Kampf gegen die Belästigung durch Motorradlärm

Region  Vor allem an den Wochenenden werden sie für Anwohner zu einer regelrechten Plage: zu laute Motorräder. Untergruppenbach, Jagsthausen und der Hohenlohekreis treten jetzt einer landesweiten Initiative bei und hoffen auf mehr Ruhe für Anwohner.

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Leiser" leuchtet künftig in den Löwensteiner Bergen auf, vor dem Untergruppenbacher Teilort Vorhof und auf der B39 auf Wüstenroter Gemarkung. Die digitale Anzeige macht Motorradfahrer darauf aufmerksam, wenn ihr Fahrzeug zu viel Lärm macht, den zulässigen Grenzwert überschreitet. Untergruppenbach, Jagsthausen und der Hohenlohekreis sind bereits der landesweiten Initiative gegen Motorradlärm beigetreten.

Höhere Strafen und mehr Kontrollen gefordert

Der Interessenverband verlangt höhere Strafen für zu laute Motorräder und mehr Kontrollen. Den Forderungskatalog, der sich an Bund, EU und Motorradhersteller richtet, stellten Landesverkehrsminister Winfried Hermann und der Lärmschutzbeauftragte des Landes, Thomas Marwein (beide Grüne) in der vergangenen Woche in Stuttgart vor. Marwein war im August 2019 in Wüstenrot, um sich von lärmgeplagten Kommunen und Anwohnern entlang der B39 und der Zufahrtsstraßen die Situation erläutern zu lassen. Lösungen konnte er nicht anbieten.

Klagen auch aus den Löwensteiner Bergen

Der Untergruppenbacher Bauhof hat jetzt die Bodenhülsen betoniert und die Messanlage bei Vorhof an der Landesstraße 1111 aufgebaut. Die ist bei gutem Wetter eine der beliebten Bikerstrecke, unter anderem zur Aussichtsplatte bei Löwenstein-Hirrweiler, dem Treffpunkt von Motorradfahrern aus nah und fern. Seit jeher, sagt Untergruppenbachs Bürgermeister Andreas Vierling, klagten Bewohner in Vorhof über Lärmbelästigung. Auch in Unterheinriet seien Menschen betroffen.

Großteil der Biker ist vernünftig

Mit dem Beitritt zum Interessenverband hofft die Gemeinde, gemeinsam Besserungen für die lärmgeplagten Bürger zu erreichen. Dabei richte sich die Aktion nicht pauschal gegen alle Motorradfahrer, betont Vierling. Er ist selbst gern auf seinem Motorrad unterwegs. "Die Initiative richtet sich gegen diejenigen, die die Zunft der Motorradfahrer in Verruf bringen."

Regelrechter Motorradtourismus

Kampf gegen die Belästigung durch Motorradlärm

Als massiv bezeichnet Jagsthausens Bürgermeister Roland Halter die Lärmbelästigungen auf der Strecke durchs Jagst- und ins Kochertal, von denen ein beachtlicher Teil der Bevölkerung von Jagsthausen und Olnhausen betroffen seien. Die L1025 werde als Rennstrecke missbraucht.

Auf der kurvenreichen L1050 werde mit niedrigem Gang und hohen Drehzahlen mehrfach rauf und runter gefahren. "So entsteht an schönen Wochenenden quasi ein Motorradtourismus", kritisiert er. Von der Initiative erhofft er sich das Bewusstsein, dass Lärm eine Belästigung darstelle und besser reguliert gehöre.

Das Landratsamt Hohenlohe stellt eine Messanlage rotierend an mehreren Orten auf. Der Landkreis sei bei touristischen Motorradfahrern sehr beliebt und Teil der rund 480 Kilometer langen HOT-Bikertour (Hohenlohe, Odenwald, Taubertal). Touristikgemeinschaft Hohenlohe, Kommunen sowie die Polizei hätten die kritischen Streckenabschnitte jedoch bewusst außen vor gelassen.

Für Messanlage gab es Zuschüsse vom Land

In Wüstenrot werden Bauhofmitarbeiter das Display an der B39 demnächst installieren. Gegebenenfalls, so Bürgermeister Timo Wolf werde die Kommune der Initiative beitreten. Die Messanlage kostet rund 15 000 Euro, 4000 Euro schießt das Land zu. Löwenstein, ebenfalls lärmgeplagt, hatte zwar einen Zuschussantrag gestellt, der Gemeinderat war aber mit deutlicher Mehrheit gegen eine Anschaffung. Nicht zuletzt wegen der hohen Kosten.

