Im Theresienturm weht noch der kalte Hauch der Kriegsjahre

Heilbronn  Die Bürgerstiftung macht den Monumentalbau auf der Heilbronner Theresienwiese über ein stählernes Treppenhaus zugänglich. Die Besucher erwartet eine spannende Reise mit gruseligen Spuren aus alten Nazi- und Nachkriegstagen.

Von Kilian Krauth
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Elektriker Pasquale Bruno erneuert die Leitungen und restauriert die Innenbeleuchtung möglichst originalgetreu. Er fühlt sich hier schon fast wie daheim.

Pasquale Bruno und Kilian Hecktor öffnen mit vereinten Kräften eine schwere Stahltür. Das Knarren der ungeölten Scharniere geht durch Mark und Bein. Vorsichtig steigt Elektriker Bruno eine Eisenleiter hinunter - in ein schwarzes Loch. Praktikant Hecktor zieht an einem langen Kabel einen Scheinwerfer nach, der den stockfinsteren Raum im Handumdrehen bis in den letzten Winkel ausleuchtet. Zwischen verstaubten Spinnweben und tierischen Kothäufchen liegt ein alter Schnürschuh, um die Ecke noch einer. Plötzlich ruft jemand "Igitt, ein Skelett!" Und: "Zum Glück nur ein Vogel. Eine Taube, ein Rabe?" Das ist noch nicht das Ende.

Gut erhaltene Anlagen

Im zweiten Kellergeschoss stoßen die Handwerker auf vorsintflutliche technische Anlagen, Emailleschilder leisten Sehhilfe: ein 50 PS starker MAN-Dieselmotor mit Generator, zwei Treibstofftanks, sogar ein Brunnen mit Pumpanlage und Kessel. Alles scheint gut erhalten zu sein. "Starkstromanlage 1936" ist da zu lesen. Auf einem Vorsprung liegt das vergilbte Titelblatt der Zeitschrift "Quick" vom 30. Juni 1963. "Guck, da steht was vom Kennedy", sagt Bruno, der dieser Tage mit der Erlenbacher Elektrofirma Schneider im Heilbronner Theresienturm die Beleuchtung auf Vordermann bringt und sie möglichst originalgetreu saniert. Der witzige Erlenbacher fühlt sich in dem Gemäuer schon fast wie daheim.

Als sich eine Abordnung mit Bürgerstiftungsvorstand Thomas Schick, Hochbauamtsmitarbeiterin Daniela Branz, Stadthistorikerin Anna Aurast sowie den Architekten Monika Joos und Kyrill Keller vorsichtig dem monströsen Flakturm und Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg nähert, machen alle andächtig den Weg frei, auch die Mitarbeiter der Schlosserei Kornter, die auf der neuen Außentreppe zugange sind.

Im Theresienturm weht noch der kalte Hauch der Kriegsjahre

Mitte April müssen die Handwerker fertig sein. Dann wird der spektakuläre Zugang an der Südseite des 28,50 Meter hohen Beton- und Sandsteinbauwerks seiner Bestimmung übergeben: 16 Meter lang, neun Meter hoch, zwei Meter breit. Hinter teils gelochten Cortenstahlplatten führen 42 Stufen zu einem von zwei Eingängen, die nach dem Abbruch einer Zugangsrampe seit 1951 vom Schlachthof her, verschlossen blieben. Drei mannshohe Stahlstelen warten noch auf Info-Tafeln zur Turmhistorie und die Namen der Spender, die auf Initiative der Bürgerstiftung unter dem Motto "Mahnen, erinnern, denken" 260.000 Euro zur Finanzierung des neuen Zugangs beisteuerten.

Parallel dazu hat das städtische Grünflächenamt das Turmumfeld mit 13 Säuleneichen und fünf historischen Mahlsteinen neu gestaltet. Einige wenige Parkplätze, zwei große Reklametafeln und ein zwei Meter hoher Schutthügel mussten weichen. Ein Zeag-Stromhäuschen wurde abgerissen, das neue um wenige Meter versetzt.

Besuchern stockt der Atem

Wer über die neue Treppe acht Meter über dem Erdboden mit eingezogenem Kopf durch die Pforte zwischen zwei angerosteten Stahltüren ins Turminnere vorstößt, dem stockt zunächst der Atem: wegen des Staubs, aber auch wegen "dem Hauch der Historie, der hier noch weht", wie Thomas Schick sagt. Während die zwei Kellergeschosse nur über Leitern erreichbar sind, führt ein schmaler Wendelgang im Radius von zehn bis elf Metern entlang der 1,40 Meter dicken Mauer nach oben. Schilder wie "Mannschaftsraum" und "42 Personen" finden sich in regelmäßigen Abständen auf sechs Stockwerken - dahinter leere Räume mit Ösen an den Wänden. "Da waren jeweils 27 Liegepritschen befestigt", weiß Kyrill Keller. Erhalten sind von der Einrichtung völlig verstaubte Nasszellen und verstopfte Aborte, die laut Daniela Branz bis zur Einweihung noch "stubenrein" gemacht werden. Ansonsten soll in dem schaurigen Gemäuer kaum etwas verändert werden. "Alles bleibt authentisch."

