Heilbronner Gastrobranche benötigt zusätzliches Personal

Heilbronn  Wegen der Bundesgartenschau werden in Gastronomie und Hotellerie rund 400 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Viele Betriebe klagen aber jetzt schon über fehlendes Personal.

Von Jürgen Paul
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Zusätzliches Personal für die Gastrobranche

Exakt 273 Tage sind es noch bis zum Startschuss der Bundesgartenschau in Heilbronn. Dann werden jeden Tag tausende Besucher die Stadt bevölkern, die nicht nur Blumen und Architektur bewundern wollen, sondern auch gut essen, trinken und übernachten möchten.

Rund 400 zusätzliche Arbeitsplätze werden wegen der Buga in der regionalen Gastronomie- und Hotelleriebranche entstehen, haben Experten ausgerechnet.

Mangel geht quer durch die Branche

Das Problem: Schon jetzt klagen Gastronomen und Hotelbesitzer über einen dramatischen Mangel an Arbeitskräften, der sich quer durch die Branche zieht. Köche sind genauso gesucht wie Servicemitarbeiter, Spülkräfte, Küchenhelfer oder Zimmerservice-Kräfte. Die Ansiedelung von Möbel Rieger mit einem großen Gastrobereich verschärft die Situation zusätzlich.

Vor diesem Hintergrund verstärkt die Arbeitsagentur Heilbronn ihre Bemühungen, Personal für die Branche zu gewinnen. Die Agentur steht dazu im Austausch mit den benachbarten Arbeitsagenturen, den Jobcentern, dem Branchenverband Dehoga, der IHK, Bildungsträgern und weiteren Partnern.

Gute Jobchancen auch nach der Buga

Im Mittelpunkt steht die Qualifizierung von arbeitslosen Menschen, von Kandidaten ohne abgeschlossene Berufsausbildung und von Flüchtlingen. "Es gibt gute Beschäftigungsmöglichkeiten in der Gastrobranche - auch nach der Bundesgartenschau", betont Jürgen Czupalla, Leiter der Arbeitsagentur Heilbronn. Er ist überzeugt, dass es trotz der relativ knappen Zeit gelingen wird, die 400 benötigten Mitarbeiter zu bekommen.

Teilqualifizierung sieht Czupalla als schnellen und kostengünstigen Weg an, um Mitarbeiter zu gewinnen. Die sechswöchige Maßnahme wird von der Agentur bezahlt und bietet die Möglichkeit, im Anschluss einen vollwertigen Berufsabschluss zu erlangen. Denkbar ist auch eine Umschulung - hier übernimmt die Agentur einen Teil der Kosten, die Ausbildungszeit wird um ein Drittel verkürzt. "Seit März haben wir 60 Bildungsgutscheine für solche Maßnahmen ausgegeben", zieht Johanna Bursac-Reinhart von der Arbeitsagentur eine positive Zwischenbilanz.

Riesenpotenzial bei Flüchtlingen

"Bei Flüchtlingen sehe ich ein Riesenpotenzial", sagt Michaela Messner vom Bildungsträger Arkus. Arkus hat ebenso wie der Rappenhof in Weinsberg sehr gute Erfahrungen mit Syrern gemacht. Für Björn Siedler vom Bildungspark bietet die Buga zudem die "Chance, jeden einzusetzen".

Die Arbeitsagentur veranstaltet außerdem einmal im Monat eine Weiterbildungsmesse, bei der sich potenzielle Mitarbeiter und Gastrobetriebe kennenlernen können. Und der internationale Personalservice der Agentur vermittelt Fachkräfte aus dem Ausland. "Wir haben derzeit 350 Kandidaten in unserem bundesweiten Pool", sagt Klaudia Schuster von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV).

Gewaltiger Personalbedarf bei Heilbronner Gastronomiebetrieb

Wie groß der Personalbedarf ist, weiß Stephanie Singer vom Heilbronner Restaurant und Caterer Voltino. 40 Mitarbeiter benötigt sie für die Buga, weitere 80 braucht sie für das neue Parkhotel an der Harmonie. "Diese Mitarbeiter werden wir auch nach der Buga behalten", verspricht Singer. "Ich brauche Menschen, die Lust auf Gastronomie haben", betont sie. Die Freude am Beruf ist auch den Buga-Machern wichtig. "Das Thema Willkommenskultur spielt eine zentrale Rolle", sagt Sprecherin Suse Bucher-Pinell.

 

Zahlen

Wie die Arbeitsagentur Heilbronn mitteilt, waren im Gastgewerbe in Stadt und Landkreis Heilbronn Ende 2017 insgesamt 4652 Männer und Frauen beschäftigt. Im Juni 2018 zählte die Behörde in diesem Bereich 225 offene Stellen.

Wie groß der Pool an potenziellen Kandidaten für Qualifizierungsmaßnahmen ist, kann Agenturchef Jürgen Czupalla schlecht einschätzen. "Wir wenden uns ja vor allem an die, die bisher noch nicht im Gastrogewerbe tätig waren." 

 

Kommentar: Höchste Zeit

Von Jürgen Paul

Jürgen Paul
Jürgen Paul

Mit der Bundesgartenschau in Heilbronn verhält es sich wie mit Weihnachten − sie kommt plötzlich und gänzlich unerwartet. Und auf einmal merken die Gastronomen und Hotelbesitzer, dass ihnen jede Menge Mitarbeiter fehlen, um das Mega-Event im kommenden Jahr zu stemmen. Ganze 273 Tage haben die Betriebe noch Zeit, um die jetzt schon klaffende Personallücke zu schließen. Für Ausbildung und Umschulung ist der Zug längst abgefahren, für die sechsmonatige Teilqualifizierung könnte es noch reichen.

Es ist lobenswert, dass die Arbeitsagentur Heilbronn das Problem erkannt hat und gemeinsam mit Partnern gegensteuern will. Befremdlich ist allerdings, dass die Gastrobetriebe nicht schon viel früher alle Hebel in Bewegung gesetzt haben, um sich Personal für das herausragende Ereignis in Heilbronn zu sichern.

Statt jetzt über das fehlende Interesse fürs Kellnern, Kochen oder Bettenmachen zu jammern, hätte sich die Branche längst Gedanken darüber machen können, wie man diese Berufe attraktiver gestalten kann − etwa mit kreativen Arbeitszeitregelungen und einer besseren Bezahlung. Das Problem ist schließlich alles andere als neu. Jetzt müssen schleunigst alle Potenziale gehoben werden, um die 400 neuen Stellen zu besetzen. Denn die Buga und die Stadt können sich 2019 noch so toll präsentieren − wenn der Service im Gastrobereich nicht stimmt, bleibt das den Gästen in Erinnerung. Die einzigartige Chance Buga sollte nicht vertan werden.

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juergen.paul@stimme.de

 

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