Jeder Radler ohne Licht ist einer zu viel

Region  Der kommunale Ordnungsdienst verwarnt in Heilbronn häufiger Radfahrer mit defektem oder gar keinem Licht. Bei den Polizeikontrollen in der Region sinkt dagegen die Beanstandungsquote.

Von Helmut Buchholz und Cécile Pick

Jeder Radler ohne Licht ist einer zu viel
Gefährlicher Blindflug: Wer ohne Licht nachts auf dem Rad unterwegs ist, geht ein hohes Unfallrisiko ein.  

Fahrrad fahren ohne Licht in der dunklen Jahreszeit ist in dichtem Verkehr fast eine Mutprobe - aber dennoch keine Seltenheit. Das ergab ein Blitztest gegen 17 Uhr am Heilbronner Götzenturm. Von 89 Radlern, die die Stelle in einer halben Stunde passierten, waren 23 ohne Beleuchtung unterwegs. Das sind knapp 26 Prozent.

Wer die Radler anspricht, bekommt ein buntes Meinungsbild. Thibaud Clipet (35) ist es wichtig, vorne und hinten Lichter am Fahrrad zu haben. Zusätzlich trägt er sogar eine helle Jacke und eine Stirnlampe. "Ich bin auch Autofahrer", sagt er. "Wenn man einen Fahrradfahrer nicht sieht, kann schnell etwas passieren." Joachim Horn (37) sieht das anders. "Ich vergesse ständig die Batterien für meine Lichter, jetzt hat es sich so eingebürgert, ohne zu fahren." Jens B. (26) erklärt, dass "ich üblicherweise mit Licht fahre". Allerdings habe er seine Vorderlampe heute nicht finden können. "Ohne Licht muss man eben besser aufpassen und auch mal laufen, wenn es nicht weit ist."

Fahren immer mehr Radler ohne Licht?

Der Kommunale Ordnungsdienst sprach 2018 in Heilbronn insgesamt 13 Verwarnungen aus, die Polizei drei. 2017 waren es jeweils nur zwei. Rathaussprecher Anton Knittels Konsequenz nach diesem Anstieg: "Wir werden da in Zukunft ein deutlich verstärktes Augenmerk drauf werfen."

Ein anderes Bild ergab sich bei den Beleuchtungskontrollen der Polizei im Herbst 2018. Insgesamt überprüften die Ordnungshüter rund 300 Fahrräder im Hohenlohe-, Stadt- und Landkreis. Die Beanstandungsquote lag bei 15 Prozent. "Das ist ein positiver Trend", berichtet Polizeisprecher Rainer Köller. "Die Zahlen gehen zurück." Allerdings sei jeder Radler mit defektem Licht "einer zu viel". Die Fahrer würden sich ja nicht nur selbst gefährden, sondern auch andere bei einem dadurch verursachten Unfall.

Polizeisprecher Köller sieht vor allem einen Grund für den Rückgang der Beanstandungsquote: "Das liegt letztendlich sicherlich daran, dass neuere Modelle bei den Fahrrädern zunehmen und ordentlich ausgestattet sind." Außerdem sei die heutige Beleuchtungstechnik nicht mehr so anfällig wie noch vor einigen Jahren. Ein kleines Sorgenkind hat die Polizei aber dennoch: die Mountainbikes. Köller: "Die, die keine Front- oder Rückleuchten haben, werden zwar in der Regel mit dem Hinweis, nicht für den öffentlichen Straßenverkehr geeignet" verkauft, was aber die Nutzer nicht wirklich interessiert."

Ist es heutzutage modern, auf Radfahrer zu schimpfen?

Volker Geis ist Sprecher der Heilbronner Radlervereinigung ADFC und kann die Einschätzung der Polizei nur bestätigen. "Radler ohne Licht werden nicht mehr." Die heutige Beleuchtungstechnik mit den Nabendynamos sei einfach zuverlässiger und sicherer als die früheren Seitenläuferdynamos, die bei Nässe durchdrehten.

Allerdings unterstreicht Geis, "dass immer noch erschreckend viele Radler ohne Licht unterwegs sind". Dass Radler eher dazu neigen würden, die Verkehrsregeln zu missachten, dementiert er. "Da geben sich alle Verkehrsteilnehmer nichts." Es sei ja heutzutage modern, auf Radfahrer zu schimpfen, sagt der ADFC-Sprecher. "Aber ich erlebe sehr oft zugeparkte Radwege oder Rotlichtverstöße von Autofahrern."

Die Meinung des Vorsitzenden der Kreisverkehrswacht, Harald Lepple, ist eindeutig: "Da sind alle Verkehrsteilnehmer betroffen." Er sehe genug Fußgänger, die jetzt dunkel gekleidet unterwegs sind. Lepple würde nicht sagen, dass das Verhältnis zwischen Rad- und Autofahrern aggressiver geworden wäre. "Jeder sieht es aus seiner Perspektive. Auf dem Rad schimpft man auf Autofahrer und umgekehrt ist es genauso." Lepple registriert generell eine Tendenz im Straßenverkehr "zum weniger Miteinander. Das Rüpelhafte hat zugenommen."

Verkehrssicheres Fahrrad

Wer erwischt wird ...

Wer von Kommunalem Ordnungsdienst oder Polizei mit defektem oder gar keinem Licht am Rad erwischt wird, muss 20 Euro zahlen. Wenn dabei ein Unfall verursacht wurde, sind 35 Euro fällig. Wenn ein Radler nicht die korrekte Beleuchtung an seinem Gefährt hatte und in einen Unfall verwickelt wurde, kann er zumindest eine Teilschuld an dem Crash bekommen, auch wenn er nicht schuld war. Dadurch kann die Versicherung den Radfahrer in die Mithaftung nehmen. Das Fahrradlicht dient nicht nur dem Selbstschutz, urteilen Gerichte, sondern auch der Sicherheit anderer.


Mehr Rücksicht

Ein Kommentar von Helmut Buchholz

Wer sich jetzt in der dunklen Jahreszeit als Radfahrer ohne Licht in das Verkehrsgetümmel stürzt, setzt sein Leben leichtfertig aufs Spiel. Das sehen offenbar zum Glück immer mehr Radler ein. Doch auch wenn die Zahl der Kamikaze-Radler abnimmt, ist jeder einzelne ein Sicherheitsrisiko, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere.

Allerdings gehört auch zur Wahrheit, dass es Autofahrer gibt, in deren Vorstellungswelt Radfahrer nicht vorkommen und die sie deshalb wie Luft behandeln. Hinterm Steuer eines Autos nehmen sich einige das Recht des Stärkeren heraus. Dabei spielt die Jahreszeit genauso wenig eine Rolle wie die korrekte oder defekte Beleuchtung des Drahtesels.

Es fehlt ein gutes Verkehrsnetzkonzept

Dabei läuft die Konfliktlinie keineswegs nur zwischen Rad- und Autofahrer. Es sind auch zum Beispiel die Autofahrer untereinander, die sich rücksichtslos verhalten. Der Dschungel auf deutschen Straßen mit seiner Ellbogenmentalität lässt sich jedoch nur teilweise mit der vergleichsweise hohen Verkehrsdichte erklären.

Was fehlt, ist immer noch ein sichereres und gutes Verkehrsnetzkonzept, in dem Radfahrer gleichberechtigt vorkommen. Auch wenn sich etwa in Heilbronn mehr und mehr in diese Richtung tut, wäre das Wichtigste eine grundsätzlich andere Haltung. Ohne mehr gegenseitige Rücksicht bleiben die Straßen mitunter Kampfzonen.

Ihre Meinung? helmut.buchholz@stimme.de