Handlettering: Eine analoge Insel im digitalen Overkill

Heilbronn  Von Hand zu schreiben, ist wie Yoga. Schöne Buchstaben liegen im Trend. Warum das so ist, erfährt man beim Besuch eines Handlettering-Workshops in Heilbronn.

Von Helmut Buchholz
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Handlettering heißt der neue Trend. Ein Workshop bei Schreibwaren Seel stieß auf großes Interesse.

Um gute Tipps ist Mike Trendl nicht verlegen. "Es ist kein schlechtes Zeichen, wenn der Stift quietscht", sagt der 22-Jährige im Obergeschosss von Schreibwaren Seel. Zehn Frauen, zwei Kinder und ein Mann sitzen an einem späten Freitagnachmittag um einen langen Tisch gebeugt und schreiben Buchstabe für Buchstabe.

Beim Handlettering-Workshop kommt es auf den richtigen Schwung, Druck auf dem Papier und Konzentration an. Auch die Haltung des Stifts in der Hand ist wichtig. Kursleiter Trendl, der sich den Künstlernamen "Herr Letter" gegeben hat, rät seinen Schülern: "Weniger malen, mehr zeichnen." Und: "Nicht zittern, und auch nicht zu früh den Druck wegnehmen."

Beim Handlettering, der Kunst der schönen Buchstaben, liegt die Schönheit wie so oft im Auge des Betrachters. Es geht weniger um Präzision, mehr darum, "sein eigenes Ding zu machen, der Schrift etwas Besonderes, Individuelles zu geben", erklärt der Schreibtrainer. Die Handletter-Novizen entdecken dabei sich selbst neu. Was sie dabei finden, gefällt nicht jedem. "Ich glaube, wir bleiben lieber beim Backen", sagt eine Teilnehmerin beim Anblick ihres Geschreibsels. Eine andere ist baff: "Wow, sieht das gut aus."

Wider das monotone Tippen auf die Tastatur

Beim Handlettering ist die Haltung des Stifts in der Hand wichtig.

Wie auch immer: Der Handlettering-Kurs ist wie eine analoge Insel im digitalen Overkill der Welt da draußen vor den Türen von Schreibwaren Seel. Zwar eigne sich die Schönbuchstaben-Kunst nicht für Fließtexte, wie Mike Trendl betont. Eher für individuell gestaltete Grußkarten, Schilder, Plakate.

Doch alle Kursteilnehmer eint eine Art Pakt, eine stillschweigende Übereinkunft. Sie gehören zu der Gruppe derer, die es satt haben, mit Fingerkuppen monoton auf Tastaturen oder Touchscreens zu tippen und stattdessen das sinnliche Gefühl wiederentdecken, etwas von von Hand zu schreiben. "Wenn ich am Computer ein "e" drücke, dann ist das "e" immer gleich", erklärt Georg König. Doch wenn er mit der Hand ein "e" schreibt, dann ist das für den 73-Jährigen fast wie "Hirnjogging". Er sieht seiner Schrift an, wie er sich gerade fühlt. Schreiben nach der guten alten Art "beruhigt mich, da kann ich runterfahren".

Ute Nowobilksi schreibt schon seit vielen Jahren von Hand. "Auf eine Tafel, den Einkaufszettel, Notizen. Ich schreibe sogar noch Briefe und Weihnachtspostkarten." Ob das altmodisch ist? Ute Nowobilski ist sich sicher , dass das Pendel gerade wieder umschlägt - weg von Computertastaturen hin zur Handschrift. "Das ist so eine Sehnsucht bei den Menschen." Es ist kein Trend von Ewiggestrigen, die finden, dass früher sowieso alles besser war. Handlettering-Schülerin Sabrina Schäfer ist 25. "Ich schreibe Geburtskarten noch selber", sagt sie. Das findet sie "persönlicher und individueller".

Schreiben schwimmt auf der Do-it-yourself-Welle

Bei dieser Kreativtechnik werden die Buchstaben kunstvoll gezeichnet.

Sabrina Schäfer ist nicht allein. Es ist schon ein Treppenwitz der Geschichte, aber der neue Trend zur Handschrift hat sich über soziale Netzwerke verbreitet. Obwohl das Digitale ja eigentlich eher als Sargnagel des Schreibens von Hand angesehen wird. Selbermachen ist ohnehin zurzeit ziemlich trendy. Und das Schreiben schwimmt nun eben mit auf dieser Do-it-yourself-Welle.

"Der Trend kommt aus den USA zu uns rüber", verrät Schreibtrainer Trendl. "Das boomt alles sehr stark." Die Handlettering-Workshops gibt er seit rund zwei Jahren. Sie sind immer in Nullkommanix ausgebucht. Es melden sich meistens Frauen zwischen 25 und 35 an, ab und zu Kinder und ältere Leute. Männer halten sich noch zurück. "Die trauen sich nicht so", sagt Herr Letter. Das findet er schade, "denn das Thema ist eigentlich unisex". Handlettering sei für manche wie Yoga. "Man denkt nicht an schlechte Sachen, ist kreativ und entspannt."

Eva Schnepf: "Die heutige Generation will wieder etwas in die Hand nehmen."

Schreibwaren-Seel-Chefin Eva Schnepf spielt der Trend zur Handschrift natürlich geschäftlich in die Karten. Sie erklärt sich das Revival so: "Die nach 2000 Geborenen sind mit Eltern aufgewachsen, für die Handy und Computer ganz normal sind. Diese Kinder wollen sich wie alle Kinder irgendwann von ihren Eltern abgrenzen." Es sei auch abschreckend zu sehen, wenn Eltern mit dem Kinderwagen unterwegs sind und "dabei nur aufs Handy glotzen".

Die heutige Generation wolle wieder etwas in die Hand nehmen, und damit ist nicht das Smartphone gemeint. Gutes Schreibgerät sei bei Seel nachgefragt, sagt Eva Schnepf. Sie selbst genießt es regelrecht, mit Füller zu schreiben. "Es gibt nichts Entspannenderes."


Handlettering-Kurse sind im Trend

Die Volkshochschule in Heilbronn hat in diesem Jahr zum ersten Mal einen Handlettering-Kurs angeboten, der aufgrund der hohen Nachfrage schon ausgebucht ist. Interessierte können aber mit weiteren Terminen im nächsten Semester rechnen, so Katrin Gilliar von der VHS: "Wir sind dabei, das Handlettering zu etablieren."

In der Jugendkunstschule starten am 25. April ein Kurs ab 16 Jahren und am 6. Juni ein Kurs ab 12 Jahren. Anmelden kann man sich unter www.vhs-heilbronn.de oder 07131/99650.

Die VHS im Unterland bietet mehrere Kurse zum Thema Handlettering an. Am Montag, 25. März, um 18.30 Uhr findet in der Kurt-von-Marval-Schule in Nordheim "Handlettering mit Watercolour" statt. Weitere Termine unter dem gleichen Titel gibt es am 28. März in Lauffen, am 4. April in Ilsfeld, am 13. Mai in Eberstadt und am 17. Mai in Obersulm. Für Fortgeschrittene gibt es einen Kurs am 29. April in Gundelsheim.

Für Leute, die gerne planen und dabei kreativ sein möchten, dürfte "Handlettering: Bullet Journal" etwas sein. Hier werden individuelle Kalender gestaltet. Beginn ist am Donnerstag, 11. April, um 19 Uhr im VHS-Raum in Lauffen. Weitere Termine und Anmeldung über die 07131/59400 oder online unter www.vhs-unterland.de.

 


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