Im Lehrerzimmer gibt es keine Reservebank

Heilbronn  Mit dem Start in neue Schuljahr sind die meisten Schulen in der Stadt und im Landkreis Heilbronn gut mit Pädagogen versorgt. Das kann sich allerdings schnell ändern.

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Mehr als 40.000 Schüler in der Stadt und im Landkreis Heilbronn starten in das neue Schuljahr. Mehr als sechs lange Wochen Sommerferien sind vorbei, ab jetzt wird wieder gelernt. Zum ersten Mal geht es an einem Mittwoch los.

Schuld daran ist die Verschiebung der Sommerferien, die erst an einem Montag begannen. Grund dafür war laut Kulturministerium der bundesweite Reiseverkehr, der mit der Ausnahme entzerrt werden sollte. Der Urlaub ist zwar erstmal vorbei, aber die Regelung hat noch eine erfreuliche Nebenwirkung: Das Schuljahr beginnt mit einer kurzen Woche.

Nahezu alle Stellen sind besetzt

Es gibt noch mehr gute Nachrichten: Die Lehrerversorgung ist in der Region gesichert, zumindest vorerst. Nahezu alle Stellen im Schulamtsbezirk Heilbronn sind besetzt. Auch für die Gymnasien gibt es genug Lehrer. "Alle können gut starten", sagt Schulamtsleiter Markus Wenz. Und zwar besser als im vergangenen Jahr, als am ersten Schultag 23 Stellen vakant blieben. "Aber perspektivisch wird es genauso schwierig", weiß Wenz. Weil es keine Reserve gibt, könnte das schon im Oktober der Fall sein. Die ersten Kolleginnen haben bereits gemeldet, dass sie schwanger sind. Für Mutterschutz- und Krankheitsfälle muss das Schulamt aber erst noch Ersatz finden. "Akquise ist eine Daueraufgabe", sagt Wenz. Das Einstellungsverfahren läuft weiter.

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Trotzdem ist Heilbronn offenbar eine Ausnahme im Land, wo laut Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) insgesamt rund 790 Lehrer fehlen. Besonders groß sei der Mangel an den Grundschulen, wo auf 1500 offene Stellen 1000 neu ausgebildete Lehrkräfte kommen. In der Stadt und im Landkreis Heilbronn gibt es in diesem Bereich keine Lücken, auch die Schulleiterstellen seien bis auf eine gute Hand voll besetzt, erklärt das Schulamt.

Gymnasiallehrer an Grundschulen

Hilfreich sei, dass in diesem Jahr 13 ausgebildete Gymnasiallehrer für die Klassen eins bis vier eingestellt werden konnten. Das seien zwar deutlich weniger als im vergangenen Jahr, erklärt Schulrätin Dr. Stephanie Heitz. Aber angesichts von mehr Rückkehrern aus der Elternzeit, weniger Pensionierungen und einigen Ruheständlern, die noch immer unterrichten, seien genug Pädagogen gefunden. Einfach sei die Besetzung nicht gewesen, so Heitz. Nach der Hauptausschreibung im März waren erst die Hälfte aller Stellen besetzt. "Es ist ein Kampf", sagt sie. Und der geht weiter: "Wir stellen bis 30. September ein", erklärt Wenz. Außerdem hoffe man auf Kollegen, die ihre Stundenzahl im Laufe des Jahres erhöhen oder früher als geplant aus der Elternzeit zurückkehren. Jedes noch so kleine Deputat lindere den Notstand.

Ähnlich sieht es in der Sekundarstufe aus. Eine Stelle in Weinsberg ist noch offen, sonst sind Real- und Gemeinschaftsschulen versorgt. "Es kommen noch Anrufe von Bewerbern", freut sich Schulrat Michael Ledermann, denn das "Polster ist schon eingesetzt". Damit ist der Pflichtteil abgedeckt, auch Förderunterricht und Arbeitsgemeinschaften sind eingeplant. "Die Schulen arbeiten mit Riesenengagement", betont Markus Wenz.

Es fehlen Sonderpädagogen

Probleme gibt es an den 20 Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) im Schulamtsbezirk, dort ist die Versorgungslage laut der verantwortlichen Schulrätin Susanne Eicher angespannt. Rund 15 Lehrer fehlen, insbesondere in der Stadt Heilbronn sei die Situation schwierig. Zu den fast 1000 Schülern der SBBZ kommen rund 550 Mädchen und Jungen, die an anderen Schulen inklusiv betreut werden. Ein Herausforderung für die Sonderpädagogen, die angesichts fehlender Fachkräfte nicht einfacher wird.


Kommentar: Engpässe

Alle Stellen besetzt - alles gut? Bei weitem nicht. Das Schuljahr fängt ja gerade erst an. Die vermeintlich gute Nachricht ist morgen schon Schnee von gestern. Wenn die erste Krankmeldung oder das erste schwangerschaftsbedingte Berufsverbot ins Rektorat flattert, beginnen die Probleme. Für Vertretungen gibt es keine Reserve, die Suche nach Lehrkräften muss deshalb weitergehen.

Ein Ende des Mangels ist erst erreicht, wenn es mehr Bewerber als Stellen gibt. Das ist noch lange nicht der Fall, das Feld ist in unzähligen Ausschreibungsrunden abgeräumt. Für die Schulen ist die spitze Kalkulation ihrer Deputate keine Überraschung. Es langt mal wieder gerade so. Und das auch nur für den Moment.

Die Besetzungsquote in Stadt und Landkreis ist eine gute Nachricht, aber sie darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach wie vor Lehrer fehlen. Da sieht es in Heilbronn nicht besser aus als im Rest des Landes. Pensionäre, die weiter unterrichten, Quereinsteiger, aber auch kreative Lösungen in mancher Schule schönen die Statistik. Engpässe sind unausweichlich.

Wo Pädagogen fehlen, fällt zwangsläufig Unterricht aus. Erst im Juni hat das Kultusministerium den Unterricht in allen Schulen abgefragt. In einer Woche fielen landesweit fast fünf Prozent der Stunden aus. Man muss kein Pessimist sein, um zu ahnen, dass das im kommenden Schuljahr nicht anders sein wird.


Tanja Ochs

Tanja Ochs

Autorin

Tanja Ochs arbeitet seit 2000 bei der Heilbronner Stimme und hat lange als Lokalredakteurin für die Kraichgau Stimme geschrieben. Seit 2019 ist sie Teamleiterin im Bereich Familie, Kinder und Bildung. Außerdem kümmert sie sich als Vorsitzende des Vereins Menschen in Not um die Sozialaktion des Medienunternehmens.

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