Hunderte demonstrieren für Erhalt des Knorr-Werks

Heilbronn  Wir sind Knorr: Unter diesem Motto haben am Samstag rund 1000 Menschen in Heilbronn gegen Schließungspläne für das Knorr-Stammwerk protestiert. Arbeitnehmervertreter kritisierten den Mutterkonzern Unilever, zeigten sich aber auch gesprächsbereit.

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Hunderte demonstrieren für Erhalt des Knorr-Werks

Hunderte zogen am Samstag vom Knorr-Werk in der Südstadt zum Kiliansplatz. Dort war die Menge nach Schätzung der Polizei auf 1000 Teilnehmer angewachsen.

Fotos: Andreas Veigel

Auf ihre Gehhilfe gestützt, saß Helena Frauenfelder am Samstagmorgen am Rande der Knorrstraße im Heilbronner Süden und verfolgte den Demonstrationszug. "Dass es so viele werden", sagte die 89-Jährige anerkennend, "hätte ich nicht gedacht." Jahrzehntelang hat Frauenfelder für den Lebensmittelhersteller gearbeitet, der seine Wurzeln in Heilbronn hat und hier am Stammsitz mit noch rund 700 Mitarbeitern Tütensuppen und andere Instantprodukte herstellt.

Ur-Knorrianer: "Es sieht nicht gut aus."

Auch Hermann Fischer reihte sich in den Zug ein. Von 1962 bis zum Ruhestand arbeitete er für Knorr, war im Betriebsrat, hat im Unternehmen viel erlebt. "Es sieht schlecht aus", so die Einschätzung des Ur-Knorrianers, dessen Sohn Thilo Fischer heute dem Betriebsrat vorsitzt. Der britisch-niederländische Konzern Unilever, zu dem Knorr gehört, hat den Standort zur Disposition gestellt. Er habe nur eine Chance, wenn er "in seiner Kostenstruktur radikal umgebaut" werde, hatte Unilever-Produktionschef Marc Engel im Oktober bei einer Betriebsversammlung gefordert.

Proteste gegen "Margenwahn"

"Mensch statt Marge", skandierten die Demonstranten, die vom Werk Richtung Kiliansplatz marschierten. "Werk schließen, kommt nicht in die Tüte" oder "Wir sind Knorr" war auf Plakaten und Aufklebern zu lesen. Knorr gehöre zum "Herz von Heilbronn", betonte Burkhard Siebert bei der Abschlusskundgebung auf dem Kiliansplatz. Der Regionalgeschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kritisierte "Margenwahn für Megaprofite". Schon 2003 hätten Beschäftigte im Rahmen eines Zukunftstarifvertrags auf Gehalt verzichtet.

Betriebsrat fordert Investitionen

Investitionen in den Standort forderte Thilo Fischer. "Lassen Sie uns gemeinsam ein Programm aufstellen", sagte der Betriebsratschef an die Adresse der Unilever-Verantwortlichen. Neue Produkte, Automation, hohe Auslastung - das können laut Fischer die Schlüssel zum Fortbestand des Standorts sein.

Nur auf die Kostenbremse zu treten, sei kein Konzept. Wenn die Perspektive zum Erhalt des Werks ein "Scheinangebot" sei, so Fischer, "dann werten wir das als Kampfansage". Innovationen statt Einsparungen - das forderten auch NGG-Landeschef Uwe Hildebrandt und Martin Kunzmann vom DGB bei der Kundgebung. Eine klare Solidaritätsadresse der Stadt überbrachte Harry Mergel. "Knorr gehört zu Heilbronn wie Kilianskirche, Rathaus und Käthchen", betonte der Oberbürgermeister. Er verwahrte sich gegen Gerüchte, die Stadt habe ein Auge auf das Knorr-Areal geworfen. "Wir haben mit diesen Flächen nur eines vor: Knorr soll am Standort bleiben." Dafür gebe es auch gute Argumente, zeigte sich der OB zuversichtlich. Seit die Schließungspläne bekannt wurden, haben die Knorrianer von vielen Seiten Unterstützung erfahren.

Welle der Solidarität für Beschäftigte

Viele Parteien haben sich für den Erhalt des Werks positioniert. Beim Demonstrationszug waren neben den Bundestagsabgeordneten Josip Juratovic (SPD) und Alexander Throm (CDU) auch Landtagsabgeordneten Susanne Bay (Grüne) Reinhold Gall und Reiner Hinderer (SPD) sowie Vertreter der Partei Die Linke aus der Region in vorderster Reihe dabei. Am Rand der Veranstaltung ging die Unterschriftensammlung weiter, mehr als 8000 Unterstützer haben unterzeichnet. Betriebsratschef Thilo Fischer wertete die Resonanz beim Aktionstag als gutes Zeichen: "Das war ein Gänsehautmoment."


Kommentar: Knorr-Demonstration war ein starkes Zeichen

Von Alexander Hettich

Knorr gehört zu Heilbronn: Das war am Samstag der Refrain im Chor der Protestrufe. Rund 1000 Teilnehmer haben ein starkes Signal dafür gesetzt, dass sie das Stammwerk des Lebensmittelherstellers nicht einfach aufgeben wollen. Eine ganz große Koalition aus Politikern unterschiedlicher Couleur reihte sich in die Demonstration ein, Oberbürgermeister Harry Mergel lief in vorderster Reihe mit. Tausende haben durch ihre Unterschrift Solidarität bekundet.

Eine Stadt, die durch die Zerstörung im Zweiten Weltenkrieg von vielen ihrer Traditionen abgeschnitten wurde, ist stolz auf ihr industrielles Erbe. Geschichte und Verbundenheit zum Arbeitgeber spielen eine größere Rolle, als es manchem in den internationalen Konzernzentralen bewusst sein mag – auch das ist eine Botschaft der Demonstranten, die von einer Abordnung des Singener Maggi-Betriebsrats unterstützt wurden. Maggi gehört zu Nestlé, großer Konkurrent des Knorr-Mutterkonzerns Unilever. Auch das eine bemerkenswerte Koalition.

Erfreulich: Betriebsrat und Gewerkschaften ergingen sich nicht nur in Polemik. Sie zeigten sich bereit, mit dem Mutterkonzern Unilever ernsthaft über die Zukunft des Werks zu verhandeln. Über eine modernere Produktpalette und über Automatisierung, die Einschnitte bei der Belegschaft bedeuten könnte. Nun muss sich zeigen, ob auch Unilever zu ernsthaften Gesprächen bereit ist.

 

Hunderte demonstrieren für Erhalt des Knorr-Werks

Vertreter der Gewerkschaften kritisierten bei der Kundgebung auf dem Kiliansplatz den Knorr-Mutterkonzern Unilever.

 


Alexander Hettich

Alexander Hettich

Autor

Alexander Hettich ist seit 2003 bei der Heilbronner Stimme. Er berichtet über den Kraichgau, Verkehr, Pendler und Themen aus benachbarten Landkreisen. 

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