Im Weindorf-Ausschank: Ein Selbstversuch

Heilbronn  33 Weine auseinanderhalten, einschenken und kassieren - gar nicht so leicht, den Überblick zu behalten. Wir haben es auf dem Weindorf Heilbronn ausprobiert.

Von Julia Weller

Im Weindorf-Ausschank: Ein Selbstversuch

Selbstversuch im Ausschank: Am frühen Nachmittag gehen hauptsächlich Weißweine über die Theke, später am Abend dann mehr Rotwein. Die Gäste sind gut gelaunt, auch wenn es mal etwas länger dauert. Fotos: Andreas Veigel

 

Der Weg hinter die Theke führt durch einen dunklen Gang. Ich klettere zwischen Weinkisten hindurch und werde bereits erwartet: Julia Wörner begrüßt mich im Heilbronner Wengertersstand auf dem Weindorf, wo ich heute aushelfe. Die 25-Jährige hat BWL an der DHBW studiert und bereits viel Erfahrung mit dem Nebenjob im Ausschank. Noch ist es nachmittags und ruhig. Doch das wird nicht lange so bleiben.

33 Weine von fünf Weingütern werden am Wengertersstand angeboten. Es gibt drei Lemberger, drei Riesling, je zwei Weiß- und Grauburgunder und noch so viel mehr. Der Versuch, mir alle Weine vor Schichtbeginn einzuprägen, ist gescheitert. Doch Ilona Werner, die ebenfalls im Ausschank arbeitet, kann mich beruhigen: Auch sie muss noch ab und zu auf der Liste nachschauen.

Gastro-Erfahrung braucht man nicht

Die Nummer dort verrät, wo man die richtige Flasche in der Kühltruhe findet. Die Nummern vier bis 25 - Weißweine und Rosé - sind auf den inneren Truhenrand geschrieben, darunter stehen jeweils drei Flaschen der entsprechenden Sorte. "Man braucht hier nur Freundlichkeit, keine Gastro-Erfahrung", sagt Julia Wörner. Gut für mich, denn ich habe noch nie in der Gastronomie gearbeitet. Doch die erste Kundin nähert sich bereits mit durstigem Blick.

"Die 17 bitte", sagt sie und stellt mir ihr leeres Glas hin. Das ist einfach: Grauburgunder Johanna, einer der Verkaufsschlager dieses Jahr. Zwar schiebe ich die Truhe erst auf der falschen Seite auf, finde dann aber trotzdem den richtigen Wein und fülle großzügig bis über den Strich. Die Kundin ist glücklich. "Sie haben einen Guten eingeschenkt."

Die nächsten Gäste sind ausgelassener: Eine Gruppe junger Männer, die definitiv nicht den ersten Wein des Abends bestellen. „Die 35 bitte“, scherzt einer und lockt mich damit in die Falle – den gibt es nämlich gar nicht. Lachend beugt er sich über die Theke und fasst mir an die Nase. Er bleibt der aufdringlichste Gast an diesem Abend.

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Mancher Kunde möchte nicht zahlen

Im Weindorf-Ausschank: Ein Selbstversuch

So sieht es in den drei Kühltruhen im Heilbronner Wengertersstand aus.

 

"Schlechte Erfahrungen habe ich eigentlich noch keine gemacht", sagt Julia Wörner. Trotzdem muss sie sich wenig später mit einem älteren Mann herumschlagen, der für einen Zwei-Euro-Wein nur einen Euro bezahlen möchte. "Die-ser Wein kos-tet zwei Eu-ro", erklärt sie ihm immer wieder mit Engelsgeduld und betont jede einzelne Silbe. "Seit wann?", empört er sich. Nach drei Minuten rückt er schließlich doch noch ein wenig Kleingeld raus. Was hätte Wörner getan, wenn er nicht gezahlt hätte? "Eingeschenkt war sowieso schon", sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Je mehr Kunden ich bediene, desto sicherer gelingt mir der Griff in die Kühltruhe. Nur die Rotweine überfordern mich: Weil es heute sehr warm ist, wurden sie zwischen die anderen Flaschen in die Kühl-truhen gequetscht - ohne Nummerierung. Bis ich die bestellte 30 finde, dauert es eine Weile. Die Kundin freut sich trotzdem: "Endlich habe ich mal das neue Glas mit dem Herz bekommen. Das hat nicht jeder Stand."

Es sind Unterhaltungen wie diese, die den Job im Ausschank angenehm machen. Vom benachbarten Raclette-Stand zieht ein strenger Käsegeruch herein, die Coverband gegenüber singt Helene Fischer. Julia Wörners Handflächen haben nach ein paar Tagen bereits deutliche Spuren vom Flaschenöffnen. Manche Menschen kommen an den Stand, geben banale Bemerkungen ab und schwanken wieder weg. Aber so bleibt immerhin mehr Wein für die Ausschenker. Denn: Probieren ist bei der Arbeit natürlich erlaubt.

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