Heilbronn steht acht Mal im Bausünden-Kalender

Heilbronn  Auf der Suche nach Bausünden ist Architekturhistorikerin Turit Fröbe auch in der Stadt fündig geworden. Neben dem Wollhaus hat sie auch Privathäuser in ihren Abrisskalender aufgenommen.

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So sieht das Frontcover des Abrisskalenders aus. Foto: Dumont Verlag

Können Bausünden schön, vielleicht sogar charmant sein? Ja, findet die Berliner Architekturhistorikerin Dr. Turit Fröbe. Seit 18 Jahren ist sie auf der Jagd nach entsprechenden Beispielen. Fündig geworden ist sie auch in Heilbronn. Acht Mal ist die Käthchenstadt im Kalender "366 Bausünden zum Abreißen" vertreten, der im Dumont Verlag erschienen ist. Aufgenommen in die Ausgabe für das Jahr 2020 hat Fröbe etwa das Wollhaus, das Parkhaus des Landratsamtes mitsamt der Skulptur von Gunther Stilling sowie mehrere Privathäuser.

"Die Sachen, die im Kalender sind, die finde ich eigentlich alle gut, die sind originell und haben schon wieder was. Da lohnt sich der liebevolle Blick. Ich würde nie sagen, dass sie hässlich oder scheußlich sind, ich werte nicht", betont die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität der Künste Berlin. Warum sie die abgebildeten Häuser, Gärten, Garagen und Zäune dann aber als Bausünden bezeichnet? "Ich spiele mit dem Begriff und versuche, ihn ein bisschen zu verschieben", erklärt Fröbe.

Das Ziel: Die Leute sollen hinsehen

Auf den Kalenderblättern sind jeweils ein Foto der "Bausünde", der Ortsname sowie der Hinweis "Abreißen am" mit jeweiligem Datum zu sehen. Eine weitere Erklärung dazu liefert der Kalender in der Regel nicht. "In dem Moment, in dem die Leute hinsehen und sich fragen, was ist denn da eigentlich, habe ich mein Ziel erreicht", erklärt Fröbe.

Auf der Durchreise habe sie im Herbst 2018 in Heilbronn für ein paar Stunden einen Zwischenstopp eingelegt, erzählt die Autorin. "Ich fand die Stadt natürlich gar nicht hässlich, sie ist außerdem wunderschön gelegen zwischen den Weinbergen", erinnert sich die 48-Jährige, die berichtet, dass es nicht einfach gewesen sei, in Heilbronn - und Süddeutschland generell - geeignete Motive für ihren Kalender zu finden. "Ich hatte in Baden-Württemberg ein Mekka für Bausünden erwartet, weil es ja auch so eine Häuslebauerregion ist, aber ich musste sie wirklich mit der Lupe suchen und habe festgestellt, dass die Leute dort nicht wirklich aus der Reihe tanzen", so die Wissenschaftlerin.

Was eine gute Bausünde ausmacht

Das Parkhaus des Heilbronner Landratsamts hat es in die Auswahl geschafft. Foto: Archiv/Veigel

Grundsätzlich unterscheidet Fröbe zweierlei Arten von Bausünden. "Gute Bausünden sind danebengegangen oder aus der Mode gekommen. Sie zeigen aber einen Gestaltungswillen, beweisen Mut, sind wiedererkennbar und ragen damit aus dem Einheitsbrei heraus", sagt die Architekturhistorikerin. Die "schlechten" Bausünden hingegen seien langweilig, austauschbar und böten dem Auge nichts, woran es sich festhalten könne. "Das ist diese Investoren-Einheitsarchitektur, die an vielen Einfall- und Ausfallstraßen und Hauptachsen zu Tausenden zu finden ist", so die Autorin.

Schätzungsweise 60 Städte sind im aktuellen Kalender vertreten. Ungefähr 7000 Fundstücke umfasst nach eigenen Angaben Fröbes private Sammlung - wegen der sich bereits Archive mit Erbanfragen bei ihr gemeldet hätten. "Ich dokumentiere keine Hochglanzarchitektur, sondern die anonyme Alltagsarchitektur und zeige sie so, wie sie in den Städten steht", sagt sie.

Wieder stolz aufs Wollhaus sein

Schon jetzt gebe es viele der Objekte, die sie fotografiert habe, nicht mehr - wie beispielsweise die ehemalige Zeemann-Filiale vor dem Wollhaus, die im Kalender ebenfalls zu finden ist. Das Wollhaus dürfe man nach Meinung der Berlinerin übrigens keinesfalls abreißen. "Heilbronn wird mal stolz darauf gewesen sein und theoretisch könnte man das wieder herauskitzeln", so ihr Kommentar zum Brutalismus-Bau.

Das Heilbronner Planungs- und Baurechtsamt wollte den Kalender nicht kommentieren, da es "mehr oder weniger unmittelbar in die Diskussion um die Zukunft des Wollhaus" eingebunden und von daher in gewisser Weise auch amtlich zur Neutralität verpflichtet" sei, wie es per Mail mitteilte. "Kunst muss Blicke anziehen und zum Denken anregen - auf keinen Fall jedem gefallen. Das hat unser Kunstwerk von Anfang an geschafft", erklärte hingegen Manfred Körner vom Landratsamt Heilbronn mit Blick auf das Landratsamt-Parkhaus und die Stilling-Skulptur. "Während es in der Bauphase viele kritische Kommentare gab, erfahren wir jetzt fast nur noch positive Zustimmung", so der Sprecher.

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Das Wollhaus wird auch von vielen Heilbronnern als Bausünde wahrgenommen.

Rechtslage

Einen Hausbesitzer mag es möglicherweise verärgern, dass sein Gebäude in einem Bausünden-Kalender abgebildet ist. Wie Rechtsanwalt Christopher Wolf aus Stuttgart aber erklärt, "ist es in Deutschland grundsätzlich zulässig, Werke, die sich bleibend an öffentlichen Wegen, Straßen oder Plätzen befinden, durch Lichtbild (oder mit anderen Mitteln der Vervielfältigung wie der Malerei oder Grafik) zu vervielfältigen, zu verbreiten und öffentlich wiederzugeben".

Bei Bauwerken erstreckten sich diese Befugnisse allerdings nur auf die äußere Ansicht, so der Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht. "Folglich sind lediglich Bilder mit einer Kameraeinstellung aus der Perspektive eines Fußgängers von öffentlichen Straßen, Wegen, Plätzen aus zulässig", sagt Wolf weiter.

Und wenn sich der Hausbesitzer aber an den Pranger gestellt sieht? Eine Auseinandersetzung mit dem Bauwerk selbst, so der Anwalt aus Stuttgart, werde man "wahrscheinlich als Meinungsäußerung qualifizieren müssen, die keinerlei persönliche Herabwürdigung des Urhebers, sondern eine sachliche Auseinandersetzung mit dessen Werk zum Ausdruck bringt und daher keine Schmähkritik darstellen kann".


Christoph Feil

Christoph Feil

Autor

Seit 2015 ist Christoph Feil bei der Heilbronner Stimme. Er arbeitet im Ressort Leben und Freizeit. Darüber hinaus schreibt er für das Thementeam Wissen, hat den aktuellen Buchmarkt im Blick und stellt für das "Interview der Woche" Menschen gerne Fragen.

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