In Neckarsulm wird über den Verkehrskollaps diskutiert

Neckarsulm  Der Befund: Es geht fast nichts mehr in Neckarsulm. Jeden Morgen Stau. Jeden Abend Stau. Und der ÖPNV kann große Teile der Gewerbegebiete gar nicht erst bedienen. Wie eine Therapie aussehen könnte.

Von Christian Gleichauf und Julia Neuert

Es kommt Bewegung ins Thema Mobilität

Anfang der 2000er war vorgesehen, den Anschluss dort zu realisieren, wo heute die Schwarz-Gruppe die dafür notwendigen Flächen belegt.

 

Ob der Neckarsulmer Oberbürgermeister das so geplant hat? Kurzerhand deklariert Steffen Hertwig (SPD) die Infoveranstaltung der Grünen zum B 27-Anschluss zum offiziellen Start seiner Bürgerbeteiligung. Das war zumindest ungewöhnlich. Doch damit würdigte er auch den sachlichen Umgang der Organisatoren, Referenten und Besucher bei einem Streitthema, das durchaus das Zeug hat, den Ort zu spalten.

Es gab bereits mehrere Infotreffen von Grünen und SPD

Der Informationsbedarf hatte sich in den vergangenen Monaten bereits abgezeichnet, als die Info-Treffen der Grünen an der Binswanger Straße regelmäßig viele Dutzend Interessierte anlockten.

Am vergangenen Samstag stieg dann auch die SPD ein und versuchte, ein Gegengewicht zu den kritischen Stimmen der Öko-Partei anzubieten. Rund 70 Bürger kamen zum Vor-Ort-Termin und hörten sich die Argumente der Fürsprecher an. Die SPD ist für den Anschluss, möchte aber vor einer endgültigen Entscheidung alle Fakten auf dem Tisch haben. Mehr noch: "Wir müssen eine maximale Forderung stellen", sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Karl-Heinz Ullrich. Er wünscht sich, dass die B 27 teilweise tiefergelegt wird, durch einen Tunnel führt.

Stadt steigt in die Bürgerinformation ein

Es kommt Bewegung ins Thema Mobilität

Bisher führt die Binswanger Straße über eine kleine Brücke über die Bundesstraße 27. Die Planung sieht vor, die beiden Straßen zu verbinden.

Fotos: Dennis Mugler

 

Für den OB wird es also höchste Zeit, in die Diskussion einzusteigen. Umstritten ist der Anschluss nicht nur, weil die Stadt von dem 38-Millionen-Euro-Projekt rund 21 Millionen selbst stemmen muss. Die Auswirkungen für die Anwohner und auf den Verkehr in der Innenstadt treiben viele Bürger um. So wird der Anschluss in Neckarsulm deutlich kritischer gesehen als bei Pendlern von außerhalb, die sich natürlich über kürzere Wege freuen würden. Die Fahrzeit aus Bad Friedrichshall in den Neckarsulmer Trendpark würde sich zu vielen Tageszeiten nahezu halbieren.

Zur Kasse gebeten würden dafür die Neckarsulmer - die andererseits von neuen Gewerbeansiedlungen profitieren könnten, wenn der Verkehr wieder rollt. Kein Wunder also, dass mehr als 200 Menschen die erste Möglichkeit einer umfassenden Information wahrnehmen. Auch Vertreter anderer Gemeinderatsfraktionen lassen sich das nicht entgehen.

Selbstfahrende Sammeltaxis könnten Entlastung bringen

Es kommt Bewegung ins Thema Mobilität

Im Prinzensaal des Neckarsulmer Brauhauses fand in äußerst sachlicher Atmosphäre ein erster Info-Abend zum Thema Mobilität statt. Oberbürgermeister Steffen Hertwig stellte hier auch seinen Fahrplan zur Bürgerbeteiligung vor.

 

Zum Glück verheddern sich die Referenten nicht in Details. Schnell geht es weg von konkreten Ideen hin zu der generellen Frage, wie sich der Verkehr in Zukunft entwickelt. Gastredner Christoph Link, Verkehrsplaner des ökologischen Verkehrsclubs VCD, hätte eigentlich eine Antwort geben sollen. Doch weil er krankheitsbedingt ausfällt, übernimmt kurzerhand der Neckarsulmer Volker Raith die Präsentation. Die große Chance sieht Link im automatisierten Fahren: Sammeltaxis könnten die Menschen zur Arbeit bringen. Der Haken: Die Technik ist heute noch nicht einsatzfähig.

Wie kann man also heute schon mehr Menschen auf dem Weg zum Arbeitsplatz in ein Fahrzeug bringen? Grünen-Stadtrat Horst Strümann schlägt vor, mit einer Mitfahr-App die durchschnittliche Zahl der Auto-Insassen von 1,1 auf mehr als zwei zu erhöhen. Und weil es ohne Anreiz nicht geht, sollen Parkplätze für Einzelfahrer in den Parkhäusern der Neckarsulmer Firmen künftig 30 bis 40 Euro pro Monat kosten. Das Geld stünde für Maßnahmen zur Verfügung, die allen zugute kommen. OB Steffen Hertwig hat Strümanns Idee offenbar schon vor einigen Monaten positiv aufgenommen und will in wenigen Wochen erste Ergebnisse seiner Verhandlungen präsentieren.

ÖPNV muss attraktiv sein

Nicht ganz so schnell dürfte es beim Komplex ÖPNV gehen. Begeistert erläuterte Werner Krepp die Idee eines öffentlichen Nahverkehrs, wie er in Südtirol zu einem Umdenken geführt hat. Der "Südtirol Pass" ermöglicht Einheimischen dort die kostengünstige Nutzung von Bussen und Bahnen für Wenigfahrer. Der Clou: "Wer mehr als 20 000 Kilometer im Jahr im ÖPNV unterwegs ist, fährt kostenlos", erzählt Krepp. "Und wir schaffen es als reiches Land nicht, einen ÖPNV so attraktiv zu gestalten, dass die Menschen ihn freiwillig nutzen."

Chance eines günstigeren Anschlusses verbaut

Es kommt Bewegung ins Thema Mobilität

Volker?Raith referierte über die Geschichte des B?27-Anschlusses.

 

Volker Raith erläutert, warum das Projekt, das anfangs mit acht Millionen veranschlagt worden war, nun 30 Millionen Euro teurer werden soll. Kurvenradien und Spurbreiten waren ausgelegt für einen innerstädtischen Anschluss, wo die Autos auf der Bundesstraße nicht mit Tempo 100 unterwegs sein dürften. Doch das wurde vom Bund gekippt. "Außerdem war der ursprünglich favorisierte Anschluss nicht an der Binswanger Straße, sondern bei den Kasernen, wo heute die Gebäude der Schwarz-Stiftung stehen", sagt Raith. Die Chance, dort auf die B 27 einzubiegen, hat man sich buchstäblich verbaut. Als Alternative schlagen die Verkehrsexperten der Grünen eine Umfahrung am Aquatoll vorbei vor - die der OB umgehend ablehnt.

Trotzdem kommt an diesem Abend viel Bewegung in das Thema Mobilität. Besucher Gerhard Klies findet: "Zuletzt hat es sich immer so angehört, als ob alles schon klar wäre und es keine Alternative gäbe. Das ist offensichtlich ja nicht der Fall."