Initiative fordert mehr Zeit zum Lernen

Region  Mit einer Petition für das neunjährige Gymnasium will die Initiative "G9 jetzt! BW" die Rückkehr zu G9 erreichen. Das allerdings sei nicht so einfach möglich, sagt Isabella Peimann-Schaak, Schulleiterin in Heilbronn.

Von Tanja Ochs

Initiative fordert mehr Zeit zum Lernen

Seit 2004 machen Schüler in Baden-Württemberg in der der zwölften Klasse Abitur. Die Initiative "G9 jetzt!BW" möchte das ändern und kämpft für neun Jahre am Gymnasium. Foto: dpa

Mehr Zeit auf dem Weg zum Abitur wünschen sich Anja Plesch-Krubner und Corinna Fellner. Die beiden Mütter haben die Initiative "G9 jetzt! BW" gegründet und eine Online-Petition für das neunjährige Gymnasium gestartet. Fast 23.400 Unterschriften haben die Frauen landesweit inzwischen gesammelt. Am Donnerstag stellen sie ihre Initiative bei der Landespressekonferenz in Stuttgart vor.

Seit 2004 gilt G8 an baden-württembergischen Gymnasien. Damit seien Schüler zum Teil überlastet, sagt Anja Plesch-Krubner. Das achtjährige Abitur lasse zu wenig Zeit für "außerschulisches Lernen und Reifen", die Politik nehme den Schülern "ein Jahr ihrer Kindheit weg", so die Initiatorinnen.

Initiatoren wollen kein leichteres Gymnasium

G8 sei ein politischer Fehler gewesen. "Das Land spart auf dem Rücken der Kinder", meint Anja Plesch-Krubner. Denn die Entscheidung für G8 sei eine rein ökonomische gewesen, sagt die Heidelbergerin. Für die Schüler gebe es keinen Vorteil, im Gegenteil: "G8 verzerrt die Chancengleichheit", weil Kinder dabei mehr Unterstützung brauchen. Sie wolle kein leichteres Gymnasium, betont die 50-Jährige, "sondern ein qualitativ hochwertiges Abitur", das die Kinder nicht im Sprint absolvieren müssen. Seit mehr als einem Jahr kämpft sie für eine Rückkehr zu G9.

Doch das frühere G9 könne man nicht zurückholen, warnt Isabella Peimann-Schaak, geschäftsführende Schulleiterin der Heilbronner Gymnasien. Man habe G8 mit viel Herzblut entwickelt: "Die Schulen haben sich konzeptionell geändert", erklärt die Schulleiterin des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums. Die Bildungspläne wurden angepasst, ohne dass der Anspruch gesunken sei. Mit G8 gebe es Kooperationen und Ganztagsbetreuung, das sei eine unglaubliche Bereicherung. "Was wir machen, machen wir gut", so Peimann-Schaak. Damit kämen viele Schüler gut zurecht.

Gymnasien sind keine "Gute-Noten-Abholstation"

Auch Christoph Eberlein, Vorsitzender des Gesamtelternbeirats in Heilbronn, sagt: "G8 ist leistbar." Schulwechsel in Klasse fünf und sechs habe es auch früher schon gegeben. Das Gymnasium sei eben keine "Gute-Noten-Abholstation, sondern ein Lernort". Er halte nichts vom Dehnungsjahr in der Mittelstufe, das die so genannten Modellschulen im Land praktizieren. Unter diesem Begriff sind vor sechs Jahren 44 Gymnasien zu G9 zurückgekehrt.

Darunter auch Schulen in Öhringen und Beilstein. Frank Schuhmacher, Schulleiter am Hohenlohe-Gymnasium in Öhringen, sieht sowohl in der Stundenverteilung als auch im Alter der Gymnasiasten einen Vorteil. Zu G8 gebe es "nicht zwingend einen Unterschied in der Leistung, aber in der Reife". Zudem sei in Klasse fünf bis elf mehr Zeit, Stoff zu vertiefen. Anschließend machen seine Schüler dasselbe Abitur wie an einer G8-Schule. Das Konzept stößt bei vielen Eltern auf Zuspruch: Sieben fünfte Klassen werden im September am HGÖ gebildet, zwei mehr als 2017.

Viele Anmeldungen an den Modellschulen

Dass die Modellschulen überlaufen, fürchtet Anja Plesch-Krubner. Im März vergangenen Jahres hat sie gemeinsam mit Corinna Fellner "G9 jetzt! BW" gegründet. Mit Homepage und Facebook fing alles an. "Dann fragten Besucher immer wieder, wo sie unterschreiben können", erzählt die Mutter von zwei G8-Schülern. Ende März startete die Petition. Innerhalb von vier Wochen war das Quorum von 21 000 Unterschriften erreicht, bei dem das Anliegen an die Abgeordneten geht.

Am schnellsten habe daraufhin die SPD reagiert, sagt Anja Plesch-Krubner. Die Fraktion sei im Gegensatz zur FDP sehr aufgeschlossen. Die CDU habe sich noch nicht gemeldet, obwohl die Partei im Wahlkampf betont hatte, bei Bedarf mehr G9-Schulen zu genehmigen. "Das ist nicht passiert", kritisiert die Initiatorin. Das Land müsse isch Bildungsvielfalt leisten können, sagt Plesch-Krubner, doch Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat bereits 2016 betont, sie konzentriere sich auf das achtjährige Gymnasium. Damals hatte der Philologenverband mehr als 14.600 Unterschriften für die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 gesammelt.

 



G8 ist leistbar, G9 gibt mehr Denkanstöße. Welchen Weg er wählt, sollte jeder selbst entscheiden
Ein Kommentar von Tanja Ochs

Würde Johannes Pfeiffer – „mit drei F!“ – heute nochmal Abitur machen wollen, würde er schon rein äußerlich auffallen. War es für den jungen Schriftsteller vor rund 70 Jahren imFilm „Die Feuerzangenbowle“ offensichtlich kein Problem, in der Masse der Pennäler unterzutauchen, würde der Mann heute zwischen lauter Jungs die Schulbank drücken. Nicht nur das achtjährige Gymnasium, auch der Trend zur Einschulung mit fünf Jahren, haben dazu geführt, dass immer mehr 17-Jährige Abitur machen. Und das mit guten Durchschnittsnoten.

Die Zeugnisse haben sich seit der Einführung von G8 laut Statistik kaum verändert. Auch im Doppeljahrgang 2012 gab es keine auffälligen Leistungsunterschiede. G8 ist also machbar – vermutlich punktuell in Zeiten vieler Klassenarbeiten mit mehr Aufwand verbunden, aber keineswegs das Ende aller Lebensfreude im Teenageralter.
Wer jedoch länger lernen will, sollte die Möglichkeit haben, eine individuelle Entscheidung zu treffen.

44 G9-Schulen im Land sind zu wenig, denn es gibt gute Argumente für ältere Abiturienten. Wer länger lernt, schneidet bei Intelligenztests besser ab, zeigen Studien der Technischen Universität Dortmund. Mehr Zeit für Denkanstöße, Diskussionen und Lösungsansätze gibt Jugendlichen die Chance, sich zu entwickeln. In dieser Lebensphase ist Zeit ein kostbares Geschenk. Ob sie das brauchen, sollten Jugendliche selbst entscheiden, nicht die Politik.

 

 

 


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