Höherer Aufwand muss sich für Landwirte lohnen

Waldenburg  Seit Monaten wird intensiv über den Naturschutz und die wirtschaftlichen Zwänge der Landwirte diskutiert. Das Hohebucher Agrargespräch in Waldenburg beleuchtet das Konfliktfeld und macht deutlich: Die Branche ist Teil der Lösung - und des Problems.

Von Reto Bosch
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Höherer Aufwand muss sich für Landwirte lohnen

Die Landwirtschaft im Spannungsfeld zwischen Naturschutz und wirtschaftlichen Zwängen: Selten wurde so intensiv über dieses Thema diskutiert, wie in den vergangenen Monaten. Auch wegen des Artenschutz-Volksbegehrens. Einen Beitrag in dieser Debatte leistete jetzt auch das Hohebucher Agrargespräch des Evangelischen Bauernwerks. Klar wurde: Die Branche ist gleichermaßen Teil des Problems und Teil der Lösung.

Das Bauernwerk will die Diskussion versachlichen. Geschäftsführer Wilfried Häfele: "Es braucht mehr Wissen." Deshalb hat er Dr. Rainer Oppermann zum gut besuchten Agrargespräch eingeladen. Dieser leitet das Institut für Agrarökologie und Biodiversität (IFAB) in Mannheim. Die Einrichtung forscht im Auftrag von Politik, Naturschutzverbänden und der Agrarindustrie an der Schnittstelle zwischen Landwirtschaft und Ökologie. Oppermann erklärte: "42 Prozent der Insektenarten gelten als bestandsgefährdet." Wildbienen, Feldhasen oder Rebhühner - die Bestände sind stark geschrumpft.

Bei der Unkrautbekämpfung die Perfektion übertrieben

Der Artenschwund trifft aber nicht nur die Tierwelt. Beispiel Ackerwildkräuter: Nach Angaben von Rainer Oppermann betrug das Verhältnis Nutzpflanzen zu (Un-)Kraut früher 60 zu 40. Heute liege dieses bei 95 zu 5. "Ohne Ackerwildkräuter fehlt vielen Tieren die Nahrung", sagte der Institutsleiter. Bei der Unkrautbekämpfung sei die Perfektion übertrieben worden. Der Wissenschaftler legt aber auch Wert auf die Feststellung, dass es neben der Landwirtschaft noch viele andere Faktoren gibt, die negativen Folgen für die Biodiversität haben. Dazu gehörten etwa der Flächenverbrauch, ausgedehnte Nachtbeleuchtung oder chemische Stoffe in Luft und Wasser.

 

Viehbestand

Landkreis Heilbronn

Hohenlohe

Rinder

Milchkühe

Schweine

Rinder

Milchkühe

Schweine

2010

180470

13184

4378

35071

22985

7569

2016

158050

3735

26152

21725

7103

13199

HSt-Grafik, Quelle: Statistisches Landesamt

Viehbestand

Landkreis Heilbronn

Rinder

Milchkühe

Schweine

2010

13184

4378

35071

2016

3735

26152

13199

Hohenlohe

Rinder

Milchkühe

Schweine

2010

180470

7569

22985

2016

158050

21725

7103

HSt-Grafik, Quelle: Statistisches Landesamt

 

 

Nach Ansicht von Rainer Oppermann fehlt es an einem flächigen Biotopverbund, dafür gebe es große einheitliche Bestände, in den denen die Abwechslung fehlt. Das sieht Martin Hahn genauso. Er ist selbst Bio-Landwirt, agrarpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Ländliche Erwachsenenbildung Baden-Württemberg. Er sagte in Hohebuch: "In der Bodenseeregion wächst auf 10.000 Hektar Obst." Das beeinflusse natürlich das Ökosystem.

Einkaufsverhalten der Verbraucher hat Konsequenzen

Trotzdem sieht Rainer Oppermann den Schwarzen Peter nicht in den Händen der Landwirte. Massive Konsequenzen hätten das Einkaufsverhalten der Verbraucher und die Agrarpolitik. "Die Landwirte arbeiten in der Regel nach bestem Wissen und Gewissen und nach guter fachlicher Praxis." Was ist also aus Sicht des Wissenschaftlers zu tun? "Artenvielfalt und intensive Landwirtschaft auf derselben Parzelle schließen sich aus", erklärte Oppermann.

Es gebe aber Möglichkeiten, das Eine in das Andere zu integrieren. Dazu sei weitere Forschung, eine passende Ausbildung und eine Beratung der Betriebe notwendig. Eine praktische Möglichkeit sei zum Beispiel, Getreide extensiv anzubauen − nicht nur sporadisch: Laut Rainer Oppermann wären zehn bis 40 Prozent der Flächen nötig. "Kleine Blühstreifen reichen also nicht aus."

