"Grund und Boden gehört allen"

Heilbronn  Der österreichische Star-Architekt Carlo Baumschlager beklagt zu hohe Grundstückskosten. Er baut im Neckarbogen und lobt die Qualität der Architektur.

Von Bärbel Kistner
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Mit Professor Carlo Baumschlager baut ein international renommierter Architekt zwei Mal im Neckarbogen für den Heilbronner Projektentwickler Kruck und Partner: die neue Jugendherberge und ein Wohngebäude in der Stadtausstellung. Einblick in sein Schaffen und seine Philosophie gab er im Knotenpunkt Inselspitze und sprach über den Stellenwert des Neckarbogens für die Heilbronner Stadtentwicklung.

 

Welchen Einfluss haben Architekten auf das Bauen?

Carlo Baumschlager: Es ist ein landläufiger Irrtum, dass Architekten die Städte bauen. Architekten können nur das machen, was die Gesellschaft von ihnen verlangt. Die Bürger bauen ihre Stadt und diejenigen, die von den Bürgern gewählt werden. Die Bauherren machen die Vorgaben, und der Architekt hat sich danach zu richten.

 

Das klingt nach Interessenskonflikt.

Baumschlager: Architektur ist immer Ausdruck des kulturellen Zustands einer Gesellschaft. Für mich ist es ein Grundprinzip von Architektur, dass wir uns vernünftig verhalten. Dass wir ökologisch und ökonomisch sinnvoll bauen und ein hohes Maß an Qualität für die Nutzer herstellen. Wenn Architekten nur noch Fassaden machen, halte ich das für desaströs. Damit vernichten sich die Städte selber.

 

Beschäftigen wir uns genügend damit, wie wir wohnen?

Baumschlager: Wenn in der Tagesschau berichtet wird, dass wir neue Konzepte für das Wohnen in der Stadt brauchen, hat das Thema an Bedeutung gewonnen. Dennoch gibt es keinen wirklich guten Disput darüber, wie die Stadt sein soll. Wie wollen wir leben? Was brauchen wir für Häuser und Räume? Ganz Deutschland muss tausende Wohnungen bauen. Da gehört mehr Diskussion her.

 

Wie viel von Ihrem Anspruch an gutes Wohnen und Bauen wird im Heilbronner Neckarbogen verwirklicht?

Baumschlager: Es gibt in Heilbronn ein großes Bemühen. Das finde ich außerordentlich. Da gehört die Stadt mal so richtig gelobt. Das Anforderungsprofil an das Bauen und die Präzision, mit der das formuliert wird, gibt es so nicht oft. Das Regelwerk für das Projekt wird Teil der Erfolgsgeschichte sein. Hinter dem Neckarbogen steht eine Vision. Natürlich haben es Visionen so an sich, dass sie nicht zu 100 Prozent in Erfüllung gehen.

 

Nach der Bundesgartenschau wird der Neckarbogen weitergebaut. Glauben Sie, dass sich die Qualität der Modellbebauung halten lässt?

Baumschlager: Das liegt in der Verantwortung der Stadtverwaltung. Man kann es nicht Investoren und Projektentwicklern überlassen, wie dort gebaut wird. Die Modellbebauung ist der Probelauf, mit dem man erste Pflöcke eingeschlagen hat. Ich sehe eine große Chance, dass auch der Rest gut wird.

 

Wie wichtig ist Konzeptvergabe in Heilbronn? Nicht Grundstücke an diejenigen Investoren zu verkaufen, die am meisten bezahlen?

Baumschlager: Die Vergabe der Grundstücke nach dem Konzept des Investors sehe ich im Moment als die einzige Möglichkeit für die Stadt, dass sie die Qualität, die sie sich wünscht, auch kriegen kann.

 

Spricht man über den Neckarbogen, geht es fast immer auch um die hohen Quadratmeterpreise. Muss gutes Wohnen teuer sein?

Baumschlager: Der hohe Preis, den man für das Wohnen bezahlt, liegt am Grund und Boden und nicht an der Architektur. Bei einem Anteil der Grundstückskosten von 50 Prozent ist die rote Linie überschritten. Da bleibt zu wenig Spielraum. In allen großen Städten Deutschlands sind die Grundstückspreise zu hoch. Doch nur darüber kann man die Kosten für das Wohnen steuern. Das ist die Aufgabe einer Stadt. Heilbronn besitzt einigen Grund und Boden, deshalb steht die Stadt gut da und kann Einfluss nehmen.

 

Das Problem ist erkannt. Warum ändert sich trotzdem nichts?

Baumschlager: Soziale Bodennutzung ist ein heikles Thema. In Vorarlberg wird gerade diskutiert, das Vorhalten von Grund und Boden zu besteuern, damit Flächen auf den Markt kommen. Grundstücke zu horten führt zu exorbitanten Preisen und damit zu hohen Wohnkosten. Das zu ändern, ist die Sache von politischen Entscheidungen. Grund und Boden gehört grundsätzlich mal allen, das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Und deshalb muss es Preise geben, die sich auch alle leisten können.

Zur Person

Professor Carlo Baumschlager (Jahrgang 1956) stammt aus Bregenz in Vorarlberg. Er studierte in Wien Industriedesign und Architektur und lehrte unter anderem in New York und Stuttgart. 2010 gründete er mit Jesco Hutter das Münchner Architekturbüro Baumschlager Hutter Partners. Bereits mit seinem früheren Partner Dietmar Eberle hat Baumschlager zahlreiche Architekturpreise und Wettbewerbe gewonnen, viele davon für Wohnbauprojekte. Baumschlager hat auch die Bergstation der Wildspitzbahn im Pitztal gebaut. 

 


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