Im Bönnigheimer Schnapsmuseum wartet der Mörder in der Vitrine

Bönnigheim  Historische Büchsen, ein Ermittlungskoffer à la Sherlock Holmes und moderne kriminaltechnische Untersuchungsapparaturen: Mit viel Liebe zum Detail hat Kurt Satorius eine Sonderausstellung im ersten Obergeschoss des Bönnigheimer Schnapsmuseums zusammengestellt. Leider darf sie im Moment keine Besucher haben.

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Der Lageplan: Der Tatort ist mit einem roten Kreuz gekennzeichnet.

Schrotkugeln und ein gezeichneter Ortsplan gehören ebenso zu den Exponaten, wie eine lebensgroße Puppe im blutverschmierten Hemd. Sie übernimmt die Rolle des ermordeten Bönnigheimer Bürgermeisters von 1835. Ein Kriminalfall, der die Gemeinde am Südrand des Strombergs bis heute nicht loslässt.

Exponate bleiben bis Dezember

Die Ausstellung hat noch keine Besucher. Wann sie zu sehen sein wird, steht wegen der Corona-Krise derzeit noch in den Sternen. "Die Eröffnung war am 4. April vorgesehen", sagt Satorius.

Die Leihgaben aus anderen Museen und von Privatpersonen bleiben bis Dezember im Schwäbischen Schnapsmuseum im historischen Ortskern von Bönnigheim, versichert der Museumsleiter, der zusammen mit Ann Marie Ackermann die Ausstellung konzipiert hat. Die 60-jährige ehemalige US-amerikanische Staatsanwältin hat die Umstände des Mordes umfassend untersucht und in einem preisgekrönten Buch veröffentlicht.

 

Im Bönnigheimer Schnapsmuseum wartet der Mörder in der Vitrine auf die Besucher.

Kurt Satorius inspiziert die Instrumente eines historischen Ermittlungskoffers.

Es ist der 21. Oktober 1835, als gegen 21.45 Uhr ein Schuss die Stille in Bönnigheim zerreißt. Der 41-jährige Bürgermeister Johann Heinrich Rieber wird auf seinem Heimweg von der Gaststätte Am Waldhorn vor seinem Haus von hinten mit einer Ladung Schrot erschossen. Ein Mordfall, der 37 Jahre unaufgeklärt bleibt.

Finsterer Geselle trägt Hut und Mantel

Zehn Eintrittswunden im Rücken, eine Austrittswunde im vorderen Brustkorb sowie eine Wunde am rechten Arm zeugen von der Brutalität des Mordes. In der Vitrine daneben steht der Mörder, wie ihn ein Augenzeuge kurz nach dem Verbrechen beschrieben hat. Der finstere Geselle trägt einen Hut mit tiefer Krempe und einen langen dunklen Mantel, unter dem er auf seiner Flucht den Vorderlader versteckte.

Mörder durch Zufall überführt

Im Bönnigheimer Schnapsmuseum wartet der Mörder in der Vitrine auf die Besucher.

Die ehemalige US-Staatsanwältin Ann Marie Ackermann beugt sich über die Puppen, die den ermordeten Bürgermeister darstellt.

Fotos: Wolfgang Müller

Dass es sich Gottlieb Rüb ist handelt, klärt sich erst im Jahr 1872 auf. "Es ist eher ein Zufall, der den Mörder überführt", sagt Ann Marie Ackermann. Obwohl der damalige Ermittler, Oberamtsrichter Eduard Hammer aus Besigheim, akribische Untersuchungen anstellt und dabei offenbar eine ganz neue Methode anwandte. "Er hat die forensische Ballistik entwickelt", ist die ehemalige Staatsanwältin überzeugt. Denn er war der erste, der die tödlichen Kugeln mit den Läufen möglicher Tatwaffen verglichen hat.

"Hammer konnte seine Ergebnisse in Bönnigheim nicht veröffentlichen, weil das Verbrechen nicht aufgeklärt war", ist die ehemalige Staatsanwältin überzeugt. Hätte er es getan, wäre der bis dahin unbekannte Täter gewarnt gewesen und hätte seine Waffe wohl verschwinden lassen, so die Juristin.

Bei der Aufklärung sind Ermittler und Täter längst tot

Als die Wahrheit über den Bürgermeistermord in Bönnigheim ans Licht kommt, sind Täter und Ermittler längst tot. Der Oberamtsrichter konnte zu Lebzeiten weder Waffe noch Mörder noch Motiv ausmachen. Die Ermittlungsakte ist 800 Seiten stark, so Ann Marie Ackermann. Fünf Monate nach dem Tod des Bürgermeisters stellte Hammer das Verfahren ein.

Im Bönnigheimer Schnapsmuseum wartet der Mörder in der Vitrine auf die Besucher.

Kurt Satorius mit der Rekonstruktion des Bürgermeister-Mörders.

Dass Gottlieb Rüb der Mörder war, ging aus einen Brief hervor, den ein Bönnigheimer Auswanderer 1872 aus den USA schrieb. Er hatte einem Mann aus Philadelphia die Mordgeschichte erzählt. Dieser Mann kannte Rüb. Und er kannte die Umstände des Verbrechens. Nämlich, dass Rüb sich vergeblich beim Forstamt beworben hatte und für seine Absage den Bürgermeister verantwortlich gemacht hatte. Die Bewerbung ist aktenkundig. Rüb selbst ist 1847 im amerikanisch-mexikanischen Krieg gefallen. Er war Freiwilliger bei der US-Armee.

Kriminaltechnische Ballistik

Die Erfindung der kriminaltechnischen Ballistik wird dem französischen Pathologen Alexander Lacassagne zugeschrieben. Mit der Zuordnung des Geschosses zu einer Waffe trug er 1888 zur Aufklärung eines Mordes in Lyon bei. Denn jede Waffe hinterlässt individuelle Spuren an der Austrittskugel. Für die ehemalige US-amerikanische Staatsanwältin Ann Marie Ackermann hat der Mord an den Bönnigheimer Bürgermeister von 1835 deshalb zwei historische Komponenten. Keine Aufklärung eines Verbrechens hat im 19. Jahrhundert in Württemberg länger gedauert. Und der Amtsrichter Eduard Hammer war der erste, der sich dokumentiert der Ballistik bedient hat.

 

Wolfgang Müller

Wolfgang Müller

Autor

Wolfgang Müller arbeitet seit Oktober 2000 in der Regionalredaktion der Heilbronner Stimme. Derzeit berichtet er hauptsächlich aus dem Zabergäu.

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