Rainer Oppermann, Martin Hahn oder der als Bauer Willi bekannt gewordene Blogger Dr. Willi Kremer-Schillings (Interview folgt) waren sich in Hohebuch in einem Punkt einig: Wenn sich Landwirte für die Biodiversität engagieren, müssen sie dafür entlohnt werden. Mit Wertschätzung, aber auch finanziell. Das könnte über den Markt geschehen. Allerdings sind viele Experten skeptisch, ob Verbraucher tiefer in die Tasche greifen würden. Eine Studie der Uni Osnabrück hat gezeigt, wie weit Willensbekundungen und Einkaufsverhalten auseinanderliegen.

Gefordert wird ein Umsteuern der Agrarförderung

Rainer Oppermann fordert ein zügiges, aber dennoch sanftes Umsteuern der Agrarförderung von einer überwiegend intensiven hin zu einer naturverträglicheren Landwirtschaft. Die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik (GAP) biete viel zu wenig Anreize für Agrarumwelt-Maßnahmen bei Acker- und bei Grünland. Martin Hahn schlug in dieselbe Kerbe: "Wenn 90 Prozent des Geldes weiter als Flächenprämie ausgezahlt wird, wird sich nichts neues entwickeln." Der Deutsche Bauernverband kämpft dagegen für den Erhalt der an die Flächen gebundenen Direktzahlungen aus Brüssel. Diese seien für die Betriebe unverzichtbar, zudem würden sie in der nächsten GAP-Periode wohl stärker an Umweltmaßnahmen gebunden.

Dass Frust und Verunsicherung tief sitzen, machten die Besucher des Agrargesprächs deutlich. Sie zweifeln daran, dass ihnen ein höherer Aufwand dann auch tatsächlich bezahlt wird. Höhere Erzeugerpreise wünschen sich alle Landwirte, es herrscht aber Skepsis vor. Der Ansatz, Produkte regional zu vermarkten, sei wichtig, in seinem Ausmaß aber begrenzt. Dabei wären die Ausgaben für eine an der Artenvielfalt orientierte landwirtschaftliche Produktion überschaubar. Laut Rainer Oppermann würden in Baden-Württemberg gerade einmal 20 Euro pro Einwohner und Jahr ausreichen.


Konsens statt Traumlösung beim Artenschutz-Volksbegehren

Das Artenschutz-Volksbegehren von Pro Biene in Baden-Württemberg lässt sich aus formalen Gründen nicht mehr stoppen. Die Initiatoren sammeln aber keine weiteren Unterschriften mehr. Ziel ist jetzt ein gemeinsam erarbeitetes Gesetz.

Auch durch das Volksbegehren sind nach Ansicht von Martin Hahn viele Gräben aufgebrochen. Zum Beispiel zwischen Landwirtschaft und Naturschützern, zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft. "Auch wenn mit dem Volksbegehren ein Thema weitgehend abgeräumt ist, stehen wir noch am Anfang der Diskussion", sagte der Agrarpolitische Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion beim Hohebucher Agrargespräch.

Landwirte können vielfältigen Wünschen kaum nachkommen 

Insgesamt würden an die Landwirtschaft ganz unterschiedliche Wünsche herangetragen, die kaum zu befriedigen seien. Dazu kämen hoher ökonomischer und sozialer Druck. Hahn schätzt zwar das Engagement der Gruppierungen rund um Pro Biene. Das Begehren sei in seiner ursprünglichen Form aber nicht umsetzbar gewesen, er habe früh einen Kompromissvorschlag gefordert. Nach intensiven Gesprächen von Landesregierung, Landwirten und Initiatoren des Volksbegehrens ist es Ende Dezember zu einer Einigung gekommen, die auch Pro Biene mitträgt.

Baden-Württemberg habe einen ambitionierten Gesetzentwurf gegen das Arten- und Höfesterben auf den Weg gebracht, erklärte der Trägerkreis. "Dieser ist zwar keine Traumlösung für den Umweltschutz, weil er aber den gewünschten Konsens zwischen Politik, Landwirtschaft und Umweltschutz erreicht hat, sehen wir ihn als guten Kompromiss, um schnelle Schritte gegen das Artensterben einzuleiten", sagte Volksbegehren-Sprecher und Initiator David Gerstmeier.

Der Landesbauernverband erkennt das Ziel der Landesregierung an, "den Weg des kooperativen Naturschutzes zu stärken, anstatt mit strikten Vorgaben und Verboten den Familienbetrieben die Perspektiven zu nehmen".

Baden-Württemberg will Geld für den Artenschutz bereitstellen

Das Land verpflichtet sich beispielsweise, bis zum Jahr 2030 den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel landesweit um 40 bis 50 Prozent zu reduzieren. Das Land will in den nächsten zwei Jahren mehr als 60 Millionen Euro für den Artenschutz bereitstellen. Bis zum Jahr 2030 will man den Anteil der ökologischen Landwirtschaft auf 30 bis 40 Prozent steigern. Möglich machen sollen das verbesserte Rahmenbedingungen. Ebenfalls bis zum Jahr 2030 soll der Biotopverbund auf 15 Prozent der Landesfläche wachsen. Neben alldem sind sich die Beteiligten einig: Der Dialog muss fortgesetzt werden. Nicht nur zwischen Landwirtschaft und Naturschützern.


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