Helden des Alltags: Sie halten das System am Laufen

Region  Während bei manchen alles still steht, gibt es aber auch Menschen, die in der Corona-Krise ganz normal weiterarbeiten. Ganz normal? Unserer Zeitung haben sie erzählt, was sich in ihrem Alltag und im Umgang der Menschen miteinander verändert hat.

Von unserer Redaktion
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Ehepaar Nabatian, Restaurantinhaber, Heilbronn

„Wir haben große Einbußen“, sagt Nasrin Nabatian, die zusammen mit ihrem Mann in der Innovationsfabrik ein persisches Restaurant betreibt. Cateringaufträge für Hochzeiten, Konfirmationen oder Geburstagsfeiern, auch die Bewirtung von Seminaren – „alles abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben“.

Aber das Ehepaar will den Kopf nicht hängen lassen, rührt stattdessen kräftig die Werbetrommel. Nasrin Nabatian erzählt, dass sie mit einer verstärkten Präsenz in den sozialen Medien wie Facebook oder Instagram, aber auch Anzeigen in der Heilbronner Stimme derzeit auf sich aufmerksam machen. Und: „Wir werden zunehmend kreativ.“ Ihren Basmatireis vom Fuße des Himalaya-Gebirges bieten sie neuerdings abgepackt zum Verkauf an. Auch online soll er bald zu bestellen sein.

Zudem haben sie sich dazu entschieden, ihre Gerichte ab einem Wert von 40 Euro auszuliefern. Die Kunden könnten das Essen aber auch vor Ort abholen. Das Ehepaar musste seine Mitarbeiterin in Kurzarbeit schicken. Auch wenn ihre Stammkunden weiterhin Essen bestellten, wünscht sich Nasrin Nabatian, „dass alles wieder wird wie früher“.

Peter Breitenbach, Orthopäde und Unfallchirurg, Heilbronn

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Am Empfangstresen im Orthozentrum bittet ein Plakat die Patienten, ausreichend Abstand zueinander zu halten. Auch die Stühle im Wartebereich sind weit auseinandergerückt und teilweise auf dem Flur der Praxis verteilt. „Distanz ist in diesen Zeiten sehr wichtig“, betont Peter Breitenbach. Muss der Orthopäde zur Untersuchung Hand anlegen, desinfiziert er sich sowohl vor als auch nach der Behandlung die Hände. Zudem arbeitet das gesamte Personal nur noch mit Mundschutz.

„Bei Patienten, die über 70 Jahre alt sind, schauen wir, ob wir die Termine umgehen können.“ Einiges könne auch telefonisch geregelt werden, wie zum Beispiel die Verordnung von Physiotherapien oder die Aufstellung von Rezepten. Was ist noch anders, seit Corona den Alltag dominiert? „Wir betreiben deutlich mehr Flächendesinfektion als früher.“

Als Unfallchirurg behandelt Breitenbach auch Arbeitsunfälle, die seien aber stark zurückgegangen. Auch sonst sei die vergangenen Wochen deutlich weniger los gewesen als sonst. „Langsam zieht es aber wieder an.“ Der Orthopäde hat Respekt vor dem Virus, aber keine Angst: „Ich gehe nach wie vor gerne zur Arbeit.“

Suna Üngör, Vertriebsbeauftragte der Postbank, Heilbronn

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In der Postbank-Filiale in der Allee dürfen sich in Zeiten von Corona nur maximal drei Kunden gleichzeitig aufhalten. Das habe zur Folge, dass die Menschen oft bis nach draußen Schlange stehen, erzählt Üngör, die im Vertrieb der Postbank arbeitet. Im Großen und Ganzen akzeptierten die Kunden die neuen Regeln. Dazu zählt auch, beim Anstehen einen Sicherheitsabstand von mindestens zwei Metern einzuhalten. Ausnahmefälle gebe es zwar, „die halten sich aber in Grenzen“.

Einen Wachschutzbeauftragten habe die Filiale bereits angefragt, die seien derzeit aber alle ausgebucht. „Bis uns einer zur Verfügung steht, müssen die Kundenberater abwechselnd im Eingangsbereich nach dem Rechten sehen“, erzählt Üngör. Bevor die Filiale morgens ihre Türen öffnet, werde alles bis auf die Kugelschreiber desinfiziert.