Dramatische Szenen bei Fliegerangriff 1944

Während der Luftangriffe auf Heilbronn fanden hier bis zu 1000 Menschen Unterschlupf, ganze Familien blieben sogar wochenlang. "Am 4. Dezember 1944 müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben, weil nicht alle reingepasst haben", berichtet Branz, "morgens lagen an der Rampe Leichen, hieß es." Gleichzeitig war hier eine Flakeinheit stationiert, weiß Anna Aurast. Ob aber auf der obersten Plattform jemals ein Geschütz stand, sei bis heute nicht geklärt, weil die Unterlagen im Krieg verbrannt sind und sich die Aussagen von Zeitzeugen widersprechen.

Turmspitze mit Logenplatz fürs Buga-Areal

Im Theresienturm weht noch der kalte Hauch der Kriegsjahre

Auf sechs der zehn Stockwerke finden sich Räume mit Waschgelegenheiten. An den Wänden hingen einst Betten. Klos gibt es noch.

Fotos: Mario Berger

Im sechsten Obergeschoss ist eigentlich Ende der Fahnenstange. "Betreten verboten!" steht in schwarzen großen Lettern an der Wand. Über einige schmale Stufen erreicht der Stoßtrupp ein letztes Dachgeschoss, "Das war wohl die Wachstube", sagt jemand. Eine Eisenleiter weist den Weg zur letzten Etappe: die durch eine Luke erreichbare Kanzel. Hier bietet sich ein traumhafter Rundumblick über die Stadt. Als stünde man auf einer Loge mit exklusiver Aussicht auf den neuen Stadtteil Neckarbogen, dort, wo in wenigen Tagen die Bundesgartenschau 2019 beginnt. Pünktlich zu deren Eröffnung - und rechtzeitig zum 75. Jahrestag der Zerstörung Heilbronns am 4. Dezember 1944 - ist der Theresienturm bald über den neuen Anbau für jedermann zugänglich: zumindest bei Führungen für maximal 15 Personen, die man ab sofort über die Heilbronn Marketing GmbH buchen kann. Für Schulklassen übernimmt die Bürgerstiftung die Kosten. Nur der Keller und das Dach bleiben tabu, aus Gründen der Sicherheit.

Weitere Infos

www.theresienturm.de

 


Eine spannende Historie

Der Flakturm und Hochbunker auf der Heilbronner Theresienwiese wurde 1940 von der Wehrmacht gebaut und 1942 nach dem deutschen General Walther Wever benannt. Er ist 28,50 Meter hoch und hat einen Durchmesser von zwölf Metern, der sich bis unter die Turmhaube auf elf Meter verjüngt. Ein ähnliches Gebäude der „Bauart Dietel“ – benannt nach einer Baufirma aus Düsseldorf – steht heute nur noch in Darmstadt, wo die völlig umgebauten Räume unter dem Titel „Mozarturm“ als Tonstudio genutzt werden.

 

 

Erst gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Heilbronner Turm 1944 zum Schutzbunker für Bürger aus der Bahnhofsvorstadt. 1945 avancierte er zur Notunterkunft für Obdachlose, Reisende und Flüchtlinge. In den ersten Nachkriegsjahren haben im sogenannten Bunker-Hotel pro Monat bis zu 1000 Menschen übernachtet. Seit der Schließung 1948 steht das Gemäuer so gut wie leer. 1951 wurde eine Rampe abgebrochen, sodass der durch Stahltüren fest verschlossene Bau nicht mehr zugänglich war. 

Die Besitzverhältnisse waren lange nicht geklärt. Seit 1978 gehört der Turm offiziell der Stadt Heilbronn, davor teilweise dem Bund. 1963 bis 1990 standen auf dem Dach die Großbuchstaben der Firma MAN. Noch bis 1999 waren die Räumlichkeiten offiziell als Zivilschutzeinrichtung registriert. Erst ab 2000 wurde das Denkmal von der Bevölkerung bei Tagen des offenen Denkmals wiederentdeckt. Ideen für die Installation einer Bunker-Bar oder einer Champignon-Zucht zerschlugen sich. Zwischenzeitlich versuchte das Rathaus, die bröselnde Immobilie sogar zu verkaufen: für einen Euro.

Mit der 200.000 Euro teuren Außensanierung wurde der General-Wever-Turm 2014 plötzlich zum Politikum. Der vom NS-Regime vergebene Name sei „nicht mehr zeitgemäß“, hieß es. „Bunkerturm Theresienwiese“ passe besser, meinte das Stadtarchiv. Der Gemeinderat taufte das Bauwerk nach langer Debatte etwas schönfärberisch „Theresienturm“ – in Anlehnung an die Theresienwiese, die ihren Namen von einem dort am 1. Juni 1815 gefeierten Maria-Theresia-Ordensfest hat .

 


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