Heilbronner Verein will Antisemitismus abwehren

Heilbronn  Ein neuer Verein zur Abwehr von Antisemitismus soll schon bald seinen Sitz in Heilbronn haben. Zur Gründung startet das Kaffeehaus Hagen eine Gesprächsreihe zu Rechtsextremismus.

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Beim Auftakt der Kaffeehausgespräche gegen Rechtsextremismus dabei waren der Autor Gunter Haug (von links), Daniel Köhler vom Innenministerium, Kaffeehaus-Chef Hanspeter Hagen, Guido Rebstock, Geschäftsführer Innovationsregion Hohenlohe und die Filmemacher Simon Bendel und Holger Wahl. Foto: Ekkehart Nupnau

Vor geraumer Zeit wollten einige Heilbronner Bürger den Judenhass nicht mehr hinnehmen. Im Oktober 1928 gründeten sie die Ortsgruppe des "Vereins zur Abwehr des Antisemitismus". Der Verein stellte sich gegen die Hetzkampagnen der Nationalsozialisten und klärte in einer Zeitschrift über Verbrechen gegen Juden auf. Kurz nach der Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahr 1933 lösten die Nazis den Verein auf.

Schon bald soll Heilbronn wieder zum Mittelpunkt im Kampf gegen Antisemitismus werden. Guido Rebstock, früher Ministerialdirektor im Wirtschaftsministerium, möchte dafür einen bundesweiten Verein ins Leben rufen, dessen Sitz in Heilbronn sein soll. "Das passt historisch sehr gut und es passt hier nach Heilbronn", sagt Rebstock.

Aufklärung und Diskussionen über Rechtsextremismus

Zur Gründung des Heilbronner Vereins startet das Kaffeehaus Hagen eine Diskussionsreihe. Unter dem Motto "Wehret den Anfängen" soll einmal im Monat über Rechtsextremismus aufgeklärt und diskutiert werden. Wo begegnet uns Rechtsextremismus im Alltag, in Politik und Gesellschaft? Und was kann man gegen ihn tun?

Für den Auftakt der Kaffeehausgespräche haben Sibylle Mösse-Hagen und Hanspeter Hagen Gäste eingeladen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit rechtsextremer Gesinnung beschäftigen. "Wir tragen keine Schuld", stellt der Moderator und Autor Gunter Haug zu Beginn klar, "aber wir tragen Verantwortung dafür, dass sich die Verbrechen der Nationalsozialisten niemals wiederholen". Das klingt simpel, ist aber nicht immer einfach umzusetzen, gibt Haug zu Bedenken. "Rechtsextremismus ist vielschichtig. Er begegnet uns auf allen Ebenen."

Heilbronner Verein soll Antisemitismus abwehren

Dann berichtet Guido Rebstock über die Vorbereitungen für den geplanten Verein "Konsequent" zur "Abwehr von Antisemitismus". Warum Rebstock sich genau jetzt organisieren will, hat viele Gründe: Übergriffe auf Juden im Land, der Mord an Walter Lübcke und die hohe Zustimmung für die AfD. "Wir ganz normale Bürger müssen diesem Treiben ein Ende bereiten. Wir müssen sagen: Es reicht!", fasst Rebstock seine Motivation zusammen.

Was passiert, wenn man sich nicht gegen Rechtsextremismus wehrt, wollen die beiden Weinsberger Filmemacher Simon Bendel und Holger Wahl zeigen. Sie haben alle Zeitzeugen gesucht, die sie in Weinsberg finden konnten und mit ihnen über ihre Erlebnisse gesprochen.

Weinsberger zeigen ihre Stadt zur NS-Zeit und heute

Außerdem zeigen sie Bilder von Weinsberg während der Nazizeit und überblenden sie dann in die Gegenwart. So verschwimmen die Bilder von damals, als an den Fenstern noch Hakenkreuzflaggen hingen und die Musikkapelle in Uniformen der SA spielte. "Wir zeigen den Leuten: Das war nicht irgendwo, sondern das ist genau da passiert, wo du heute stehst", erzählt Wahl. Mittlerweile könne er sich manche Plätze nicht mehr ohne die Eindrücke von damals vorstellen.

Veranstaltungen im Kaffeehaus Hagen

Die Kaffeehausgespräche finden einmal im Monat im Kaffeehaus Hagen in Heilbronn statt. Ziel ist es, das Thema Rechtsextremismus in all seinen Ausprägungen zu beleuchten, etwa durch Diskussionen, Vorträge oder Filme. Die nächste Veranstaltung findet am 8. Januar 2020 statt, der Eintritt ist frei.

Land bietet Beratung für Extremisten an, die aussteigen wollen

Anschließend berichtet Daniel Köhler vom Kompetenzzentrum gegen Extremismus (Konex), das im Innenministerium angesiedelt ist. Konex zielt darauf ab, Extremismus aller Art frühzeitig zu erkennen und bietet etwa Schulungen für Lehrkräfte und Bewährungshelfer an. Außerdem gibt es Fachleute, die all denen helfen, die aus extremistischen Vereinigungen aussteigen wollen. "Jeder kann sich an Konex wenden, wenn er bemerkt, dass sich Familienmitglieder oder Freunde radikalisieren", sagt Köhler.

Den Abschluss macht Felix Steinbrenner von der Landeszentrale für politische Bildung. Die Einrichtung begleitet etwa Schulunterricht und finanziert auch den Besuch von KZ-Gedenkstätten. Um neu aufkeimende Formen des Judenhasses zu bekämpfen, müssten Schulen einen klaren Schwerpunkt darauf legen, die Schulzeit für eine intensive Beschäftigung mit dem Thema nutzen. "Wir haben dafür in Baden-Württemberg gute Voraussetzungen", meint Steinbrenner.

Zuhörer wollen sich einmischen

Die rund 30 Zuschauer mischten sich rege in die Diskussion ein. In Schulen bliebe wenig Zeit, um über KZ-Besuche zu sprechen, sagt eine Zuhörerin. Einer entgegnet, sein Geschichtsunterricht habe vor der NS-Zeit aufgehört. Viele fragten, wie man gegen rechte Aussagen von AfD-Politikern vorgehen könne. Zum Antisemitismus sagte eine Zuhörerin: "Wir sind uns alle einig. Jetzt müssen wir die überzeugen, die heute nicht hier sind."


Christoph Donauer

Christoph Donauer

Autor

Christoph Donauer kümmert sich bei der Stimme um alles, was in Heilbronn, Deutschland und der Welt los ist. Seit 2019 ist er Redakteur für Politik und Wirtschaft. Davor war er als Journalist in Berlin, Brüssel, Dänemark und Stuttgart unterwegs.

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