Heilbronner Apotheker setzt auf Cannabis-Medikamente

Region  Die Apotheke am Bahnhof in Heilbronn ist für etliche Patienten eine wichtige Bezugsquelle für Cannabis-Präparate. Ihr Inhaber Ralph Herold berichtet von teilweise erstaunlichen Therapieerfolgen und hat sogar ein eigenes Cannabis-Öl entwickelt.

Von Helmut Buchholz

Heilbronner Apotheker setzt auf Cannabis-Medikamente

Cannabis-Blüten auf der Waage in der Heilbronner Apotheke am Bahnhof: Das Rezept für das hauseigene Cannabis-Öl ist ein Betriebsgeheimnis, sagt der Inhaber Ralph Herold.

Fotos: Mario Berger

Seit der Gesetzgeber im März 2017 die medizinische Anwendung von Cannabis erleichtert hat, können Ärzte cannabishaltige Arzneimittel häufiger als zuvor als Therapeutikum verschreiben. Ralph Herold stellt in seiner Apotheke am Bahnhof in Heilbronn sogar ein eigenes Cannabis-Öl für Patienten her. Der 36-Jährige berichtet von zum Teil erstaunlichen Therapieerfolgen. Dennoch müssen Kranke noch darum kämpfen, die Arznei zu erhalten. Herold plädiert generell für die Legalisierung von Cannabis und die kontrollierte Abgabe in Apotheken.

 

Würden Sie Cannabis-Medikamente als Wundermittel bezeichnen?

Ralph Herold: Nein. Es gibt Menschen, denen hilft die Arznei nicht. Das sind nach unserer Erfahrung etwa zehn Prozent. Dennoch sage ich, auch wenn das reißerisch klingt: Für mich sind die Cannabis-Medikamente seit vielen Jahren eine der größten Chancen für viele Patienten. Für mich ist das ein Riesensprung in der Pharmazie.

 

Können Sie Beispiele nennen?

Herold: Es sind mittlerweile mehr als 15 verschiedene Cannabis-Blüten auf dem Markt. Jede hat ihre eigene Wirkung. Da gibt es zum Beispiel eine Blüte, die ist für Leute mit Schlafstörungen hervorragend. Ich kenne einen Fall, bei dem ein Patient seit Jahrzehnten nicht mehr richtig geschlafen hat, der sagt, er schläft jetzt sehr gut. Für ihn ist es das perfekte Medikament. Es gibt aber auch Blüten, die wirken stark auf die Psyche, andere entspannen die Muskulatur. Das Vorteilhafte an den Präparaten ist auch, dass teilweise mehrere Symptome gelindert werden. Hat ein Patient Schmerzen und Schlafstörungen, können wir beides gleichzeitig behandeln.

 

Was für Patienten kommen zu Ihnen?

Herold: Wir haben über 30 Patienten, die sich ein bis zwei Mal im Monat bei uns ihre Medizin abholen. Darunter chronische Schmerzpatienten, denen Opiate nur noch bedingt helfen. Menschen mit chronischen Entzündungen, Tourette-Syndrom, ADHS. Gute Erfahrungen haben auch MS-Kranke gemacht und Menschen mit Behinderungen. Auch Krebspatienten, die sehr starke Schmerzen haben und austherapiert sind.

 

Ihre Apotheke gilt als eine der größten Betäubungsmittel-Apotheken in Nord-Württemberg. Sie geben auch den Heroin-Ersatzstoff Methadon ab. Warum haben Sie ein eigenes Cannabis-Präparat entwickelt, ein Öl?

Herold: Viele Patienten wollten Cannabis nicht inhalieren oder rauchen. Für diese wollen wir eine neue Möglichkeit der Einnahme bieten. Das Öl kann zum Beispiel mit einem Stück Brot eingenommen werden.

 

Cannabis-Medikamente sind knapp. Warum?

