"Im Porsche will man nicht gefahren werden"

Interview  Schafft der Mensch den Abschied vom Selbst-Lenken? Der Heilbronner Hochschulprofessor Gerrit Meixner spricht im Stimme-Interview über die Partnerschaft zwischen Mensch und Maschine.

Von Alexander Klug

"Im Porsche will man nicht gefahren werden"

Wie Menschen und Maschinen miteinander kommunizieren − damit beschäftigt sich Gerrit Meixner seit Jahren. Beim Thema der Autos, die irgendwann mehr oder weniger ohne Fahrer auskommen sollen, spricht der Forscher sogar von einer Zusammenarbeit von Mensch und Maschine, einer Partnerschaft. Wir haben mit dem Professor für Mensch-Computer-Interaktion darüber gesprochen, welche Fähigkeiten der Mensch in eine solche Partnerschaft einbringen kann − und welche nicht.

 

Würden Sie in einen Bus ohne Fahrer steigen, Herr Meixner?

Gerrit Meixner: Also, Stand heute würde ich mich damit schwer tun.

 

Wie kommt das? Sie forschen an immer intelligenterer Mensch-Maschine-Zusammenarbeit...

Meixner: Das Thema Auto ist generell und in Baden-Württemberg besonders sehr von Gewohnheiten und Emotionen geprägt. Ich denke, verglichen mit den Gewohnheiten der Menschen werden wir die technischen Herausforderungen schnell gelöst haben. Die Gewohnheiten und Emotionen zu ändern, wird länger brauchen. Wenn es überhaupt klappt.

 

Überhaupt? Wie meinen Sie das?

Meixner: Hierzulande kaufen viele Menschen ihre Autos nicht, um sich herumfahren zu lassen. Im Porsche will man nicht gefahren werden. Da geht es um Fahrspaß, und um Status. Unter diesen Gesichtspunkten wird es das autonome Google-Auto ohne Lenkrad schwer haben. Nicht nur technisch, sondern auch menschlich ist der Weg bis dahin noch weit. Das Lenkrad loszulassen, das ist aus meiner Sicht der emotional entscheidende Moment.

 

Manche fahren keinen Sportwagen.

Meixner: Das stimmt. Aber auch, wenn es kein Sportwagen ist, fahren die meisten ihr Auto lieber selbst und es dauert noch lange, bis sich das ändert. Unterstützt von immer zahlreicheren Assistenzsystemen.

 

In vergangenen Gesprächen war Konsens, dass autonomes Fahren noch lange etwas für Reiche sein wird. Was meinen Sie?

Meixner: Ich bin mir bei den angeblich so hohen Kosten solcher Fahrzeuge, die immer wieder behauptet werden, gar nicht so sicher. Manches wird teurer, weil es technisch aufwendiger ist. Zum Beispiel die vielen Sensoren. Andere Produktgruppen werden aber günstiger, zum Beispiel der Elektromotor im Vergleich zum Verbrennungsmotor. Das müsste man transparent darstellen und schauen, was am Kostenargument wirklich dran ist. Manchmal habe ich den Eindruck, dass das erwartete Preisniveau künstlich hochgehalten wird, um in Apple-Manier eine maximale Differenz zwischen Herstellungskosten und Verkaufspreis zu erreichen. Da halte ich andere Punkte für stichhaltiger, etwa die fehlenden Tankstellen oder die Reichweite der Fahrzeuge. Denn die Technik muss in die Lebenswirklichkeit der Menschen passen.

 

Können in der Lebenswirklichkeit der Menschen Maschinen Partner sein?

Meixner: Ja. Cortana, Siri und Alexa gibt es schon, die Leistungsfähigkeit sprachgesteuerter Systeme wird weiter wachsen. Je intelligenter die Systeme werden, desto eher wird sich das Verhältnis Fahrer-Auto zu einer gleichwertigen Partnerschaft entwickeln. Der Fahrer überwacht das System, das System aber auch den Fahrer.

 

Das System den Fahrer?

Meixner: Das Auto muss wissen, was der Fahrer macht, um Entscheidungen treffen zu können. Zum Beispiel, ob er schläft. Das könnte mit Hilfe einer Kamera passieren, die die Augenlider im Blick hat. Oder mit der Messung der Gehirnströme. Die Kommunikation zwischen Fahrer und Fahrzeug ist ein Schwerpunkt der Arbeit in unserem Forschungsprojekt. Wie das System am besten Kontakt aufnimmt, zum Beispiel mit akustischen oder optischen Signalen.

 

Wie lange darf die Übergabe von Maschine zu Mensch denn dauern?

"Im Porsche will man nicht gefahren werden"

Meixner: Manche meinen zehn Sekunden. Für den Fall, dass der Fahrer schläft, sind diese zehn Sekunden aus meiner Sicht recht wenig. Der Fahrer müsste in dieser kurzen Zeit die Verkehrssituation vollständig erfassen. In anderen Situationen dagegen müsste er sogar schneller reagieren als innerhalb von zehn Sekunden. Zum Beispiel, wenn eine überraschende Situation zu einer schnellen Entscheidung zwingt, eine Vollbremsung auf der Autobahn oder das spontane Ausweichmanöver notwendig ist. Da geht es um Bruchteile von Sekunden.

 

Sagt am Ende das System, was geht und was nicht?

Meixner: Manchmal schon, ja. Das klingt ein wenig nach Bevormundung. Wenn das System zum Beispiel erkennt, dass der Fahrer zu viel Alkohol getrunken hat und nicht startet. Das halte ich aber für etwas Gutes, viele Unfälle könnten so vermieden werden. In kleinerem Umfang gibt es so etwas ja schon, zum Beispiel wenn es piept bei nicht angelegtem Gurt.

 

Welches sind die Momente, in denen Sie sich über ein autonomes System freuen würden?

Meixner: Es wäre doch schön, wenn das Auto im Stau von alleine in der Kolonne fahren würde und man in der Zeit etwas anderes machen könnte. Oder man in einer verstopften Innenstadt keinen Parkplatz suchen müsste, sondern das Auto alleine außerhalb parkt und einen abholen kommt.

 

 

Zur Person

Gerrit Meixner (Foto: privat) wurde am 21. November 1980 in Trier geboren. Er studierte Informatik an der Fachhochschule Trier und promovierte im Anschluss im Fachbereich Maschinenbau und Verfahrenstechnik der TU Kaiserslautern. 2007 bis 2013 war er Gruppenleiter für das Fachgebiet Mensch-Maschine-Interaktion beim Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz in Kaiserslautern. Seit März 2013 ist er Professor für Mensch-Computer-Interaktion der Fakultät Informatik an der Hochschule Heilbronn und gründete im Juni 2013 das Usability and Interaction Technology Laboratory.