werden. Dies schlägt eine aktuelle Bischofssynode vor - zumindest für Südamerika.

Am Amazonas ist sogar das Priesteramt der Frau nicht mehr tabu. Gespannt warten Gläubige nun auf das Votum des Papstes. Die Heilbronner Stimme hörte sich in der Region um. Die Mehrheit ist eindeutig für eine Lockerung, denn nicht nur am Amazonas herrscht Priesternot.

Rom habe deutsche Probleme ignoriert

Pfarrer Roland Rossnagel, der im Dezember neuer Unterländer Dekan wird, ist "sehr überrascht und erfreut, wie offen die römische Kurie unbefangen Probleme und Lösungsansätze angesprochen hat. Das lässt hoffen."

Gleichwohl sei die Not in Amazonien von größerer Dimension: klimatisch, wirtschaftlich, sozial und auch seelsorgerlich. "Wir haben ganz andere Probleme, und weil sie Rom nie ernst genommen hat, kochen sie nun über": natürlicher Umgang mit Sexualität, verändertes Frauen- und Familienbild, Säkularisierung des öffentlichen Lebens mit negativen Auswirkungen auf die Weitergabe des Glaubens, Mitgliederverlust, Mangel an anderen Haupt- und Ehrenamtlichen sowie Glaubensschwund in Gemeinden und Gesellschaft, was durch den Priestermangel beschleunigt werde.

Durch die Weihe sogenannter Viri probati, also verheirateter bewährter Männer, und das Priestertum der Frau dürfte sich dies aber nicht von heute auf morgen ändern.

"Die Zukunft unserer Kirche wird sich an der Frauenfrage erweisen." Davon ist Pastoralreferentin Bärbel Bloching aus Obersulm überzeugt, die gleichzeitig als erste Frau in der Diözese vom Bischof zur Gemeindeleiterin bestellt wurde. Für Bloching ist das Diakonat der Frau "überfällig und ein wichtiger Schritt, glaubwürdiger zu werden. Theologisch gibt es überhaupt keinen Grund dagegen". Es sei auch wichtiger als die Diskussion über Viri probati, "da damit die Frauen schon wieder hintenan gestellt werden".

Zukunft der Kirche mit Frauenfrage verknüpft

Für die Menschen in den Gemeinden sei die Frage nach einem geweihten Pfarrer weniger wichtig als die Frage, wer sich "überhaupt zuständig fühlt", so Bloching. Wer kümmert sich um die Pastoral vor Ort, wer ist da, wenn ich in Not bin, wer feiert Gottesdienste mit uns?" Im übrigen sollten strukturelle Fragen der Kirche nicht stets weltweit gesehen werden. "Es braucht auch territoriale Lösungen."

Ähnlich äußert sich Raimund Probst, Pastoralreferent in Talheim: Es sei in individualisierten Gesellschaften nicht mehr möglich, „überall auf der Welt alle Aufgabenstellungen mit den gleichen Lösungen zu beantworten. Es braucht auch das Vertrauen darauf, dass die Vielfalt in der Kirche einen eigenen Wert hat“. Dennoch dürften Viri Probati und das Diakonat der Frau nicht alle Probleme lösen. „Die Kirche muss ihre eigentliche Aufgabe wahrnehmen und Menschen die Frohe Botschaft verkünden und Suchenden Hilfestellung geben.“

Die Amazonas-Synode sollte nicht auf das Thema Priestermangel verengt werden, betont Dekanats-Pressesprecherin Luise Schadt. Dringlicher seinen die Themen Umweltzerstörung am Amazonas, Abholzung des Regenwaldes, Klimawandel, Geldgier von Konzernen und Politikern - letztlich also die Zukunft und Lebensqualität der Menschheit.

Es gibt ganz andere Probleme auf dem Globus

Die Sorgen der Kirche seien , "wenn man es streng betrachtet, Luxusprobleme. Priestermangel, Zölibat, Diakonie der Frau, das bedroht mein Leben, das meiner zukünftigen Kinder und meinen Glauben an den Auferstandenen nicht." Kirche findet für Schadt in erster Linie "vor Ort, in meinem Ort" statt. Kirche zeige sich, "wie ich mit anderen und mit der Schöpfung umgehe. Da verändern Gesetze, Erlasse und Kundgebungen zu Viri probati nichts an meinem Leben", sondern bestenfalls am Image der Kirche.

Mit Blick auf Stefan Jürgens Buch "Ausgeheuchelt. So geht es mit der Kirche aufwärts" glaubt Ingrid Wegerhoff, "dass sich etwas bewegen kann". Voraussetzung sei aber "ein Weg des Erwachsenwerdens im Glauben mit Jesus im Zentrum". Kirche brauche zwar auch Strukturen, "aber solche, die Entwicklung zulassen und Lebensfreude ermöglichen".

Insofern fragt sich die Mitarbeiterin der Katholischen Erwachsenenbildung, worum es beim "Ringen um alte Reformthemen wie Zölibat und Frauenweihe, Macht und Missbrauch eigentlich geht und zu wessen Wohle hier gerungen wird". Weil die Öffnung der Kirche von Männern abhänge, lautet für sie die Kernfrage: "Lassen es die Entscheidungsträger zu, dass Macht fair geteilt wird und der Geist wirken kann, wo er will?"

 


Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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