"Die Initiative ist gut", meint Bürgermeister Klaus Schifferer auf Nachfrage. Aber: "Ich halte es etwas für Aktionismus." Für ihn ist eines maßgeblich: Dass der Gesetzgeber, egal ob Bund oder EU, die entsprechende Schritte unternimmt, um den Lärm einzudämmen. "Sonst bringen solche Initiativen nichts."

Schifferer, selbst Motorradfahrer, ärgert eines gehörig: Dass man im Zubehörhandel offiziell Auspuffanlagen erwerben könne, die "einen tollen Sound und super Geräusche" machen. Warum sei dies überhaupt gestattet? Es handle sich dabei ja nicht um unerlaubte Manipulationen. Schifferer unterstützt die Kontrollen der Polizei und ist froh über deren Präventionsveranstaltung "Platte". Die neunte Auflage der Motorradsicherheitsaktion ist am 26. April.

Die Forderungen

Motorräder müssen leiser werden: Das ist eine Forderung der landesweiten Initiative Motorradlärm. So sollten Hersteller und Händler leisere Maschinen produzieren, auf Elektroantrieb sei umzusteigen. Motorradfahrer sollten rücksichtsvoll und leise fahren, die polizeilichen Kontrollen verstärkt werden. Tempolimits und Verkehrsverbote an Wochenenden und Feiertagen müssten in besonderen Konfliktfällen möglich sein. Rücksichtsloses Fahren müsse deutlichere Folgen haben, sich in höheren Bußgeldern niederschlagen. Der Bund sollte eine Halterhaftung prüfen.


Kommentar: Lärm machen

An warmen sonnigen Tagen ist die Löwensteiner Aussichtsplatte übersät von hunderten Motorradfahrern. Das macht die Dimension deutlich. Aber nicht nur in den Löwensteiner Bergen, etwa auch im Jagst- und Kochertal haben die Bewohner die Ohren voll vom Lärm, den diese Ausflugsfahrten mit sich bringen. Lärm kann krank machen. Sonntagnachmittags oder abends gemütlich auf der Terrasse sitzen und sich auch noch unterhalten wollen? Fehlanzeige. Verständlich, dass leidgeplagte Anwohner Ohnmacht und Untätigkeit der Politik beklagen. 40 Prozent der Beschwerden wegen Verkehrslärm im Land betreffen Zweiradfahrer.

Damit soll nun Schluss sein. Landesverkehrminister, Lärmschutzbeauftragter und inzwischen 74 Kommunen und sieben Landkreise bilden eine starke Front. Sie haben mehr Einfluss als eine örtliche Bürgerinitiative. Sie nehmen alle in die Pflicht − den Bund und die EU als Gesetzgeber sowie Hersteller von Motorrädern und die Biker selbst. Die unzumutbare Belästigung muss aufhören. Endlich wird Druck aufgebaut, und je lauter hier Lärm gemacht wird, umso besser.

Manche Forderung kann ganz einfach umgesetzt werden: Überlaute Klappauspuffanlagen gehören verboten. Da muss sich der Gesetzgeber gegen die Lobby der Hersteller durchsetzen. Wer sich als Rowdy auf zwei Rädern gebärdet, den Motor rücksichtslos aufheulen lässt, sein Bike illegal aufmotzt und sich um Tempolimits nicht schert, der muss härter bestraft werden. Die schwarzen Schafe unter den Motorradfahrern können aber nur aus dem Verkehr gezogen werden, wenn sie kontrolliert werden. Und dazu braucht die Polizei Personal.

 


Sabine Friedrich

Sabine Friedrich

Autorin

Sabine Friedrich ist seit 2001 bei der Heilbronner Stimme. Sie ist in der Landkreis-Redaktion zuständig für Obersulm, Wüstenrot, Flein, Talheim und Weinsberg sowie für den Themenschwerpunkt Feuerwehr.

Linda Möllers

Linda Möllers

Autorin

Linda Möllers kommt aus Weinheim an der Bergstraße und kam im November 2019 zur Heilbronner Stimme. Jetzt berichtet sie aus dem nördlichen und östlichen Landkreis - am liebsten über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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