Jüdisches Leben blühte nur wenige Jahrzehnte in Heilbronn

Heilbronn  Die Heilbronner Synagoge war ein prächtiges Gebäude. Sie war Sinnbild für das Erblühen jüdischen Lebens. Eine Phase in Heilbronn, die nur einige Jahrzehnte andauerte. Die Geschichte der israelitischen Gemeinschaft in der Region ist geprägt von Pogromen und Vertreibungen.

Von Jens Dierolf

Synagoge Heilbronn
Die Heilbronner Synagoge an der Allee im Jahr 1931. Foto: Archiv/HSt  

35 Meter war die Synagoge lang, mehr als 21 Meter breit, die Hauptkuppel ragte 38 Meter in den Himmel. Von 1873 bis 1877 im maurischen Stil erbaut, war sie höher als sämtliche Gebäude der südlichen Allee.

Über viele Jahrhunderte war die Geschichte der Juden in der Käthchenstadt geprägt von Verfolgung und Feindseligkeiten. Schon 1298 lösten Gerüchte über eine Hostienschändung in der unterfränkischen Stadt Röttingen Pogrome gegen Juden in der Region aus, die bis Heilbronn reichten.

Im Oktober des Jahres äscherte eine Gruppe von "Judenschlägern" unter Befehl des Ritters Rintfleisch die Synagoge in der heutigen Lohtorstraße ein. 1349 gaben die Heilbronner den Juden die Schuld an der Pestepidemie und jagten sie aus der Stadt. Zahlreiche weitere Vertreibungen folgten in den Jahrhunderten danach.

 

Vom jüdischen Leben in der Region Heilbronn berichtet auch diese Foto-Reportage:

 

1828 durften Juden nach Heilbronn ziehen

Erst 1667 und im Jahr 1737 erlaubten entsprechende Verordnungen wieder den Handel mit Juden. Sonst blieb ihnen wenig anderes übrig, als in der Landwirtschaft oder dem Handwerk tätig zu werden.

Das Gesetz über "öffentliche Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen", erlaubte es den Juden 1828 wieder, nach Heilbronn zu ziehen. Ab diesem Jahr galten Juden in Württemberg als gleichberechtigt. In den folgenden Jahrzehnten wurden sie Teil der Stadtgemeinschaft. Im Jahr 1831 erhielt der Jude Isidor Veit, ein Tuchmacher, das Bürgerrecht.

Der erste Jude wurde 1849 in den Gemeinderat gewählt

Moritz Kallmann war 1849 der erster Jude, der in den Gemeinderat gewählt wurde, 1857 entstand der jüdische Wohltätigkeitsverein, 1861 eine jüdische Gemeinde in Heilbronn. Sieben Jahre später wurde der jüdische Friedhof im Breitenloch angelegt.

Mit dem Bau der Synagoge prägte jüdisches Leben auch das Stadtbild. Juden waren aktiv in den Vereinen, von 634 Geschäften in der Stadt hatten in den 1880er Jahren 149 jüdische Besitzer. Rund 1000 Juden lebten in dieser Zeit in Heilbronn, das damals gerade einmal 27.000 Einwohner zählte.

1892 bekamen die jüdischen Bürger im Stadtbad ihr israelitisches Ritualbad. Nach dem Ersten Weltkrieg und mit dem Erstarken des Antisemitismus spaltete sich eine orthodoxe von der liberalen Gruppe ab, eine Gruppe von Zionisten um den Juristen Manfred Scheuer emigrierte nach 1933 nach Palästina.

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Nazis löschten jüdisches Leben in Heilbronn aus

Während der Machtergreifung der Nazis lebten noch etwa 600 Juden in Heilbronn. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges löschten die Nazis sämtliches jüdisches Leben in der Stadt aus. Die Zeit war geprägt von Flucht, Vertreibung, Deportationen und Mord. Der Rassenwahn kostete mindestens 235 Heilbronner Juden das Leben. Viele Juden flohen in alle Welt, ein Großteil nach Amerika. Die Zerstörung der Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 war aber der Startpunkt für die Auslöschung des jüdischen Lebens in Heilbronn.

Erst 1958 zog wieder die erste jüdische Familie nach dem Krieg in die Käthchenstadt. Die meisten Juden kamen seitdem aus Osteuropa. Heute leben etwa 100 jüdische Bürger in Heilbronn, 150 sind es in Stadt und Umland. Der Großteil von ihnen zog in den 1990ern nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hierher.

Von den ehemaligen jüdischen Bürgern, die vor dem Zweiten Weltkrieg hier lebten, kehrte nur eine Familie wieder nach Heilbronn zurück. Das Ehepaar, damals in den 1960er Jahren, war über 80 Jahre alt und wollte hier beerdigt werden.