Herold: Es gibt Lieferschwierigkeiten für die bisherigen Medikamente auf dem Markt, weil Kanada Marihuana legalisiert hat und auch Großbritannien den Markt für Cannabis-Medikamente geöffnet hat.

 

Aber für Sie ist das doch ein wirtschaftliches Standbein. Stichwort: Apothekensterben.

Herold: Das ist korrekt.

 

Dennoch halten sich Apotheken und Ärzte sehr zurück bei Abgabe und Verschreibung. Wenn ein Patient wirklich Cannabis-Medikamente haben will, muss er regelrecht darum kämpfen. Warum ist das so?

Herold: Es gibt rechtlich eine große Unsicherheit. Wir bewegen uns im Betäubungsmittelgesetz. Der Aufwand ist bei der Herstellung und Lagerung enorm. Alles muss dokumentiert sein, damit bei Kontrollen immer klar ist, wo welche Mengen geblieben sind und kein Missbrauch geschieht. Wenn Sie etwas falsch machen, wenn es auch unabsichtlich war, werden sie zur Verantwortung gezogen. Im Betäubungsmittelrecht werden sofort Freiheitsstrafen verhängt. Vielleicht lassen deshalb viele die Finger davon. Es wäre schön, wenn mehr Apotheken Cannabis-Medikamente abgeben würden.
 

Auch die Krankenkassen bremsen. Cannabis-Therapien sind teuer. Wie teuer?

Herold: Ein Patient bekommt bei uns durchschnittlich 30 Gramm Blüten im Monat, das sind etwa ein Gramm pro Tag. Das kostet die Krankenkasse etwa 850 Euro, inklusive Mehrwertsteuer, im Monat. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten komplett. Es gibt aber auch Patienten mit höherer Dosis, die benötigen Medikamente für 2000 Euro im Monat.
 

Spielt auch eine Rolle bei der Akzeptanz von Cannabis-Medikamenten, dass es sich bei Marihuana um eine illegale Droge handelt?

Herold: Ja, Cannabis ist stigmatisiert.
 

Sind Sie für eine Legalisierung?

Herold: Ich fände es gut, wenn Cannabis legalisiert werden würde. Ich bin dann aber für eine überwachte Abgabe in Apotheken, damit nicht jeder seinen Bedarf im Supermarkt decken kann. So können die Apotheker im Ernstfall einschreiten. Mit der Legalisierung würde auch der Rauschgifthandel trockengelegt. Und ich wüsste als Konsument, ich bekomme in der Apotheke geprüfte Qualität. Pilotprojekte zur legalen Abgabe von Cannabis können zukunftsweisend sein und wären auch in der Stadt Heilbronn realisierbar.
 

Doch macht Cannabis nicht abhängig?

Herold: Die Abhängigkeitsgefahr bei Erwachsenen ist eher gering. Ein regelmäßiger Konsum in hohen nichtmedizinischen Dosen kann abhängig machen.
 

Sie stehen als Apotheker auch zu ihrer sozialen Verantwortung. Man hat manchmal den Eindruck, Ärzte und Apotheken wollen keine Methadon-Patienten, das schreckt die anderen im Wartezimmer und Verkaufsraum ab.

Herold: Wir treten grundsätzlich unvoreingenommen und vorurteilsfrei an jeden Pateinten heran. Ich kenne keine Kunden, die wegbleiben, weil Substitutionspatienten bei uns Methadon bekommen.


Zur Person: Ralph Herold wurde in Lauffen geboren. Der 36-Jährige studierte in Erlangen und Heidelberg Pharmazie und ist seit Juli 2014 Inhaber der Apotheke am Bahnhof in Heilbronn. Die Apotheke gilt als eine der größten Betäubungsmittel-Apotheken in Nord-Württemberg. Die Apotheke hat rund 500 Methadon-Patienten (Methadon ist ein Ersatzstoff für Heroin). 

 

 


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