Außerdem tragen alle Mitarbeiter Handschuhe und einen Mundschutz. Über eine Sache freut sich Suna Üngör ganz besonders: „Die Kunden bedanken sich oft bei uns, dass wir trotz dieser Krise geöffnet haben.“ Sie selbst sei auch froh, zu arbeiten und einen normalen Tagesablauf zu haben. „Zuhause würde ich wohl zu viel nachdenken.“

Natalie Halter, SLK-Klinikum am Plattenwald, Bad Friedrichshall

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Für die medizinische Fachangestellte ist mehr denn je Flexibilität gefragt. Natalie Halter arbeitet normalerweise in der Orthopädischen Unfallchirurgie im SLK-Klinikum am Plattenwald. Jetzt gehört sie zu den elf von 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus ihrem Team, die anderweitig eingesetzt werden. Die planbaren Operationen wurden zurückgefahren, und es findet nur noch eine Notfallversorgung statt.

Die 27-Jährige wechselt tageweise an den Gesundbrunnen ins Labor, um Ergebnisse von Covid-19-Tests zu erfassen. „Aufgrund der Mehrbelastung gibt es dort Bedarf.“ Auch das Institut für Infektionsprävention und Klinikhygiene benötigt aktuell Verstärkung, ebenso einige Stationen. Für Natalie Halter ist es eine Selbstverständlichkeit: „Wir alle helfen da aus, wo wir gebraucht werden, und machen das Beste aus der Situation.“

Die SLK-Mitarbeiterin ist angetan vom Umgang der Kollegen untereinander: „Wir waren schon immer ein gutes Team, aber Corona schweißt uns noch mehr zusammen.“ Ihre Hoffnung für die Zeit nach der Krise: „Die neue Wertschätzung für unsere Berufe im Krankenhaus sollte von Dauer sein.“

Jennifer Langen, Reinigungsfachkraft, Obersulm

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Jennifer Langen arbeitet seit fast zwei Jahren als Reinigungsfachkraft im Penny in Willsbach. „Ich liebe meinen Job, der macht mir einfach Spaß. Mein Mann zieht mich manchmal auf, sagt, ich hätte einen Putzfimmel.“ In Zeiten von Corona geht sie aber mit einem komischen Gefühl zur Arbeit. „Jeden Morgen bin ich die Erste, die den Laden betritt. Ich entsorge gebrauchte Taschentücher, reinige die Regale, desinfiziere die Kühltruhen und die Türklinken.“

Dabei trägt Langen lediglich Handschuhe. Die Ausrüstung an Schutzkleidung sei knapp. „Deshalb nähe ich mir zur Zeit meinen eigenen Mundschutz.“ Sie hätte sich gewünscht, dass man insbesondere im Hygiene-Bereich besser vorbereitet gewesen wäre.

Aber nicht nur die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus macht Langen zu schaffen, auch, dass „mir Kunden oft komische Blicke zuwerfen und einen großen Bogen um mich machen“. Früher sei der Umgang untereinander viel herzlicher gewesen. „Als wäre ein Lächeln oder ein freundliches Wort auch ansteckend.“ Nach der Arbeit gibt Langen Kokosöl auf ihre Hände. „Die sind rau wie Schmirgelpapier“, so die 33-Jährige.

Stefanie Axter und Monika Schürmann, Mobile Soziale Dienste der Awo, Öhringen

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Es sind meist Senioren, denen Monika Schürmann (49, links im Bild) und Stefanie Axter (46) im Alltag hilfreich zur Seite stehen. Sie sind Mitarbeiterinnen der mobilen sozialen Dienste der Awo Öhringen. Ob Haushaltshilfe, leichte Pflege oder Betreuung – die gelernte Konditorin und die gelernte Friseurin sind mit Herzblut im Einsatz.

Jetzt in Corona-Zeiten sind sie besonders gefordert. Die Hygiene- und Schutzvorschriften sind sehr streng. Jüngst erreichte sie der Anruf ihrer Chefin für einen Notfall. Eine 86-Jährige, die allein lebt, hatte sich mit Covid-19 infiziert und war ins Krankenhaus gekommen. Ihre Wohnung war durch Begleiterscheinungen der Erkrankung in üblem Zustand.

Ausgestattet mit Schutzanzügen, FFP-Masken, Handschuhen, Schutzbrillen und Schuhüberziehern putzten die Frauen die Wohnung, desinfizierten Türklinken und Schalter, bezogen das Bett neu, füllten den Kühlschrank auf. Wenn die Seniorin wieder nach Hause darf, findet sie dieses blitzblank vor. „Ein bisschen mulmig war mir zunächst schon“, gesteht Axter. Und der Einsatz sei schweißtreibend gewesen, ergänzt Schürmann. Dennoch hätten sie keine Sekunde gezögert zu helfen.

 


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